Reportage

Bi-, A- und Pansexualität: Leben und Lieben abseits der Homonorm

2. Mai 2022 Paula Balov
Bild: Jason Harrell
Tabea ist Sozialarbeiter*in bei der Schwulenberatung Berlin

Bi-, pan- und asexuelle Personen stehen innerhalb der queeren Community oft nur am Rand. Sie fühlen sich nicht wahr- und ernstgenommen und erfahren auch in LGBTIQ*-Räumen häufig Ausgrenzung. Paula Balov, die selbst Teil der Berliner Bi+-Community ist, sprach für SIEGESSÄULE mit bi-, pan- oder asexuellen Personen über ihr Leben, Lieben und ihren Alltag

Ich sitze mit schwulen und lesbischen Freund*innen im Südblock. Als bisexuelle Person scheine ich in ihrer Welt nicht zu existieren, nicht in ihren Witzen oder in ihren Gesprächen über Queer-Politik. Anstatt einfach meinen Wein zu genießen, bin ich angespannt und erwische mich dabei, wie sehr ich darauf achte, was ich sage: Wenn ich von meiner Jugend erzähle, frage ich mich, ob diese Geschichten irgendwie zu hetero wirken und damit irgendwelche Klischees über Bisexuelle bestätigen. Bin ich überhaupt queer genug? Nehme ich hier zu viel Raum ein?

„Ich bin bisexuell, bikulturell und polyamourös. Ich entscheide mich aus Prinzip nicht!“

Einige Zeit später gehe ich zum offenen Bi-Treffen im Sonntagsclub. Ich stehe gerade an der Theke, als mir eine bisexuelle Bekannte sagt, ich solle mich doch langsam für ein Getränk entscheiden. „Frechheit“, antworte ich. „Ich bin bisexuell, bikulturell und polyamourös. Ich entscheide mich aus Prinzip nicht!“ An ihrem Lachen erkenne ich, dass mein selbstironischer Witz nicht nur angekommen ist, sondern dass ich mich hier weder erklären noch verstellen muss.

Mit dieser Erfahrung bin ich nicht allein: Auch Tabea beschreibt den Moment, in dem sie* die Berliner Bi+-Community gefunden hat, als etwas ganz Besonderes: „Manchmal fällt mir plötzlich auf: Wow, die anderen hier sind ja auch alle bi oder pan, wie cool! Für mich ist das nicht selbstverständlich.“

Tabea ist pansexuell, nicht binär und als Sozialarbeiter*in in der Tagesstätte der Schwulenberatung tätig. Letztes Jahr zog sie* von Münster nach Berlin. Nachdem sie* durch ihren Job schon in der LGBTIQA*-Community vernetzt war, kam irgendwann der Wunsch auf, die für sie* spezifische Szene zu finden. So landete sie* beim offenen Bi-Treffen und dem Verein, der das Event organisiert: BiBerlin e. V. Als pansexuelle Person fühlt sich Tabea der Bi+-Community zugehörig.

Bi+ ist ein Überbegriff für alle Menschen, die mehr als ein Geschlecht begehren. Das Plus markiert weitere fluide Identitäten neben Bisexualität. Somit zählt auch Pansexualität zum „Bi+-Regenschirm“, neben vielen anderen Labels wie polysexuell, biromantisch oder heteroflexibel.

Dreifaltigkeit der unsichtbaren sexuellen Orientierungen

Auch Carmilla DeWinter aus Pforzheim fühlt sich in ihrer Nische am wohlsten. Sie ist asexuell und engagiert sich im Vorstand von AktivistA n. e. V., dem Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums. Neben ihrem Brotjob als Apothekerin schreibt sie queere Fantasyromane und veröffentlichte 2021 auch ein Sachbuch über Asexualität: „Das asexuelle Spektrum. Eine Erkundungstour“. In der queeren Szene beobachtet sie oft ein „Fremdeln“ mit dem Thema, während sie sich in der Aspec* Community besser aufgehoben fühlt. Aspec* ist der Überbegriff für die asexuelle und aromantische Community. Asexuell sind Menschen, die wenig oder keine sexuelle Anziehung fühlen, während „aromantisch“ Menschen ohne oder mit gering ausgeprägtem romantischem Begehren beschreibt.

Was wir alle gemeinsam haben: Als Bi-, Pan- und Asexuelle bilden wir die Dreifaltigkeit der unsichtbaren sexuellen Orientierungen. Der Glaube ist weit verbreitet, dass es nur zwei „echte“ Formen der Sexualität gibt: Homo- und Heterosexualität. Menschen mit anderen Orientierungen eint die Erfahrung, zwischen den Stühlen zu sein – einerseits nicht der Heteronorm zu entsprechen, aber auch in der queeren Szene nicht ganz akzeptiert zu werden.

Das B und auch das A mögen im Akronym LGBTIQA* vorkommen, doch selten werden die spezifischen Belange dieser Gruppen beleuchtet. Auch wenn sich die Vorurteile im Einzelnen unterscheiden, sind die Reaktionen auf die Forderungen nach mehr Sichtbarkeit oft ähnlich: Schnell kommt der Vorwurf der Spaltung aus der queeren Community, die ganzen neuen Begriffe seien zu kompliziert, außerdem würden doch Bi-, Pan- und Asexuelle kaum Diskriminierung erleben, wozu also die Aufregung?

