Interview mit Aktivistin

Bedrohung von LGBTIQ* in Bulgarien: „Die Rechten sind jetzt besser organisiert“

16. Juni 2021 Julia Forgacs
Bild: Sofia Pride/All Out
Sofia Pride 2021

Im Vorfeld der Neuwahlen des bulgarischen Parlaments im Juli nehmen LGBTIQ*-feindliche Hetze und Angriffe durch rechte Gruppen zu. Wir sprachen mit Stana Iliev von All Out, die seit 2011 Prides in Bulgarien mitorganisiert, über die aktuelle Lage

Am 11. Juli sind Neuwahlen in Bulgarien. Im Zuge des Wahlkampfs hetzen rechte Parteien auch gegen LGBTIQ*. In den letzten Monaten wurden außerdem queere Veranstaltungen wiederholt von ultra-nationalistischen Gruppierungen angegriffen. Auch gegen den Pride in der bulgarischen Hauptstadt Sofia am 12. Juni gab es im Vorfeld Drohungen. Das Kampagnenbündnis All Out startete eine Notfall-Petition und übergab den Behörden einen Tag vor dem Pride über 17.000 Unterschriften mit dem Appell, die Aktion vor Gewalt zu schützen.

Stana, der Sofia Pride wurde im Vorfeld massiv bedroht. Wie ist es am vergangenen Samstag dann verlaufen? Sehr gut. Wir waren circa 7.200 Leute. In der Nähe unserer Route gab es vier Gegendemos, aber die Polizei hat diese Proteste früher stattfinden lassen, sodass sie schon fast aufgelöst waren, als wir anfingen. Wir waren davon sehr überrascht, denn in den Wochen zuvor hatten rechte Gruppierungen gezielt jeden einzelnen LGBTIQ*-Event in Sofia und anderen Orten gestört. Jetzt waren die Gegenproteste relativ klein. Sie fuhren mit einem Wagen mit der uns bekannten Propaganda „Familie: Mutter, Vater, Kind“ durch die Stadt und verteilten Flyer, die erklären, dass alle LGBTIQ* Pädophile sind. Aber wir lassen uns nicht einschüchtern: Gegen jeden Flyer, den wir sehen, wird Klage eingereicht! Auf der Demo haben wir die Teilnehmenden instruiert, dass alle auf dem Heimweg ihre Regenbogen-Symbole abnehmen, in Gruppen nach Hause gehen oder Taxis rufen sollen. Wir haben vorher viel mit der Polizei kommuniziert, die professioneller war als in den vergangenen Jahren. Die Politik redet kaum mit uns. Aber ich glaube, die Politiker*innen denken sich: Lasst denen mal lieber nichts passieren, weil es ein diplomatisches Desaster wäre.

„Die Rechten möchten, dass wir aggressiv werden, die Prides absagen oder dass irgendwas passiert, womit sie sich politisch profilieren können”

Wie beurteilst du die Entwicklung in Bulgarien in den vergangenen Jahren? Besonders einfach war es nie. Ich denke, dass die Toleranz gegenüber LGBTIQ* um 2012/2013 herum am größten war, danach kam dieser globale Backlash der Konservativen. Es gab immer schon Behauptungen, dass LGBTIQ* die Familie zerstören würden, aber wir haben uns darüber stets lustig gemacht... denn es gab zwar rechte Gruppen, die waren jedoch nicht klug genug, um sich tatsächlich gegen uns zu richten. Dann kam viel finanzielle Unterstützung aus dem Ausland, aus kirchlichen Kreisen, und die rechten Parteien VMRO und Ataka wurden größer. In diesem Jahr lag der Sofia Pride auch noch vor den Neuwahlen im Juli, da es bei den vergangenen Wahlen nicht zu einer Regierungsbildung gekommen ist. Dadurch haben die Rechten sich zusammengerauft und sind jetzt besser organisiert. Sie möchten, dass wir aggressiv werden, die Prides absagen oder dass irgendwas passiert, womit sie sich politisch profilieren können. Das machen wir natürlich nicht. Aber es ist eben gefährlich, denn wir haben als Organisator*innen die Verantwortung für die Community, die zu diesen Events kommt.

Bild: Sofia Pride/All Out
Sofia Pride 2021

Und wie sieht der Widerstand seitens der queeren Bewegung aus? Unsere Freiwilligen werden jedes Jahr mehr und leisten wahnsinnige Arbeit. Sie treffen sich regelmäßig, absolvieren Erste-Hilfe-Ausbildungen, machen den Einlass für die Events, wissen, wen sie hereinlassen dürfen und wen nicht. Jetzt haben wir seit zwei Monaten ein eigenes Rainbow Hub in Sofia mit Büros für Organisationen und Community-Space. Rechtsberatung wird dort angeboten, Arbeit mit Jugendlichen und Eltern von LGBTQ* und mehr. Durch den Gegenwind organisieren und professionalisieren auch wir uns immer mehr. Das gibt Hoffnung und ist ein Riesenfortschritt.

„Als queere Communities haben wir stets über die Ländergrenzen hinweg Kontakt miteinander gehabt. Diese Netzwerke machen uns jetzt stark”

In einigen EU-Ländern steigt LGBTIQ*-Feindlichkeit. Wir sehen es zum Beispiel gerade in Ungarn: gestern, am 15. Juni, wurde dort ein Gesetz gegen angeblicheHomo-Propagandabeschlossen. Wie kann internationale Solidarität aussehen? Als queere Communities haben wir stets über die Ländergrenzen hinweg Kontakt gehabt. Diese Netzwerke machen uns jetzt stark, sie wirken der Isolation entgegen. Auch die Finanzierung der Zivilgesellschaft hier in Bulgarien ist entweder europäisch, läuft über Stiftungen oder über internationale Spenden. Unser Zusammenhalt: das ist das, was wir den Rechten voraus haben. Wobei die sich inzwischen auch international koordinieren. Unterstützen kann man die bulgarische Community z.B. durch das Unterschreiben und Teilen von Kampagnen. Und finanzielle Unterstützung ist immer wahnsinnig wichtig. Zum Beispiel starten wir demnächst einen Fundraiser für den Rainbow Hub.

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