„Islam und Diversity“

Neue Anlaufstelle für muslimische LGBTI*

13. Okt. 2020 Amanda Beser
Bild: Maximilian Gödecke
Foto (v. l. n. r.): Team der Ibn Rushd-Goethe Moschee: Paula, Tugay, Seyran, Mohamed, Lea Paulina, Krystina

Kürzlich ist eine neue Initiative der Berliner Ibn Rushd-Goethe Moschee an den Start gegangen: Die „Anlaufstelle für Islam und Diversity“, kurz A.I.D., soll queeren Muslim*innen Raum für Austausch und Unterstützung bieten. Am 23.10 findet die Auftaktveranstaltung statt. SIEGESSÄULE-Autorin Amanda Beser sprach mit der Moscheemitbegründerin Seyran Ateş und Tugay Sarac vom Projekt

Spiritueller Schutzraum, muslimische Seelsorge, Netzwerken zu den Themen LGBTI* und Islam, aber auch eine Bündelung von Wissen und Fachkompetenz: all das soll die neu geschaffene „Anlaufstelle für Islam und Diversity“ (A.I.D.) der Ibn Rushd-Goethe Moschee sein.

Die sich selbst als liberal beschreibende Moschee befindet sich in Berlin-Moabit, in einem Nebengebäude der evangelischen Johanniskirche. Ein Projekt explizit für muslimische LGBTI* zu schaffen sei ihr schon immer ein Herzenswunsch gewesen, erzählt Seyran Ateş, Rechtsanwältin und Mitgründerin der Ibn Rushd-Goethe Moschee.

„Von Anfang an war das Thema LGBTI* Teil unserer Arbeit.“

„Ich habe 2009 die Idee zu der liberalen Moschee gehabt. Hauptsächlich wegen des Themas Gleichberechtigung der Geschlechter und wegen der Anliegen und der Anerkennung von queeren Muslimen. 2017 haben wir die Moschee eröffnet. Sie ist das Produkt meiner achtjährigen Recherche, Anstrengung und Vorbereitung. Von Anfang an war das Thema LGBTI* Teil unserer Arbeit. Die Bezeichnung A.I.D. und die Details für das Projekt sind dann im Laufe des Jahres 2019 entstanden.“

Bild: Maximilian Gödecke
Tugay Sarac
„Queer sein und muslimisch sein - mir wurde beigebracht, dass diese Identitäten nicht Hand in Hand gehen können.“

Intersektionaler Ansatz

Ähnlich begeistert ist ihr Neffe Tugay Sarac, der bei A.I.D. mitarbeiten wird: „Queer sein und muslimisch sein sind zwei Sachen, die mich mein Leben lang begleiten und die ich aus meinem Leben weder wegdenken kann noch will. Mir wurde beigebracht, dass diese Identitäten nicht Hand in Hand gehen können. Homosexualität wäre schlecht und krank. Auch von queeren Menschen kriege ich leider immer mal wieder zu hören, dass ich nicht beides leben könne.“ Deshalb finde er die Anlaufstelle gerade mit ihrem intersektionalen Ansatz so wichtig. „Sowohl in der Ibn Rushd-Goethe Moschee als auch mit ihrem Projekt A.I.D. beweisen wir, dass beides, also muslimisch und queer sein, sehr wohl Hand in Hand gehen kann und der Islam eine vielfältige, bunte Religion ist.“

Bild: Maximilian Gödecke
Seyran Ateş

Auftaktveranstaltung am 23.10.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, außerdem seit März dieses Jahres auch vom „Demokratie leben!“-Bundesprogramm gefördert. Startschuss war der 15.03. „Leider war das fast zeitgleich mit dem Corona-Lockdown“, berichtet Tugay. „Deshalb konnten wir keine Auftaktveranstaltung machen.“ Nun soll diese am 23. Oktober in den Räumen der Moschee nachgeholt werden.

