Kommentar

Revolution im Iran: Wo bleibt die Empörung?

22. Nov. 2022 Damoun
Bild: Nele
Damoun, Insta: @flymetodamoun

„Frau, Leben, Freiheit“ war zunächst ein kurdischer Slogan für die feministischen Proteste im Iran, die sich nun zu einer Revolution im ganzen Land entwickelt haben. Während der Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung im Iran immer mehr Opfer fordert, bleibt es in Deutschland unangenehm still. Damoun, kritische*r Autor*in und Aktivist*in, kommentiert

In den letzten Wochen habe ich mich jeden Abend über die Lage meiner Freund*innen und Familie im Iran informiert, während dort das Internet abgeschaltet ist und Proteste stattfinden. Wenn meine SMS oder Anrufe unbeantwortet bleiben, breche ich in Tränen aus. Was wäre, wenn ich gestern Abend das letzte Mal die Stimme meiner besten Freundin gehört hätte? Dies ist der Kreislauf der Realität für jeden Menschen aus dem Iran seit der Ermordung der 22-jährigen Kurdin Jîna Mahsa Amini am 16. September durch die Sittenpolizei wegen ihres „unethischen Outfits“. Jînas Tod war nicht der erste, aber ein Auslöser für die nächste massive Protest- und Streikwelle. Nach 43 Jahren, in denen der Iran von einem autoritären, brutal-religiösen Regime regiert wurde, wacht der Westen endlich auf.

„Sind die Woken wirklich wach?"

Aber sind die Woken wirklich wach? Warum ist die Mehrheit der intersektionellen Feminist*innen und muslimischen Aktivist*innen für soziale Gerechtigkeit so ruhig? Was ist aus dem Grundsatz geworden, dass niemand von uns frei ist, bis wir alle frei sind? Bestenfalls sehe ich Online-Reposts einer „Sowohl-als-auch“-Analyse, die sich auf das „Recht auf körperliche Souveränität und religiösen Ausdruck“ konzentriert. Dies geht nicht auf die Erfahrungen der Frauen und Queers im Iran ein, die unter einem staatlich geförderten, religiösen Patriarchat leben.

Im Iran ist die Aussage einer Person, die vom Staat als weiblich markiert wurde, vor Gericht nur halb so viel wert wie die eines Mannes. Sie dürfen das Land nicht ohne die Erlaubnis eines männlichen Vormunds verlassen; sie dürfen nicht singen, tanzen oder ihre Haare in der Öffentlichkeit zeigen, sonst drohen ihnen Gefängnis und tödliche, körperliche Bestrafung.

„Warum ist es für Europa normal, säkular und religionskritisch zu sein, aber offenbar nicht akzeptabel, dass Menschen im Iran sich von Religion distanzieren wollen?"

Warum ist es für Europa normal, säkular und religionskritisch zu sein, aber offenbar nicht akzeptabel, dass Menschen im Iran sich von Religion distanzieren wollen? Der Iran hat dreist bestätigt, dass minderjährige Schülerinnen, die wegen Protesten verhaftet wurden, in einem „psychologischen Umerziehungszentrum“ festgehalten und „korrigiert“ werden, während die Leichen anderer junger Demonstrant*innen ihren Eltern übergeben werden. Wo bleibt die weltweite Empörung? Mit jedem Ticken der Uhr verlieren wir viel. Tick, ein*e weitere*r Iraner*in ermordet. Tock, ein*e weitere*r Homosexuelle*r hingerichtet. Tick, ein*e weitere*r Baha’i und ein weiteres Mitglied der jüdischen Minderheit missbraucht. Tock, ein*e weitere*r Kurd*in und Belutsch*in gefoltert.

Die bürokratische Art und Weise, wie Deutschland und die EU mit den Protesten im Iran umgehen, ist beschämend. Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, wurden fast eine Million Geflüchtete in Deutschland willkommen geheißen – so, wie es sich gehört. Es wurden Hilfspakete geschnürt und in Windeseile Millionen an Spenden gesammelt. Ich habe staunend zugesehen, wie die unsichtbaren Eisentore der EU für alle anderen verschlossen blieben. In diesem Kontext mag überraschen: Deutschland war der größte westliche Wirtschafts- und Handelspartner der Islamischen Republik Iran. Leider weniger überraschend: die feministische Außenpolitik Deutschlands bleibt zum Thema Iran still.

Liebe intersektionelle Feminist*innen und Politiker*innen des globalen Nordens, im Iran findet eine feministische Revolution statt. Jetzt ist es an euch zu beweisen, dass ihr euch wirklich dekolonisiert habt.

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