Berliner Clubszene in der Krise: „Die Kultur stirbt vor unseren Augen weg“
Die Kosten steigen, die Besucher*innenzahlen sinken, die Politik schweigt. Zunehmend mehr Berliner Clubs sehen sich dazu gezwungen, den Betrieb einzustellen. Ein Blick auf die aktuelle Lage der Clubszene in einer sogenannten Kulturhauptstadt
Bereits Ende vergangenen Jahres hat der Interessensverband Clubcommission gewarnt: Rund die Hälfte der Berliner Clubs sind von der Schließung bedroht. Sollte der Staat nun nicht erhebliche Maßnahmen ergreifen, um das kulturelle Erbe Berlins zu schützen, stünden viele der Betriebe schon bald vor dem Aus. Staatliche Unterstützung gab es seit diesem Hilferuf nicht. Die Töpfe des Berliner Haushalts für Kulturinstitutionen sind seitdem nur geschrumpft, und werden es aller Vorausicht nach auch in den kommenden Jahren weiter tun.
„Viele queere Clubs arbeiten nicht rein profitorientiert. Sie verstehen sich als soziale Räume und leben von Inklusion und Gemeinschaft.“
Gerade in der Clubszene der Stadt ist dies spürbar. Nach den Schließungen vom Mensch Maier und dem Watergate 2024 folgen in diesem Jahr die Busche, Renate und das SchwuZ. Katja Jäger, die Anfang des Jahres die Geschäftsleitung für das SchwuZ übernahm, warnt, dass gerade queere Kulturräume als besonders betroffen gelten. „Das sind nicht nur Orte des Feierns, sondern auch der politischen Kultur“, betont sie im Interview mit SIEGESSÄULE. „Viele queere Clubs arbeiten nicht rein profitorientiert. Sie verstehen sich als soziale Räume und leben von Inklusion und Gemeinschaft.“ Um ihre Zukunft zu sichern müsste nun jedoch gelernt werden, diese Werte auch ökonomisch mitzudenken. „Auch die beste programmatische Weiterentwicklung kann strukturelle Faktoren nur bedingt auffangen.“
Das Phänomen Clubsterben
Die 2001 gegründete Clubcommission identifiziert eine Vielzahl von Gründen, die aktiv zum Phänomen Clubsterben beitragen: „Die Energiekosten sind in den letzten Jahren förmlich explodiert. Auch die Mieten steigen konstant weiter, da es keine Form der Begrenzung oder Deckelung für Gewerbemieten gibt. Dazu kommt, dass sich auch der Mindestlohn immer weiter erhöht“, so Emiko Gejic, Sprecherin des Verbandes. Was die Clubs an zusätzlichen Kosten haben, können sie nicht mit Einnahmen ausgleichen – im Gegenteil. Diese sind für die meisten rückläufig. Die Besucher*innenzahlen, die noch vor der Pandemie erzielt wurden, erreichen gegenwärtig nur eine geringe Anzahl der Clubs.
„Natürlich ändert sich das Feierverhalten der Menschen mit jeder Generation, aber gerade fällt dies ausgesprochen stark aus.“
„Natürlich ändert sich das Feierverhalten der Menschen mit jeder Generation, aber gerade fällt dies ausgesprochen stark aus: Viele, gerade junge Leute, können sich das Clubhopping, wie es in der Stadt vor zehn Jahren noch üblich war, einfach nicht mehr leisten“, erklärt Emiko. Die ausbleibenden Einnahmen zwingen die Betreibenden infolgedessen dazu, die Eintrittspreise zu erhöhen – ein Teufelskreis.
Viele Clubs fühlen sich im Stich gelassen. Obwohl die Berliner Clubcommission zu den weltweit größten Zusammenschlüssen von regionalen Clubbetreibenden zählt, reicht das, was sie leisten können nicht, um das Nichtstun der Politik auszugleichen. Aktiv werden sie vor allem in punktueller Beratung und beim Bestreben, Kontakt zur Politik herzustellen: „Wir gehen mit den Betreibenden in den Dialog, um daraus dann Forderungen zu formulieren, die wir an die Politik tragen. Es gibt dort in den Parteien Sprecher*innen, die ganz spezifisch zum Thema Clubkultur arbeiten.“
Einer der Erfolge, den die Clubcommission erzielen und erhalten konnte, ist der alljährliche Tag der Clubkultur. Auch in diesem Oktober wurden eine Reihe an Preisgeldern in verschiedenen Kategorien an Clubs und Kollektive vergeben, die sich auf diese bewerben konnten. „Dass wir vom Senat diese Preisgelder bekommen, die direkt in die Szene ausgeschüttet werden können, ist überhaupt erst einmal eine Anerkennung“, betont Emiko.
Zu weiteren Erfolgen zählt sie die Bespielung der Alten Feuerwache und Neueröffnung des Haubentauchers, nun unter dem Namen MAAYA. Hier finden seit vergangenem Sommer vor allem Kollektive und Labels Platz.
