LGBTIQ* in der Armee

Anastasia Biefang: „Mehr Diversität schadet der Bundeswehr nicht"

10. Mai 2022 Paula Balov
Bild: Franziska Siegel
Anastasia Biefang, stellvertretende Vorsitzende von QueerBw

Was bedeuten die queerfeindlichen Debatten um die Bundeswehr für LGBTIQ* in der Armee? SIEGESSÄULE sprach mit Anastasia Biefang, trans* Aktivistin und stellvertretende Vorsitzende von QueerBw – der Interessenvertretung der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, inter- und andersgeschlechtlichen Angehörigen der Bundeswehr

Seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs steht auch die Bundeswehr im Zentrum der Aufmerksamkeit: Mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro will die Bundesregierung die als marode geltende Armee aufrüsten. Parallel dazu entspann sich eine von queerfeindlichen und antifeministischen Positionen geprägte Debatte, in der die Forderung nach militärischer Stärke mit toxischen Männlichkeitsvorstellungen und einem heteronormativen Bild der Streitkräfte einherging. Doch wie nehmen queere Menschen in der Bundeswehr diese aktuellen Diskurse wahr? Ein Gespräch mit Anastasia Biefang

Anastasia, kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges, wurden Stimmen laut, die eine vermeintliche militärische Schwäche Deutschlands bemängelten. Bestrebungen für mehr queere Akzeptanz oder Diversität innerhalb der Bundeswehr wurden als Beleg für ein verweichlichtes Deutschland herangezogen. Wie hast du diese Diskurse wahrgenommen? Die Debatte ging als queere Person in den Streitkräften natürlich nicht an mir vorbei. Da muss ich in den letzten Monaten nur meine eigenen Twitter- und Instagram-Profile durchgucken: In den Kommentaren werde ich ja selbst immer wieder zum Sinnbild für die „Verweichlichung“ und „fehlende Wehrhaftigkeit“ der deutschen Streitkräfte gemacht. Dass ich seit 28 Jahren Soldatin bin und zwei Auslandseinsätze gefahren habe, wird dabei ausgeblendet. Mit der Verabschiedung des 100-Milliarden-Pakets für die Bundeswehr, plädieren nun konservative Stimmen, jetzt müssten wir uns endlich auf die „richtigen Themen“ konzentrieren. Das hat einen faden Beigeschmack.

Was sollen denn diese „richtigen Themen“ sein? Es heißt: „Wir müssen jetzt wieder Fregatten bauen! Wir brauchen Panzer! Jetzt muss man sich nicht mehr um Frauenquoten kümmern. Jetzt geht es einfach darum stark zu sein.“ Es entsteht eine total verzerrte Wahrnehmung. Vielfalt und Stärke sind überhaupt kein Gegensatz. Diese Aussagen verkennen, dass viele Armeen mit einem hohen Frauenanteil sehr erfolgreich und verteidigungsfähig sind. Mehr Diversität schadet der Bundeswehr nicht. Mir nützen auch Fregatten nichts, wenn ich keine Besatzungen dafür habe. Wer davon ausgeht, ein schwuler Soldat oder eine transidente Soldatin hätte nicht den gleichen Gefechtswert wie ein weißer, heterosexueller cis Mann, der weiß eben nicht, wie die Realität in vielen Streitkräften dieser Welt aussieht.

„Wir sind plötzlich wieder in einer sexistischen, binären und heteronormativen Geschlechterordnung: Der Mann verteidigt Haus und Hof, Frau und Kinder."

Sind diese Diskurse also bloß ein Versuch ein traditionelles Geschlechterbild aufrechtzuerhalten und sexistische, queer-feindliche Positionen salonfähig zu machen? Die Gefahr ist da. Wir von QueerBw machen uns Sorgen, dass das tatsächlich salonfähig werden könnte. Das darf nicht passieren, weil damit die Fortschritte in Sachen Vielfalt und Inklusion bei der Bundeswehr rückläufig werden könnten. Menschen könnten dann ihren Dienst nicht mehr aufrichtig tun, weil sie einen Teil von sich verstecken müssten. Gefährlich ist, dass ein Idealbild von Männlichkeit stilisiert wird – das einzig Tragende sei Kampfkraft und Stärke nach außen. Wir sind plötzlich wieder in einer sexistischen, binären und heteronormativen Geschlechterordnung: Der Mann verteidigt Haus und Hof, Frau und Kinder.

