Umgang mit Hate Speech

Amed Sherwan: „Für differenzierte Kritik am Islamismus braucht es queere Stimmen“

9. Feb. 2021 David Vilentchik
Bild: Andreas Oetker-Kast
Amed Sherwan

Aktivist und Autor Amed Sherwan postete im Dezember ein Bild auf sozialen Medien, auf dem er küssend mit einem Mann vor der Kaaba in Mekka zu sehen ist. Dies löste einen Shitstorm aus, Sherwan bekam sogar Todesdrohungen. SIEGESSÄULE sprach mit ihm über Religionskritik und seinen Umgang mit Hass im Netz

Die Reaktionen auf sein Kuss-Foto sind nicht das erste Mal, dass Sherwan im Netz Anfeindungen erlebt. So war er u. a. 2018 mit Hassbotschaften und Todesdrohungen konfrontiert, als er auf dem Berliner CSD mitlief – in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Allah is gay“. Mit seinen Aktionen will sich Sherwan für mehr Akzeptanz von LGBTI* u. a. in muslimischen Communities einsetzen.

In 2014, im Alter von 15 Jahren, musste Sherwan aus dem Irak nach Deutschland fliehen. Nachdem er sich von seinem islamischen Glauben löste, zeigte ihn sein Vater bei der Polizei an. Er wurde für mehrere Tage ins Gefängnis gebracht und dort gefoltert. Heute wohnt er in Flensburg, wo er sich u. a. für Meinungsfreiheit, LGBTI*-Rechte und das „Recht auf Atheismus“ engagiert. Im Herbst 2020 veröffentlichte er zusammen mit Katrine Hoop seine Autobiografie „Kafir: Allah sei Dank bin ich Atheist“

Amed, kurz vor Weihnachten hast du ein Foto auf Facebook und Instagram hochgeladen, worauf du und ein Freund von dir küssend vor der Kaaba in Mekka zu sehen seid. Du hast dafür viel Zuspruch, allerdings auch Hass und Todesdrohungen erhalten. Warum polarisiert das Foto deiner Ansicht nach so sehr? Es gab mehrere Bilder, auf denen immer derselbe Kuss abgebildet war, allerdings vor verschiedenen religiösen Orten im Hintergrund. Die Reaktionen darauf fielen sehr unterschiedlich aus. Einige störten sich daran, küssende Männer vor den Gotteshäusern zu sehen, aber nur bei dem Bild mit der Kaaba erhielt ich mehrere Morddrohungen. Das liegt sicher auch daran, dass Küsse in Mekka generell verboten sind, aber eben auch daran, dass Homosexualität als Sünde gilt. Und gerade in muslimischen Communities fühlen sich viele sehr schnell verletzt, wenn es um ihre Religion geht. Mir war klar, dass das Bild kontroverse Debatten auslösen wird. Es gab allerdings auch positives Feedback von schwulen, muslimischen Männern. Diese Leute hätte ich nicht erreicht, wenn ich nur geschrieben hätte: „Hey Leute, hört auf, Gewalt gegen Menschen anzuwenden, die anders leben und lieben“. Ich wollte aber eine Diskussion anstoßen. Manchmal braucht es dafür ein starkes Zeichen und da fiel mir die Kaaba in Mekka ein.

Du wurdest aufgrund deiner Posts für eine gewisse Zeit von Facebook und Instagram gesperrt. Dagegen hast du rechtliche Schritte eingeleitet. Warum wurdest du gesperrt? Ich glaube, Facebook hat so reagiert, weil sehr viele Menschen diesen Beitrag gemeldet haben. Es hängt wohl demzufolge von der Anzahl der Meldungen ab. Es haben auch Leute diverse Morddrohungen gegen mich gemeldet. Seltsamerweise verstießen diese offensichtlich nicht gegen die Gemeinschaftsstandards von Facebook und Instagram. Denn im Gegensatz zu meinen Beiträgen wurden diese Inhalte nicht gelöscht. Meine Accounts auf Facebook und Instagram sind jetzt wieder freigeschaltet worden. Die Freischaltung ist erst auf anwaltlichen Druck erfolgt. Am 18. Februar findet wegen der Sperrung und den Löschungen ein Gerichtsverfahren statt. Bei der Verhandlung muss das Unternehmen Facebook darlegen, wie es dazu gekommen ist.

„Das Wichtigste ist, im Dialog zu bleiben, darüber Debatten zu führen, aufzuklären, was hinter der islamistischen Ideologie steckt.“

Wie gehst du mit Hassnachrichten im Netz um? Ich habe schon mehrfach Shitstorms gegen mich erlebt. Eine wirkliche Strategie, damit umzugehen, habe ich allerdings nicht entwickelt. Ich korrespondiere mit dem Landeskriminalamt und habe Kontakt zur Polizei, wenn ich Morddrohungen erhalte. Beim Einwohnermeldeamt habe ich eine Auskunftssperre beantragt. Der Kontakt zur Polizei ist sehr gut. Ich bin froh, dort ernstgenommen zu werden. Allerdings habe ich auch Strafverfahren gegen Leute angestrengt, die mich in sozialen Netzwerken bedroht haben. Diese wurden leider eingestellt.

Das Jahr 2020 war leider von islamistischen Anschlägen geprägt. Einerseits der homophobe Angriff auf ein schwules Paar in Dresden, andererseits die Enthauptung Samuel Patys sowie die Angriffe in Wien und Nizza. Wie kann man dem entgegenwirken? Es waren viele Anschläge. Ich bin jedes Mal wieder erschüttert. Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Es braucht Zeit. Das Wichtigste ist, im Dialog zu bleiben, darüber Debatten zu führen, aufzuklären, was hinter der islamistischen Ideologie steckt.