A.I.D. hat unter anderem einen eigenen Channel auf Instagram, auf dem Videos zu queeren News aus der Islamischen Welt gepostet werden. Zusätzlich gibt es einen neuen Podcast namens „Queer Almanistan“. Ein regelmäßiger Stammtisch soll auch angeboten werden. Weitere Aktivitäten und Details sind noch offen. „Als Geschäftsführerin der Moschee verantworte ich auch das Projekt A.I.D.“, erklärt Seyran Ateş. „Zudem leisten Beschäftigte und Ehrenamtliche der Moschee Arbeit für das Projekt.“

Das neue Projekt dürfte, wie die Ibn Rushd-Goethe Moschee selbst, in den heterogenen muslimischen Communitys der Stadt auch für Kontroversen sorgen. Der Ansatz der Moschee und ihrer Mitgründerin Seyran Ateş gilt einerseits medial als liberales Berliner „Vorzeigeprojekt“, andererseits gibt es von Ateş Standpunkte, die im Umfeld anderer praktizierender Muslim*innen oder sich als feministisch bezeichnender muslimischer Gruppen Diskussionen auslösten. So etwa die Frage, wie ein Verbot des Kopftuchs für bestimmte Gruppen oder in bestimmten beruflichen Positionen zu bewerten ist. Bis vor Kurzem vertrat Ateş, als Prozessbevollmächtigte des Senats, die Position des Landes Berlin im sogenannten Kopftuchverbotsprozess. Seit 2018 wird der Fall vor Gericht verhandelt, weil das Land Berlin einer muslimischen Grundschullehrerin das Kopftuchtragen im Unterricht untersagt. Ateş gehörte auch zu den ersten Unterzeichner*innen einer Petition der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes für das Kopftuchverbot bei minderjährigen Mädchen und bildet neben Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer einen prominenten Support dieser Kampagne.

LSVD-Geschäftsführer Jörg Steinert kündigt Mitarbeit an

Für eventuelle Debatten rund um das neue Projekt A.I.D. könnte zudem noch sorgen, dass unter anderem Jörg Steinert seine Beteiligung angekündigt hat. Der langjährige Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg e. V. (LSVD BB) wird seine Tätigkeit beim Verband zum Jahreswechsel beenden. Wie der Tagesspiegel berichtete, will Steinert stattdessen in Zukunft als „Berater auf Honorarbasis“ für die Ibn Rushd-Goethe Moschee tätig sein, insbesondere im Rahmen der neuen Anlaufstelle.

Steinert ist in der queeren Community nicht unumstritten: Unter anderem aufgrund einer Auseinandersetzung mit Juliane Fischer, der Spandauer Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten. Fischer hatte ihm im letzten Jahr vor einer öffentlichen Fahnenhissung einige kritische Nachfragen per E-Mail geschickt: so zur Haltung Steinerts in einem vergangenen Konflikt um Arbeitsbedingungen im LSVD BB, der in 2018 zu einem Verlust von mehr als zwei Dritteln der Belegschaft geführt hatte. Steinert reagierte empört auf diese Nachfragen, in der Folge kam es zu einer Shitstorm-Kampagne gegen die Gleichstellungsbeauftragte, in die unter anderem auch die AfD involviert war. Einer der LSVD-Bundesvorstände, Alfonso Pantisano, forderte daraufhin Steinerts Rücktritt. (SIEGESSÄULE berichtete über den Fall: „Dieser Damm hätte nicht brechen dürfen: Der Fall Jörg Steinert“, Kommentar von Stephanie Kuhnen, und im Artikel: „Bezirksbürgermeister stellt sich hinter Frauenbeauftragte: Shitstorm beenden!")

Trotz dieser Streitpunkte sei Steinerts Unterstützung ihnen sehr willkommen, sagen Ateş und Sarac. „Jörg hat im Bereich des LGBTIQ*-Aktivismus mehr Erfahrung als viele andere Menschen“, fasst Sarac die Entscheidung zusammen. „Er wird uns in der kommenden Zeit beraten und mit Menschen vernetzen, mit denen wir zusammenarbeiten können und wollen.“

Ehrgeizige Pläne

Die Pläne, wie es mit den Projekten zu queeren Themen innerhalb der Moschee weitergehen soll, sind durchaus ehrgeizig: Längerfristig will Ateş unter anderem Ausbildungen zur Iman*in auch für LGBTI* auf die Beine stellen. Muslimische Eheschließungen, Scheidungen oder Trauerfeierlichkeiten für queere Muslim*innen finden jetzt bereits statt. Außerdem soll es, wie es auf der Moschee-Homepage heißt, jederzeit Raum geben für LGBTI*, „die sich von ihrer Religion verabschiedet haben und die nun, mit einem entstandenen Gefühl innerer Zerrissenheit, darüber reden möchten“.

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