„Was wir erleben, ist nicht Homophobie light.“

Die Geschichten der Betroffenen zeichnen ein anderes Bild: Die Diskriminierung mag teilweise andere Formen annehmen als bei Homofeindlichkeit, das heißt aber nicht, dass sie weniger ernst zu nehmen wäre. „Was wir erleben, ist nicht Homophobie light,“ betont Dana Wetzel. Sie engagiert sich im Vorstand von BiBerlin und auch im bundesweiten Verein BiNe – bisexuelles Netzwerk. „Mein Ziel ist, dass die Vereine von bi+ Menschen wahrgenommen werden, als ihre Interessenvertretung, aber auch von der Politik, der queeren Community und der Mehrheitsgesellschaft.“

Obwohl Dana in der queeren Szene auch schon mit offenen Armen empfangen wurde, bekommt sie immer wieder mit, dass Bisexualität nicht ernst genommen oder ignoriert wird. Diese Praxis wird auch „Bisexual Erasure“ genannt. Sie zeigt sich zum Beispiel in bestimmten Behauptungen wie der, dass es Bisexualität gar nicht gäbe, und durch Stereotype, die bi- und pansexuelle Menschen als feige, unentschlossen und verwirrt darstellen. Die toxischen Bilder wirken sich auf die Gesundheit aus: Laut einer der ältesten internationalen bi-spezifischen Einrichtungen, dem Bisexual Resource Center in Boston, haben bi- und pansexuelle Menschen ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken, verglichen mit Homo- und Heterosexuellen.

Bild: Sally B
Dana Wetzel gehört zum Vorstand des Vereins BiBerlin

In ihrer Jugend hätte Dana schon ahnen können, dass sie bisexuell ist, erzählt sie. Ihr Coming-out hatte sie aber erst mit Anfang 30. „In den 90ern im Osten waren andere Probleme dringlicher und Queerness war in meinem Umfeld nicht existent.“ Das Initialmoment kam während ihrer Studienzeit in Leipzig, als ihre gleichaltrigen Bekannten anfingen Familien zu gründen: Etwas fühlte sich für Dana nicht mehr richtig an, was sie damals jedoch nicht benennen konnte. Ein Burn-out brachte sie schließlich dazu, ihr ganzes Leben auf den Prüfstein zu stellen. Sie outete sich und baute ein neues Leben in Berlin auf. Die Folge: Ihr alter Freundeskreis halbierte sich fast über Nacht. „Man hört manchmal, dass ein bisexuelles Coming-out einfacher wäre“, sagt sie. „Das kann ich nicht bestätigen.“

„Ich kenne kaum eine andere sexuelle Orientierung, die so sehr infrage gestellt wird wie Bisexualität."

„Ich kenne kaum eine andere sexuelle Orientierung, die so sehr infrage gestellt wird wie Bisexualität“, meint Christoph R. Alms. „Alle wollen dir erklären, dass du eigentlich was anderes bist.“ Er ist Lehrer in Cottbus und in verschiedenen LGBTIQA* Initiativen involviert, z. B. #TeachOut, BiBerlin e.V. oder IGLYO.

Bisexuelle Männer sind noch weniger sichtbar

Im Vergleich zu Frauen sind bi+ Männer meist noch weniger sichtbar. Christoph vermutet, dass patriarchale Rollenbilder ein Faktor sind, die Männern weniger sexuelle Fluidität zugestehen.

Christoph hatte sich lange als schwul und queer identifiziert. Sein „Bi-Awakening“ erlebte er 2016 auf der „European Bisexual Conference“ in Amsterdam, an der er als Gast teilnahm. Das zweite Coming-out war vor allem für seine langjährige Beziehung herausfordernd. Obwohl Christophs Partner anfangs mit Unverständnis reagierte, gelang es ihm mit der Zeit, die Vorurteile zu reflektieren, was das Paar schließlich auch näher zusammenbrachte.

In seiner queer-aktivistischen Arbeit begegnet Christoph oft eine bestimmte Haltung: „Viele denken, bi+ Menschen hätten nur Probleme, wenn sie sich gerade in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung befinden. Dabei ist es auch schon eine Form von Diskriminierung, sich immer und immer wieder erklären zu müssen.“

Bild: Jason Harrell
Christoph R. Alms ist Lehrer und engagiert sich u. a. bei der Kampagne #TeachOut

Geschlecht spielt keine Rolle

Erklärungsbedarf entsteht manchmal schon bei der bloßen Erwähnung von Bisexualität: Aufgrund der Vorsilbe „bi“ wird oft angenommen, der Begriff schließe nicht binäre Menschen aus und Pansexualität sei die inklusive Alternative. Auch Tabea hat früher so gedacht, ehe sie* herausfand, dass sich viele Bi+-Gruppen auf die Definition der US-amerikanischen Aktivistin Robyn Ochs beziehen, die Bisexualität als das Begehren von „mehr als einem Geschlecht“ beschreibt.

