Kommentar

Queers aus der SWANA-Region: Keine Befreiung ohne uns!

6. Okt. 2022 Damoun
Bild: Nele
Damoun hat in verschiedenen Gesellschaften Erfahrungen gesammelt und spricht fünf Sprachen fließend. Als nicht binäre*r Autor*in hinterfragt Damoun kulturelle Gewohnheiten, Normen sowie hierarchische und gesellschaftliche Strukturen Insta: @flymetodamoun

Queere Personen aus der SWANA-Region sind häufig vor queerfeindlichen Gesetzen geflohen. Auch in Berlin werden sie bedroht und diskriminiert. Trotzdem werden ihre Stimmen nicht gehört. Eine Kritik von Damoun

Ich gebe monatlich mehr Geld für Taxis aus, als ich mir leisten kann. Nicht, weil ich fancy bin – das bin ich auch, aber der Hauptgrund ist mein Wunsch nach körperlicher und seelischer Unversehrtheit. Anfang Juni wollte ich mit ein paar Freund*innen, alle iranisch und queer, ins SchwuZ. Anfang Juni, das heißt: Regenbogen-Season auf den Bahnsteigen der BVG und der Deutschen Bahn. Ich rief ein Bolt (Taxiunternehmen, Anm. d. Red.). An alle, die jetzt stutzen: Guten Morgen, herzlich willkommen in meiner Wirklichkeit. Die Öffentlichen sind für viele von uns Queers of Color Sperrgebiet, vor allem nachts.

Im Auto klingelte mein Handy, meine Freundin Melika rief an, ich solle auf der Stelle zur Polizeistation gegenüber vom SchwuZ kommen. Dort saß mein Freund Sina im fantastischen Gender-Bender-Outfit auf den Metallstühlen im Gang der Polizeistation. Seine Strumpfhose war in einem ähnlich desolaten Zustand wie seine seelische Verfassung, getrocknete Tränen klebten unter seinen Augen und seine Handtasche hing halb offen auf seinen zitternden Schenkeln. Auch er war mit einem Bolt unterwegs gewesen und erzählte, wie der Fahrer plötzlich während der Fahrt die Handbremse gezogen, Sina mit der Faust bedroht und dabei „Raus! Raus!“ gebrüllt habe. Wie er und sein Mitbewohner aus dem Auto stürzten und um ihr Leben rannten. Der Fahrer habe sie verfolgt und sei dann mit dem Auto davongerast.

Die zuständige Beamtin in der Polizeistation grinste herablassend, stellte meinen frisch traumatisierten Freund wiederholt infrage und nahm ihn nicht ernst. Sie teilte uns schließlich mit, dass sie nichts tun könne, da kein physischer Schaden entstanden sei und der Fahrer keine queerfeindliche Beleidigung von sich gegeben habe. Sina bekam weder Schutz noch Unterstützung, aber auf seine Beschwerde hin eine mitleidige Antwort-Mail von Bolt, in der ihm das Unternehmen „Solidarität und Verständnis“ zusicherte.

„Uns Migrant*innen wird nicht zugehört, wenn wir über unsere spezifischen Traumata sprechen."

Alles schockierend, aber wenig überraschend, zumindest für mich. Der Großteil der queerfeindlichen Angriffe, die sowohl Sina als auch ich erfahren haben, verläuft ähnlich. Der Bolt-Fahrer kommt, genauso wenig überraschend, aus einer ähnlichen geografischen Region wie Sina und ich, wenn auch nicht aus demselben Land. Dass queere Migrant*innen und Geflüchtete in Deutschland an der Schnittstelle verschiedener Diskriminierungen leben, gilt unter Betroffenen bereits als Binse. Wir sind kontinuierlich gezwungen, unsere physische Sicherheit und psychische Unversehrtheit durch die vielen Schichten aus Queerfeindlichkeit und Rassismus zu navigieren.

Auch viele weiße Queers reproduzieren die rassistischen Verhaltensmuster der cis heteronormativen Dominanzgesellschaft mit all den Mikroaggressionen. Von weißen Feminist*innen erfahren wir Gaslighting, wenn wir über unsere Erfahrungen sprechen – oder sie sprechen uns unsere Identität auf ganzer Ebene ab. Viele queere BIPoC, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, sind wiederum damit beschäftigt, ihre eigenen Definitionen von Identitätspolitik aufrechtzuerhalten. Uns Migrant*innen wird jedoch nicht zugehört, wenn wir über unsere spezifischen Traumata sprechen.

„Aber dieser Kampf hat seine Grenze, sobald jene religiösen und politischen Überzeugungen uns bedrohen, angreifen und gefährden."

Um es einmal in der Schärfe eurer WMF-Messersets zu formulieren: Wir, Queers aus der SWANA-Region (also aus Süd- und Westasien und Nordafrika), sind aus unseren Herkunftsländern geflohen, weil dort Regeln und Gesetze unsere Existenz bis hin zur Exekution kriminalisieren. Diese Gesetze haben eine religiöse und politische Legitimation. Wir können keinen ernsthaften Diskurs über die queere Befreiung in BIPoC-Zusammenhängen führen, wenn wir diesen Fakt nicht kritisch als Teil des Problems anerkennen.

Ohne Frage können und müssen wir dafür kämpfen, dass Menschen in Deutschland nicht anhand ihrer religiösen und politischen Überzeugungen diskriminiert werden. Aber dieser Kampf hat seine Grenze, sobald jene religiösen und politischen Überzeugungen uns bedrohen, angreifen und gefährden. Das bedeutet, dass die Herkunft des Taxifahrers leider eine Rolle spielt. Und das heißt auch, dass wir Queers of Color diejenigen sein müssen, die darüber sprechen, um die Deutungshoheit nicht an weiße Personen abzugeben, die uns für ihren Rassismus instrumentalisieren.

Als ich anfing, diesen Text zu schreiben, saßen zwei queere Frauen in Iran im Gefängnis. Der Vorwurf: Sie würden Homosexualität propagieren. Als ich diesen Text zu Ende geschrieben hatte, waren sie bereits zum Tode verurteilt worden. Wir, queere Personen aus der SWANA-Region im Exil, wissen, wovon wir sprechen. Drängt uns nicht aus der Debatte – euer Schweigen gefährdet unser Leben, hier und dort.

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