Interview

„Eine große Tragödie": Queere Geflüchtete aus der Ukraine

6. Apr. 2022 Michael G. Meyer
Bild: Jason Harrell
Tanya (re.), ihr Sohn (Mitte) und Anastasia (li.)

SIEGESSÄULE sprach mit Tanya und Anastasia über ihre Flucht aus der Ukraine

Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine kommen immer mehr Geflüchtete in Berlin an, darunter auch LGBTIQ*. Quarteera e. V., der Verband von russischsprachigen LGBTIQ* in Deutschland, organisiert als Teil des Bündnisses „Queere Nothilfe Ukraine" u. a. die Vermittlung von sicheren Unterkünften. Bis Ende März waren es rund 300 queere Geflüchtete, denen Quarteera geholfen hat. Primär queere Frauen, denn alle Männer zwischen 18 und 60 müssen im Land bleiben und werden zu den Waffen gerufen. SIEGESSÄULE-Autor Michael G. Meyer sprach mit den Ukrainerinnen Tanya und Anastasia. Tanya ist aus Kyjiw, hat einen Sohn, ihre Frau ist noch in der ukrainischen Hauptstadt. Anastasia stammt aus Charkiw und ist mit ihrer Freundin geflohen, deren Eltern noch dort ausharren. Zum Gespräch erscheint Anastasia allerdings ohne ihre Freundin. Für sie ist die Situation zu belastend, um ein Interview zu geben

Wann stand für euch fest, dass ihr aus der Ukraine fliehen müsst? Anastasia: Ich und meine Freundin dachten in den Tagen vor dem Krieg, dass Russland die Ukraine auf keinen Fall angreifen würde. Das erschien uns so unlogisch und unrealistisch. Auch als US-Präsident Joe Biden darüber sprach, haben wir es noch auf die leichte Schulter genommen. Aber das änderte sich dann. Am Tag des Kriegsbeginns, also am Donnerstag, den 24. Februar, habe ich um fünf Uhr morgens einen Anruf von einem Freund bekommen, den ich aber nicht angenommen habe. Er schrieb dann noch eine SMS, der Krieg sei ausgebrochen. Ich nahm das nicht ernst und wir haben dann einfach weitergeschlafen. Das war sicher leichtfertig. Später am selben Morgen gab es Detonationen in der Nähe unseres Hauses und eine Freundin von mir rief an. Auch sie sagte, dass die Russen die Ukraine angreifen würden. Da war uns klar: Das ist jetzt ernst. Wir sind dann zu Freunden gefahren, saßen da zu sechst und haben erst mal lange geredet und geplant, wie wir am besten fliehen können.

Tanya: Das war bei uns auch so, wir haben bis zum letzten Moment nicht geglaubt, dass Bomben fallen würden. Mein Vater rief mich an dem Morgen ganz aufgeregt an und sagte: Wir müssen fliehen! Uns war klar, dass, wenn die Bombardierungen losgehen, bald die ganze Stadt unter Beschuss stehen würde. Und klar war auch, dass, selbst wenn der Krieg nach einer Woche vorbei wäre, alles sehr schwierig werden würde, zum Beispiel mit der Versorgungslage. Ich muss ja auch für meinen Sohn sorgen. All diese Entscheidungen so schnell zu treffen war wirklich nicht einfach.

Wie ist eure Flucht verlaufen, wie seid ihr nach Berlin gekommen? Tanya: Ich hatte Glück und habe über Instagram einen Kontakt zu einer Frau in Lwiw hergestellt, sie erzählte mir vom Verein Quarteera in Berlin. Sie hat mir geholfen, den Kontakt herzustellen. Meine Eltern haben uns dann an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Sie wohnen in einem Dorf auf dem Land in der Nähe von Kyjiw und können sich selbst versorgen, das geht im Moment noch ganz gut. Mein Schwager hilft ihnen auch, das klappt schon. Aber wir wissen halt nicht, wie der Krieg weitergeht.

Anastasia: Bei uns war es chaotischer. Unsere Gruppe hat sich getrennt, vier von uns sind mit dem Auto gefahren. Meine Freundin und ich wollten das aber nicht wegen der Angriffe und Detonationen, die wir hörten. Wir sind dann erst am nächsten Tag mit einem Taxi zum Bahnhof in Charkiw gefahren. Wir haben unsere Koffer in der Wohnung gelassen, sind nur mit unseren Rucksäcken los, dann sind wir mit dem Zug über Polen nach Berlin gekommen.