In Wahrheit sind die Grenzen zwischen Bi- und Pansexualität fließend. Der Unterschied ist vor allem, dass pansexuelle Menschen eher unabhängig von Geschlecht begehren, während Bisexuelle starke Präferenzen für ein bestimmtes Geschlecht haben können. Allerdings ist auch das individuell verschieden. Für Tabea hat ihr* pansexuelles Begehren auch etwas mit ihrem* nichtbinären Gender zu tun: „Ich fühle kein Geschlecht und das ist ähnlich bei Dating und Sex: Geschlecht spielt einfach keine Rolle.“ Der Versuch Pan- von Bisexualität haargenau abzugrenzen, erscheint Tabea unnötig. Lieber sollten beide Gruppen an einem Strang ziehen. Sie schlägt trotzdem vor, mehr Angebote speziell für Pansexuelle zu schaffen, allerdings innerhalb der Bi+-Community und nicht losgelöst von ihr. „Ich sehe einfach so viele Parallelen.“

Eine Parallele ist zum Beispiel die Fetischisierung, die bi- und pansexuelle Frauen gleichermaßen erleben. „‚Boah, geil, die ist für ´nen Dreier zu haben‘, das ist ein Spruch, den wir alle schon mal gehört haben“, sagt Dana augenrollend. Das Klischee von bi und pan Frauen als sexuell verfügbar und promiskuitiv hat ernste Konsequenzen: Verglichen mit heterosexuellen Frauen und Lesben, sind bi+ Frauen häufiger von sexualisierter und häuslicher Gewalt betroffen. Das zeigen verschiedene internationale Studien, u. a. vom National Center for Injury Prevention and Control in den USA.

Asexualität wird oft belächelt

Während die Überzeugung, dass Begehren statisch ist, für bi- und panfeindliche Diskriminierung zentral ist, heißt das größte Problem von asexuellen Menschen Allonormativität. Der Begriff bezeichnet die tief verwurzelte Idee, dass alle Menschen Sex und romantische Beziehungen haben wollen und diese ein entscheidender Teil des Erwachsenwerdens sind. Wer davon abweicht, gilt schnell als antisozial oder unreif. In Bezug auf die Gesamtgesellschaft sieht Carmilla darin den Versuch, „die eigenen Werte zu verteidigen, indem man die Outlayer als krank, gestört, unwichtig oder langweilig degradiert“. Üblich sei auch, dass Asexualität mit einer sexnegativen Einstellung oder Enthaltsamkeit verwechselt wird. „Es ist keine Entscheidung und wir missionieren nicht“, fasst Carmilla zusammen. In der queeren Community hat sie außerdem schon oft erlebt, dass Asexualität belächelt wurde: „Nach dem Motto: Ihr habt also keinen Sex, na und? Wo ist das Problem?“

„Am heftigsten hat meine Mutter auf mein Coming-out reagiert. Sie hat sich ganz große Sorgen gemacht, ob ich nicht vereinsame.“

Wer selbst nicht asexuell ist, merkt wahrscheinlich nicht, wie eng Vorstellungen von einem glücklichen und erfüllten Leben mit sexueller und romantischer Liebe verwoben sind. „Am heftigsten hat meine Mutter auf mein Coming-out reagiert“, erzählt Carmilla. „Sie hat sich ganz große Sorgen gemacht, ob ich nicht vereinsame.“ Obwohl Carmilla alles andere als einsam wirkt, sieht sie auch Probleme in der Tatsache, dass sie ein Dauer-Single ohne Kinder ist. „Irgendwann werde ich mir überlegen müssen, was ich mache, wenn ich mich nicht mehr allein um eine Wohnung kümmern kann.“

Die romantische Zweierbeziehung und die bürgerliche Kleinfamilie werden gesellschaftlich noch immer höher angesehen als andere Formen von Beziehungen. Asexuelle und aromantische Menschen spüren deshalb oft den Erwartungsdruck, sich anzupassen, und verinnerlichen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. In ihrem Buch über das asexuelle Spektrum legt Carmilla deshalb großen Wert auf Empowerment.

Andere Orientierungen mitdenken

Bei meiner Frage, was sich queer-politisch ändern muss, um die ungesehenen Orientierungen aus ihrem Schattendasein zu befreien, sind sich alle einig: mehr Aufklärung und Forschung, aber auch mehr Bereitschaft in der gesamten queeren Community, Bi-, Pan- und Asexualität nicht nur mit aufzuzählen, sondern auch mitzudenken.

Immerhin, für die Bi+-Community kündigt sich ein positiver Wandel an: Mit der ersten „Bi+ Pride“ in Hamburg und einer ersten offiziellen Bi-Flaggenhissung in Berlin im letzten Jahr sowie dem Versprechen im Koalitionsvertrag, die „besonderen Bedarfe von bisexuellen Berliner*innen“ zu berücksichtigen, sind die Weichen quasi gelegt. „Jetzt liegt‘s an uns als Aktivist*innen“, sagt Dana. „Jetzt können wir richtig viel bewegen!“

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