Kommentar zum Non-Binary-Day

Befreiung des Selbst

14. Juli 2022 Damoun
Bild: Tommaso Crogliano
Damoun hat in verschiedenen Gesellschaften Erfahrungen gesammelt, spricht fünf Sprachen fließend und hinterfragt im Schreiben auf Persisch, Englisch, Deutsch und Französisch kulturelle Gewohnheiten, Normen sowie hierarchische und gesellschaftliche Strukturen. Insta: @flymetodamoun

Am 14. Juli ist der Internationale Tag der nichtbinären Menschen. Damoun, nicht binäre*r Autor*in aus Berlin, kommentiert

Ich habe mich niemals offiziell als nichtbinär geoutet, außer vor engen Freund*innen. Das war eine bewusste Entscheidung. Wo ich mich sicher fühlte, erwähnte ich beiläufig meine Pronomen, wenn ich im Gespräch missgendert wurde. Weil ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, in der mich mein offen ausgelebtes, wahres Ich in Gefahr brachte, weiß ich aus erster Hand, welchen mentalen Druck junge Queers verspüren, die nicht das Privileg haben, sich outen zu können.

Dieser Druck hat seine Spuren hinterlassen. Unterbewusst habe ich mich dadurch minderwertig gefühlt, weniger wert als die Out-and-proud-Queers. Auch wenn es wichtig ist, zum Coming-out zu ermutigen und es zu feiern: Dass es diesen Druck und überhaupt die Notwendigkeit dafür gibt, bestätigt automatisch Heterosexualität und die binäre Geschlechterordnung als bestehende Normen. Und es unterstützt die problematische Annahme von „hetero, bis du das Gegenteil beweist“. Im Falle von Nichtbinarität gilt oft: Deine Existenz wird ignoriert, bis du allen Stefans und Annikas glaubhaft gemacht hast, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Wir stehen unter dem paradoxen Druck, eine Geschlechtsrolle zu beweisen, die von der Dominanzgesellschaft gleichzeitig unsichtbar gemacht wird.

„Sichtbarkeit bedeutet für viele von uns Vulnerabilität."

Nichtbinär zu sein ist aber die Befreiung des Selbst. Damit meine ich nicht nur, bestimmte Pronomen zu verwenden. Vielmehr geht es darum, grundsätzlich aufzuhören, Menschen als Mann oder Frau zu sehen, und anzuerkennen, dass Geschlecht ein religiöses, koloniales und soziales Konstrukt ist. Dazu gehören Verhalten und soziale Rollen, die mit dem binären Geschlechtssystem einhergehen.

Sichtbarkeit bedeutet für viele von uns Vulnerabilität. Sie kann gefährlich sein. Wenn sich eine berühmte heterosexuelle cisgender Person hin und wieder genderfluid kleidet, wird sie gern medial dafür gefeiert, dass sie mit den binären Geschlechternormen bricht. Wenn hingegen ich als queere Person of Color außerhalb der binären Geschlechterordnung auf die Straße gehe, erlebe ich oft Gewalt.

Die Tatsache, dass eine weiße, cis hetero Person sich fluide kleiden kann, ohne getötet zu werden, ist schon ein Beweis, dass die Gesellschaft die Identität von tatsächlich genderqueeren und nicht konformen Menschen auszulöschen versucht – und zwar insbesondere die von People of Color. Die Gesellschaft nimmt trans*, inter* und nicht binäre Leben immer noch als „anders“ wahr. Unsere Sicherheit ist in Gefahr, sobald wir unsere wahren Identitäten zeigen.

„Ich schulde niemandem Androgynität oder Erklärungen, nur weil ich nichtbinär bin."

Um zu existieren, müssen nichtbinäre Personen eben nicht für jeden Stefan und jede Annika als solche sichtbar und erkennbar sein. Aber für alle, die trotz allem sichtbar und erkennbar sein wollen und können, gilt: Eines Tages wird zufällig ein queeres Kind an euch vorbeilaufen und sein Leben lang von euch inspiriert sein, weil ihr kompromisslos queer wart.

Nichtbinär zu sein bedeutet für mich auch, Mehrdeutigkeiten anzunehmen, auszuhalten, zu akzeptieren. Mit der Freiheit aller Facetten, in denen ein Körper existieren kann. Meine Geschlechtsidentität ist etwas, das nicht wegen mir oder für mich, sondern vielmehr durch mich existiert, indem ich mich so zeige, wie ich es möchte. Ich schulde niemandem Androgynität oder Erklärungen, nur weil ich nichtbinär bin.

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