„Leider konnte sie wegen der vielen Angriffe auf die Fluchtkorridore bislang nicht fliehen."

Wie war denn euer Leben in der Ukraine, bevor der Krieg begann? Anastasia: Ich habe lange in Polen gearbeitet, bin aber vor zwei Monaten in die Ukraine zurückgekehrt, um mein Visum zu verlängern. Ich wollte für bessere berufliche Chancen perspektivisch ohnehin mit meiner Freundin die Ukraine verlassen. Uns war aber nicht klar, dass das so schnell und überstürzt passieren würde. Wir mussten uns ja von einem Moment zum anderen entscheiden.

Tanya: Mein Leben war ganz normal. Wir sind arbeiten gegangen, ich wollte mir mit meiner Frau ein besseres Leben aufbauen, in eine andere Wohnung ziehen. Aber nun steht das alles infrage. Meine Frau ist noch immer in einem Vorort von Kyjiw, auch meine Mutter und Oma sind noch dort. Das alles ist sehr belastend. Wir sind in Kontakt via Messenger, aber das Internet und der Mobilfunk fallen oft aus. Manchmal höre ich einen halben Tag nichts von meiner Frau. Leider konnte sie wegen der vielen Angriffe auf die Fluchtkorridore bislang nicht fliehen. Ich hoffe, dass sich das noch ändert und sie herkommen kann.

„Er will vor allem nicht auf Menschen schießen."

Wart ihr gut vernetzt in der LGBTIQ*-Community? Wie ist da die Situation gerade in der Ukraine, wie geht es euren Freund*innen? Tanya: Ich habe nicht so viele Freund*innen aus der LGBTIQ*-Community. Aber klar, ich kenne auch lesbische und schwule Leute in Kyjiw. Ein Freund von mir ist schwul und darf derzeit nicht ausreisen. Er ist HIV-positiv und macht sich entsprechend sehr große Sorgen. Er will vor allem nicht an die Waffen und auf Menschen schießen. Ich will ihm helfen, aber das ist nicht so einfach. Ich hoffe, dass alle meine Freund*innen diesen Krieg überstehen. Wir halten Kontakt, so gut es geht.

Anastasia: Bei uns ist es so, dass eigentlich alle unsere schwulen und lesbischen Freund*innen geflohen sind, noch am ersten Tag. Von ihnen ist niemand mehr in Charkiw. Sie sind nach Lwiw in den Westen der Ukraine geflohen. Ein paar unserer Freund*innen sind jetzt in Deutschland oder in Polen. Allerdings ist es so, dass die Eltern meiner Freundin in Charkiw geblieben sind. Sie leidet sehr darunter und hat jedes Mal Angst davor, ihre Eltern anzurufen. Sie macht sich sehr viele Sorgen, ist traumatisiert. Charkiw wurde ja schon früh stark von den Russen bombardiert und angegriffen, und wir hoffen, dass ihre Eltern dort irgendwie über die Runden kommen.

„Als wir beschlossen zu fliehen, war mir bewusst, dass wir wahrscheinlich in den nächsten Jahren nicht in die Ukraine zurückkehren können."

Wie sind eure Pläne, werdet ihr länger in Berlin bleiben? Tanya: Das Wichtigste ist, dass mein Sohn hier in die Schule gehen kann. Ich will auch meine Frau nachholen. Als wir beschlossen zu fliehen, war mir bewusst, dass wir wahrscheinlich in den nächsten Jahren nicht in die Ukraine zurückkehren können. Ich habe mich darauf eingestellt. Aber wir machen im Moment keine längerfristigen Pläne, leben mehr oder weniger von Tag zu Tag. Wir müssen all das für uns auch erst mal verarbeiten.

Anastasia: Auch uns war bei der Flucht klar, dass das jetzt eine längerfristige Sache werden würde. Man muss auch bedenken: Selbst wenn wir jetzt zurückgingen, wo würden wir leben, wo arbeiten? Wir lieben unsere Heimat, unsere Stadt, auch unsere Freund*innen vermissen wir. Wir alle haben ein großes Trauma erlitten, haben Angst bei jedem lauten Knall und Geräusch. Wir wissen derzeit nicht genau, ob wir in Berlin bleiben werden. Die EU hat es den Ukrainer*innen freigestellt, in welchem Land sie sich niederlassen. Das überlegen wir noch. In jedem Fall ist der Krieg für uns und unsere Freund*innen eine große Tragödie, von der niemand weiß, wie sie ausgeht.

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Bild: Quarteera

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