Von Club-Identifikation zu Kollektiv-Crowds
Die verstärkte Präsenz der Kollektive auf den Eventplänen der Clubs und Kulturzentren ist ein weiteres Zeichen der grundlegenden Veränderung der Clubkultur Berlins. Emiko bestätigt: „Früher gab es viel Identifikation mit den Clubs. Mittlerweile ist es so, dass es eher die Kollektive sind, die ein bestimmtes Publikum anziehen. Die haben ihre Communitys, die sie mitbringen, und kuratieren den Abend oft von Türpersonal bis Awareness-Team selbst.“
Was für die Kollektive ein Gewinn ist, geschieht für die Clubbetreibenden jedoch aus Notwendigkeit. „Alles aus eigener Hand zu machen ist gerade fast unmöglich“, erzählen Sam Öcel und Javid Ansar, die Geschäftsführenden des Beate Uwe Clubs. „Wir haben schon immer Kollektive eingeladen, aber das hat sich in den letzten Monaten nochmals stark vermehrt. Es ist bitter notwendig, dass wir diese neuen Strukturen als Überlebensstrategie entstehen lassen.“
„Dass wir nicht viel privat verdienen, das rede ich mir immer schön und sage mir, wir machen eben soziale Arbeit. Die Clubszene ist auch ein Auffangbecken für viele Menschen.“
Trotzdem ist die finanzielle Lage für den kleinen Electro-Club angespannt. Gerade die Heiz- und Stromkosten stellen eine unwahrscheinliche Belastung dar. „Diese ganzen Nachzahlungen, das erstickt einen förmlich“, sagt Sam. „Dass wir nicht viel privat verdienen, das rede ich mir immer schön und sage mir, wir machen eben soziale Arbeit. Die Clubszene ist auch ein Auffangbecken für viele Menschen.“
Wie viele andere Clubbesitzer*innen wünschen sich die beiden Betreibenden konkrete Maßnahmen von der Politik. Die Einführung eines Industriestromtarifs, der die Clubszene einschließt, wird oft gefordert, wenn es um Entlastung geht. Auch die Senkung der Umsatzsteuer auf die Getränke oder Eintrittspreise würde bereits eine große Hilfe darstellen. Der niedrigere Steuersatz von sieben Prozent auf den Eintritt, der für Kulturstätten wie Konzerthäuser, Theater und Kabarett bereits Geltung hat, schließt Clubs tendenziell aus. Nach individueller Einschätzung durch das Finanzamt handele es sich hier meist nicht um eine künstlerisch-kulturelle Veranstaltung.
Berliner Clubs sind Kulturstätte
Gizem Adiyaman, die seit einigen Jahren die queerfeministische Partyreihe Hoe__mies ausrichtet, kann das bestätigen. „Wir in der Clubszene erfahren leider nicht die gleiche Wertschätzung wie andere Kultureinrichtungen, obwohl wir einen der größten Pull-Faktoren gestalten – das Berliner Nachtleben.“ Eine Anerkennung der Institution Club als Kulturstätte ist auch eines der Ziele der Clubcommission. Inwieweit dies allerdings eine tatsächliche Veränderung mit sich zieht, bleibt fragwürdig. Immerhin tat die Erklärung des Berliner Techno als immaterielles UNESCO Kulturerbe der geplanten Schließung von rund zwei Dutzend Clubs für die A-100-Neubauverlängerung keinen Abbruch.
„Ich weiß noch, wie sehr ich mich dagegen gesträubt habe, den Eintritt irgendwann anzuheben.“
Für Gizem stellt die Veranstaltung jeder Hoe__mies Party aufs Neue ein finanzielles Risiko dar, obwohl die Reihe europaweit tourt und auch internationale DJs immer wieder auflegen. Allein die Miete für die Clubräume habe sich teils verfünffacht, die Anordnungen für Outdoor-Veranstaltungen verschärft, und die Gentrifizierung in vielen Bezirken führt immer wieder zu Auseinandersetzungen zum Thema Lärmschutz. Das schlägt sich zwangsläufig in der Preisgestaltung nieder. „Ich weiß noch, wie sehr ich mich dagegen gesträubt habe, den Eintritt irgendwann anzuheben“, erzählt sie.
Beim diesjährigen Tag der Clubkultur war der Beate Uwe Club unter den Gewinnenden der Kategorie „Ästhetik und Raumgestaltung“. Dabei wirken Anerkennung und Preisgeld wie ein Trostpflaster, welches die tiefgreifenden Einschnitte in die Berliner Clubszene kaum zu lindern vermag. Javid findet klare Worte, und zeigt sich wenig optimistisch: „Es ist wie eine Krankheit, die in den letzten Jahren in der Kulturszene eingebrochen ist. Die Kultur stirbt jetzt gerade vor unseren Augen weg.“ Eigentlich sei es nun schon zu spät – die Politik hätte vor Jahren handeln müssen. Was nun noch getan werden kann, ist lediglich Schadensbegrenzung.
„Es ist wie eine Krankheit, die in den letzten Jahren in der Kulturszene eingebrochen ist. Die Kultur stirbt jetzt gerade vor unseren Augen weg.“
Wenn ein Club schließt, beeinflusst dies das gesamte Ökosystem. Eine Vielzahl von nachgelagerten Industrien wie Logistik, Booking und Agenturen, die von der Clubszene profitieren oder betrieben werden, sind vom Phänomen Clubsterben sekundär betroffen, und geraten ebenfalls in eine schwierige Lage. „Diese Clubkultur dann nochmal aufzubauen und Berlin das wiederzugeben, was die Stadt ausgemacht hat, das wird nicht passieren“, ist Javid sich sicher.
Berlin steht vor einer Identitätskrise. Nach aktuellem Kurs der Politik wird derzeit alles an Institutionen verdrängt, was nicht übermäßig profitorientiert ist. Einrichtungen wie die Clubs scheinen im Haushalt und der Stadtplanung einen verschwindend geringen Stellenwert einzunehmen. Für Kollektive, Labels und Kunstschaffende, die in der Clubszene arbeiten wollen, wird die Stadt so zunehmend unattraktiver und ultimativ ungeeignet.
Für Gizem ist klar: „Eine nachhaltige Kulturpolitik darf diese Orte nicht länger als Freizeitangebote behandeln, sondern muss sie als Infrastruktur fördern.“ Sollte es innerhalb der nächsten Monate nicht zu einem einschneidenden Kurswechsel in der Regierung kommen, so dürfte Berlin seinen Ruf als Kulturhauptstadt Europas wohl endgültig verlieren.
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