Asexuell und kinky? Kein Widerspruch!
Asexualität und Kink schließen sich nicht aus. Der Grund, warum dies jedoch oft angenommen wird, ist ein verkürztes Verständnis von Asexualität. Doch die Grenzen von Lust, Intimität, Kink und Anziehung sind längst nicht so klar, wie sie oft scheinen. Sophie Gusenko, u.a. Autorin von „Asexual Slut“ und „Queerdenkende“, kommentiert
Wenn in Berlin der Internationale Tag der Asexualität am 6. April und die Easter Fetish Week auf denselben Tag fallen, mag man erstmal über den witzigen Zufall schmunzeln. Aber ich glaube, dass es keinen besseren Anlass geben könnte, um den vermeintlichen Widerspruch von Ace, Sex und Kink unter die Lupe zu nehmen.
Bei dem Begriff „Asexualität“ kommt jedem ein großes NEIN in den Sinn. Als hätte man „wenig bis gar keine sexuelle Anziehung“ im Kopf durch das Synonymwörterbuch gejagt bis daraus letzlich „keine Lust“, „kein Bedürfnis“ oder „kein Sex“ herausspringt, als seien das bloß verschiedene Ausdrücke desselben Mangels.
Dieser Grundgedanke zieht sich auch über meine gesamte „For You“-Page auf Instagram: „Ich dachte ich wäre asexuell … bis ich mich von meinem toxischen Freund getrennt habe, bis ich mein Trauma verarbeitet habe, bis ich meine Antidepressiva abgesetzt habe, bis ich so richtig geilen Sex hatte!“ Asexualität taucht darin nicht als legitime Orientierung auf, sondern wird als Defizit gerahmt, mit dem man keineswegs in Verbindung gebracht werden will. Da wäre einem ja Laktoseintoleranz lieber.
Sex ist überall. In Musik, Filmen, Werbung, Tratsch und Flaschendrehen. Er beeinflusst den Status, gehört angeblich zum Erwachsen- und Menschsein dazu und zeigt, dass wir begehrt sind. Doch dafür, dass Sex omnipräsent ist, können erstaunlich wenige allosexuelle Mensche (allosexuell: nicht asexuell, Anm. der Red.) Libido, Lust, Begehren und Bedürfnis von Anziehung unterscheiden. Das weitreichende Ace-Spektrum ist so stigmatisiert, dass viele aus allen Wolken fallen, wenn sie hören, dass es Aces gibt, die Sex und Kinks haben.
Das weitreichende Ace-Spektrum ist so stigmatisiert, dass viele aus allen Wolken fallen, wenn sie hören, dass es Aces gibt, die Sex und Kinks haben.
Für mich lag genau darin der eigentliche Perspektivwechsel: Anstatt damals zu zelebrieren, endlich einen Begriff für mein Empfinden gefunden zu haben, nachdem ich glaubte, mir müsse etwas fehlen, distanzierte ich mich zunächst jahrelang von dem Label. Letztlich war mein Schritt zum Outing von dem Impuls getragen, dem verkürzten Bild von Asexualität am eigenen Beispiel etwas entgegenzusetzen.
Erst als ich aufgehört habe, dazuzugehören, habe ich angefangen auf mich, meinen Körper und mein vermeintlich allonormatives Umfeld zu hören. Mit meinem Outing eröffneten sich für mich mehr unmaskierte Gespräche. Dabei ist mir aufgefallen, wie viel weniger selbstverständlich Sex ist, als es nach außen hin aussieht. Unter der Oberfläche liegt oft Unsicherheit und Performativität, verpackt in dem Bedürfnis nach Nähe und Begehren. Erst dann zeigt sich, dass längst nicht alle so genau wissen, wie sie ihre Sexualität navigieren.
Ironischerweise spielt Asexualität einem dieses Verständnis fast in die Hände, weil man früher oder später merkt, dass der normative Ausgangspunkt sich für einen eben nicht selbstverständlich anfühlt. Im Idealfall zwingt es einen schon fast dazu, seine Bedürfnisse schärfer zu navigieren. Und so wird sichtbar, dass Lust, Nähe und Intimität nicht automatisch aus sexueller Anziehung entstehen müssen.
Und da kommt Kink und Fetisch ins Spiel, was Asexualität nicht widerlegt. Der eigentliche Widerspruch liegt in einer Vorstellung von Lust und Intimität, die so schlicht ist, dass sie menschlicher Erfahrung kaum gerecht wird. Wenn Intimität nicht zwingend der sexuellen Anziehung zu einer anderen Person entspringt, kann sie auch durch Berührung und Machtspiele erlebt werden. Intensität ist nicht erst dann real, wenn sie in ein allo-, mono- oder heteronormatives Skript passt.
Wenn Intimität nicht zwingend der sexuellen Anziehung zu einer anderen Person entspringt, kann sie auch durch Berührung und Machtspiele erlebt werden.
Vielleicht sollten wir uns daher von den Widersprüchen und unserem stigmatisierten Bild rund um Asexualität lösen, und es eher als Einladung sehen, das enge Verständnis von Sexualität herauszufordern, egal ob allo- oder asexuell. Alles Gute zum internationalen Tag der Asexualität!
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