Der WeltN24-Chefredakteur Ulf Oliver Poschardt meinte, eine „feministische Außenpolitik“ würde im Kreml nur Amüsement hervorrufen. Dabei dürfte Putin Anti-Feminismus ja eigentlich begrüßen. Wie siehst du das? Feminismus wird wieder mit Schwäche in Verbindung gebracht, was ich sehr verstörend finde. Eine feministische Perspektive in die Außenpolitik einzubringen, bedeutet auch anzuerkennen, wer die Bürden des Krieges schultern muss und wer im Krieg besonders vulnerabel ist – das sind nun mal auch oft Frauen, queere Menschen, Minderheiten. Der anti-feministische Tenor dieser Diskurse verkennt das.

„Man muss sich anschauen, wie queere Menschen in Russland behandelt werden. Ich kann verstehen, wenn eine queere Person sagt: Dafür nehme ich die Waffe in die Hand."

In der queeren Community gibt es einen starken Hang zu Antimilitarismus und Pazifismus. Das Militär gilt dabei oft als Sinnbild für patriarchale und nationalistische Gewalt. Gleichzeitig sehen wir, dass die LGBTIQ* Communtiy in der Ukraine besonders unter dem Krieg leidet und auch queere Ukrainer*innen kämpfen und z.B. „LBGT Brigaden“ gebildet haben. Verkompliziert das diese Sichtweise? Ich kann natürlich in Zeiten tiefsten Friedens eine sehr einfache Sichtweise auf das Militär haben. Und jetzt ist der Krieg nah vor der eigenen Haustür. Ich glaube, gerade in Berlin gibt es sehr viele Menschen, die auch Ukrainer*innen kennen und deshalb indirekt betroffen sind. Dann ist eine einfache Aussage vielleicht nicht mehr haltbar. Was die nationalistische und patriarchale Gewalt betrifft: Die queeren Ukrainer*innen, die kämpfen, tun dies ja nicht unbedingt aus Nationalstolz heraus, sondern weil sie gewisse Werte wie die Freiheit sich als queere Menschen nicht verstecken zu müssen, verteidigen. Man muss sich ja nur anschauen, wie queere Menschen in Russland unter Putin behandelt werden. Ich kann verstehen, wenn da eine queere Person sagt: Dafür nehme ich die Waffe in die Hand. Hier ist es wichtig den Diskurs zuzulassen und nicht zu verkürzen. Denn es gibt leider keine einfache Antwort. Zumindest sollten wir anerkennen, dass es in unterschiedlichen Notlagen unterschiedliche Gründe gibt, die Menschen dazu bewegen zu kämpfen – für ihre Rechte, für ihre Freiheit, aus Angst vor Flucht usw. Dem gegenüber stehen Menschen, die eben nicht kämpfen können oder wollen, was aus meiner Sicht genauso respektiert werden muss. Wir sehen ja auch, dass viele trans Frauen flüchten, weil sie in der Ukraine nicht als Frauen anerkannt sind und in den Militärdienst eingezogen werden.

„Ich überlasse jedem die Freiheit zu sagen: Ich finde Militär immer noch scheiße."

Sollte sich das Verhältnis der queeren Community gegenüber dem Militär deiner Meinung nach verändern? Das ist eine schwierige Frage, weil die Einstellung zum Militär eine sehr persönliche ist. Militär ist für viele ein sehr abstraktes Thema, weil sie keinen Bezug dazu haben. Wir sind in einem Land, wo Friedenspolitik vor allem mit der Abwesenheit von Militär verbunden wird. Meiner Meinung nach besteht die Aufgabe nicht darin, queere Menschen davon zu überzeugen, dass Militär etwas Gutes ist. Ich überlasse jedem die Freiheit zu sagen: Ich finde Militär immer noch scheiße. Dann ist das eine aus meiner Sicht sehr verkürzte Sicht, aber ich akzeptiere sie. Es sollte darum gehen einen offenen Dialog zu führen. Dabei sollte unterschieden werden zwischen Militäreinsätzen und Inklusion innerhalb der Bundeswehr. Denn auch wenn jemand beispielsweise antimilitaristisch ist und Militäreinsätze grundsätzlich ablehnt, kann er trotzdem anerkennen, dass die Menschen innerhalb der Bundeswehr ein Recht darauf haben, ihren Dienst in einem diskriminierungsfreien Umfeld zu verrichten. Oder, dass nur die Menschen Soldat*innen werden sollten, die es auch möchten – unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Herkunft.

„Ich bin Anastasia", D 2019, Dokumentarfilm von Thomas Ladenburger über Anastasia Biefang

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