„Behindert und verrückt feiern“ am 10. Oktober

Berliner Mad and Disability Pride: „Feiern, dass wir lebenswert sind“

7. Okt. 2021 Anette Stührmann
Bild: Sally B
Beim „Mad and Disability Pride“ 2019

Eine große Demo wird es zwar auch 2021 nicht geben, doch die Berliner Pride-Parade „Behindert und verrückt feiern“ findet am 10. Oktober zum ersten Mal als Live-Online-Event statt

Der Pride für „Menschen, die behindert werden“, steht in diesem Jahr unter dem Motto „Behindert und verrückt durch die Pandemie“.

Gesendet wird am 10. Oktober von 17 bis 20 Uhr aus dem S036: Es gibt Gesangs- und Textbeiträge, die sowohl als Videos vorproduziert wurden als auch direkt von der Bühne des SO36 übertragen oder live zugeschaltet werden. Zwischen den Beiträgen wird moderiert, zum Spenden aufgerufen und interviewt. Außerdem wird die „Glitzerkrücke“ als Negativpreis an eine Einrichtung, einen Verein oder eine Person verliehen, die durch besonders diskriminierendes Verhalten aufgefallen ist.

Beleidigung? Denkste!

Mélina Germes organisiert zusammen mit zehn anderen Aktiven den Parade-Stream. Sie erzählt, worum es im Programm geht: „Erfahrungen der Coronazeit werden ausgetauscht, wir reflektieren über Herausforderungen und feiern behinderte und queerbehinderte Identitäten.“

Seit dem ersten Pride 2013 lautet das zentrale Motto des Events: „Behindert und verrückt feiern“. Begriffe, die im Mainstream oft beleidigend gemeint sind, werden so positiv umgedeutet. „Wir müssen uns nicht verstecken, wir dürfen uns mit bunten Farben, Musik, Tanz und Freude zeigen.“

„Wir feiern unsere Behinderung, trotz des Stigmas, das uns umgibt“

2020 hatte das Parade-Team als Ersatz für die ausgefallene Demo einen eigenen Pride-Film mit verschiedenen Künstler*innen und Aktivist*innen produziert. Dass auch in diesem Jahr ein großer Straßenzug nicht realisierbar ist, sei zwar schade, auf „schöne spaßige Momente“ wolle man aber nicht verzichten: „Wir laden dazu ein, dass alle, die sich mit uns solidarisieren, zumindest online dabei sind“, sagt Mélina.

Das Team achtet genau auf Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln, deswegen werden die Künstler*innen, die am Veranstaltungstag vor Ort sind, meist einzeln auftreten. Trotz der schwierigen Umstände sei es wichtig, auf sich aufmerksam zu machen, betont Mélina. Personen, die behindert werden, seien überall unterrepräsentiert und würden in den Medien oft mit Vorurteilen belegt. „Wir feiern unsere Behinderung, trotz des Stigmas, das uns umgibt. Wir feiern, dass wir lebenswert sind.“

Corona traf die Community besonders hart

Dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Community von Corona besonders betroffen ist, auch aufgrund pandemiebedingter Beeinträchtigungen in der medizinischen Fürsorge. Das Gefühl von Isolation, das der gesamten Gesellschaft zu schaffen macht, trifft Menschen, die behindert werden, ungleich härter, da diese sowieso schon mehr als andere von der Außenwelt abgeschottet werden – unter anderem wenn sie in gesonderten Einrichtungen untergebracht sind.

Dieser Umstand wird von Betroffenen allgemein kritisiert. In der Pandemie hat sich die Situation allerdings noch einmal zugespitzt. Mélina erzählt, dass sich einige seit anderthalb Jahren nicht mehr rausgetraut haben.

Leider wenig Umdenken durch die Krise

Trotz all dieser Negativauswirkungen hatte sich die Community durch die Krise ein gesamtgesellschaftliches Umdenken erhofft – zumal im Lockdown Online-Partizipation an Schule, Uni und im Büro plötzlich Wirklichkeit wurden: „Wir nahmen an, dass die Menschen sich nun in unsere Haut versetzen könnten und zumindest auf Hybridveranstaltungen pochen würden, damit wir online teilnehmen können.“ Die Tendenz sei jedoch, dass die meisten wieder zu einer Vor-Ort-Präsenz zurückwollten: „Die Sensibilität für unsere Belange fehlt.“

„Wir nahmen an, dass die Menschen sich nun in unsere Haut versetzen könnten und zumindest auf Hybridveranstaltungen pochen würden“

Vergessen und verstecken lassen will man sich aber nicht. Und auch wenn man mit dem Pride versucht, Leute außerhalb der Community zu erreichen, sei nach wie vor das oberste Ziel, diejenigen anzusprechen, die sich nirgendwo zugehörig fühlen: „Wir wollen für Menschen da sein, die mit ihren Problemen allein sind. Sie sollen wissen, dass es eine Gemeinschaft gibt, zu der sie gehören könnten.“

Mad and Disability Pride Parade 2021, 10.10., 17:00–20:00., Livestream aus dem SO36

Mehr Infos unter pride-parade.de

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