Wenn es um sogenannte „Islamkritik“ geht: Inwieweit spielt es für dich eine Rolle, von wem diese Kritik formuliert wird? Ich würde sagen, es ist erstmal egal, wer den Islam kritisiert. Die Hauptsache ist, dass man damit das richtige Ziel verfolgt und es um ein besseres Zusammenleben in der Gesellschaft geht. Der Islam und die Kritik an der Religion sind sensible Themen. Ich schaue mir immer an, welchen Background die Person hat, die eine bestimmte Kritik vorbringt. Wenn rechte Parteien die Kritik missbrauchen, um Stimmung gegen Muslime zu machen, dann ist das unerträglich. Und es gibt auch Personen, die nicht aus der rechten Ecke kommen, und dennoch mit ihren Beiträgen nur Hass säen. Ich finde es auch sehr befremdlich, wie viele weiße, nicht-muslimische Leute von dem Thema Islam geradezu besessen sind, obwohl sie meist nicht über die Erfahrungen verfügen, die ich damit gemacht habe.

Wie kann diese Kritik ohne Klischees und konstruierten Feindbildern aussehen? Leider gibt es klischeebeladene Kritik. Man kann nur lernen, damit umzugehen. Wenn zum Beispiel die politische Linke Menschen als Nazis diffamiert, weil sie den Islam kritisieren, dann verhindert sie auch eine Debatte, die dringend nötig ist. Auf der anderen Seite ist es spannend zu sehen, dass wenn ich sage, dass ich rechte Ideologien genauso scheiße finde wie die islamistische, und betone, dass der Islam mit Deutschland vereinbar ist, dann behaupten sofort rechte Trolle, dass ich Befürworter eines Kalifats sei.

„Rechter Kritik am Islamismus geht es nicht um Lösungen, sondern darum, Beweise für die These zu finden, dass Muslime generell gefährlich seien. Deswegen ist eine differenzierte Kritik wichtig, die nicht das Ziel hat auszugrenzen, sondern zusammen Lösungen dafür zu finden, in Vielfalt und Freiheit zusammen zu leben.“

Du hast die politische Linke schon angeschnitten. Der ehemalige Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert veröffentlichte einen Gastbeitrag im Spiegel und forderte: „Die politische Linke sollte ihr Schweigen brechen“. Ist linke bzw. queere Kritik wichtiger denn je? Auf jeden Fall. Ich verstehe, dass es schwer ist, Kritik am Islamismus zu formulieren. Ich erlebe ja selbst, dass meine Kritik schnell rassistisch instrumentalisiert wird. Aber rechter Kritik am Islamismus geht es nicht um Lösungen, sondern darum, Beweise für die These zu finden, dass Muslime generell gefährlich seien. Deswegen ist eine differenzierte Kritik wichtig, die nicht das Ziel hat auszugrenzen, sondern zusammen Lösungen dafür zu finden, in Vielfalt und Freiheit zusammen zu leben. Dafür braucht es aus meiner Sicht Stimmen aus linken und queeren Kreisen.

Du hast im Januar deinen Austritt aus „Die Partei“ angekündigt. Der Grund war ein an Donald Trump gerichteter Post von Martin Sonneborn, der mit rassistischen Klischees spielte. Darf Satire doch nicht alles? Doch, Satire darf alles, solange keine offensichtlich rassistischen und menschenfeindlichen Elemente benutzt werden. Meiner Meinung nach war dieser Post misslungene Satire. Ich muss zugeben, ich war in der Partei nie wirklich aktiv. Ich war nur aus Spaß dabei und will mich eigentlich nicht parteipolitisch zuordnen. Daher war der Austritt sowieso nur eine Frage der Zeit.

„Ich möchte, dass Kinder muslimischer Eltern frei leben, lieben und glauben können.“

Du engagierst dich in der queeren Community. Warum fühlst du dich mit ihr so verbunden? Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Homosexualität eine Krankheit sei. Als ich mich vom islamischen Glauben löste, veränderte sich nicht wirklich diese Vorstellung. Erst als ich Kontakt zur LGBTI*-Community aufbaute, legte ich das ab. Wenn ich Ex-Muslime und queere Muslime miteinander vergleiche, dann stelle ich zumindest fest, dass beide Gruppen in muslimischen Communities von Repressionen betroffen sind. Als Ungläubiger kannst du deinen Nichtglauben einfach verheimlichen, für LGBTI*-Personen ist die Situation viel dramatischer. Ihnen drohen in islamischen Staaten sogar hohe Strafen, sei es Gefängnis oder Steinigung, zum Beispiel in Iran oder Saudi-Arabien. Nicht nur der Staat, sondern auch die Familie übt Druck und Gewalt aus. Ich habe in Irak damals von einem Fall gehört, dass ein Mann von der Familie ausgestoßen und anschließend umgebracht wurde, weil er „schwul aussah“. Ein weiteres Beispiel ist die große Aufregung im Irak über die Vertretung der Europäischen Union, als diese die Regenbogenflagge hisste. Deswegen sind meine Bilder von gleichgeschlechtlichen Küssen wichtige Botschaften. Viele Islamkritiker*innen sprechen das Thema LGBTI* gar nicht erst an, was ich sehr traurig finde. Ihnen geht es oft nicht um Lösungen. Sie werfen den Leuten geradezu vor, dass sie an ihrem Glauben festhalten wollen, obwohl sie queer sind. Das finde ich falsch. Ich möchte, dass Kinder muslimischer Eltern frei leben, lieben und glauben können. Dafür muss man gemeinsam streiten, unabhängig vom Glauben.

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