„Nothing that ever was changes“ in Charlottenburg

Berlins verschwundene queere Orte

7. Feb. 2022 Carsten Bauhaus
Bild: Dieter Matthes
Archiv-Fotografie von einem der Tuntenbälle im ICC in den Jahren 1990-93

Die Installation „Nothing that ever was changes“ beschäftigt sich mit verschwundenen Räumen in der queeren Berliner Stadtkultur. Kuratiert wurde das Projekt von Lukas Staudinger und Christian Haid, in Zusammenarbeit mit dem Theater- und Hörspielmacher Noam Brusilovsky. Christian und Lukas erzählen im Gespräch mit SIEGESSÄULE von aufregenden Orten wie der Diskothek Lipstick oder dem Buchladen Lilith

Lukas und Christian, was zeigt ihr in „Nothing that ever was changes“? Christian Haid: Wir haben sieben Hörbilder zu verschwundenen queeren Orten in Charlottenburg-Wilmersdorf zusammen gestellt. Zu Wort kommen darin Protagonist*innen der Vergangenheit und der Gegenwart, die das Leben und die politische Situation von LGBTIQ*-Communities gestaltet und die queere Geschichtsschreibung der Stadt geprägt haben. Zusätzlich gibt es noch Fotografien von Dieter Matthes zu sehen, vom Berliner Tuntenbällen im ICC aus den frühen 90er-Jahren. Lukas Staudinger: Diese sieben Hörbilder kann man sich über einen QR-Code auch direkt an den sieben konkreten Orten im Charlottenburger Stadtraum anhören. 

Was genau sind Hörbilder? L.S.: Den Begriff haben wir selbst geprägt. Durch das Anhören der Audio-Collagen von Interview-Schnipseln, O-Tönen und Beiträgen aus Funk und Fernsehen sollen im Kopf Bilder entstehen – deswegen Hörbilder. 

Bild: POLIGONAL
QR-Code am Richard-Wagner-Platz

Wer kommt in den Beiträgen zu Wort? C.H.: Zum Beispiel Rosemarie Bijan, Wirtin und „Tresenschlampe“ der Diskothek Lipstick. Sie erzählt, wie dort inmitten der Aids-Krise Lesben und Schwule zu Verbündeten wurden. Und über die Klappe im Wilmersdorfer Preussenpark berichtet uns Rosa von Praunheim, der diesen Cruising-Ort um die Ecke seiner Wohnung regelmäßig frequentiert hat. L.S.: Inge Morgenroth und Eva Meyer erzählen, dass in ihrem in den Siebziger gegründeten Nur-für-Frauen-Buchladen Lilith auch mal die Fetzen flogen. Und der Rechtsanwalt Stefan Reiß berichtet von dem ersten provisorischen Anfängen der Berliner Aids-Hilfe in seiner Wohnung auf der Niebuhrstraße.

„Das Verschwinden von Orten hat natürlich mit Gentrifizierung zu tun. Was wir aber festgestellt haben: dass manchmal die Betreiber*innen einfach in ihrer Biografie neue Wege eingeschlagen sind und die Orte zurückgelassen haben“

Aus welchen Gründen verschwanden oder verschwinden queere Orte? C.H.: Beim Lipstick am Richard-Wagner-Platz war der Mauerfall ein großes Thema. Gerade Orte im alten Westteil haben starke Konkurrenz von Läden benommen, die in den 90er-Jahren etwa im Prenzlauer Berg eröffnet haben. Dort konnte man damals von einem Tag auf den anderen in eine günstige Immobilie ziehen. L.S.: Die Gründe für das Verschwinden sind generell vielfältig. Man könnte natürlich argumentieren, dass es oft mit Gentrifizierung und stadttransformatorischen Prozessen zu tun hat. Was wir aber festgestellt haben: dass manchmal die Betreiber*innen einfach in ihrer Biografie neue Wege eingeschlagen sind und die Orte zurückgelassen haben.

Dennoch ist aber von diesen Orten etwas geblieben, die Erinnerungen an sie sind in der Stadt noch spürbar. Ist das der Grund für den etwas kryptischen Titel eurer Installation „Nothing that ever was changes“? L.S.: Genau. Das ist ein Zitat aus einem Roman von Gore Vidal. Die Orte, die wir uns angeguckt haben, haben dazu beigetragen, persönliche und institutionelle Netzwerke zu schmieden, die auf jeden Fall auch heute noch die queere Landschaft beeinflussen und mitbestimmen. Sie tragen so auch zu einer queeren Erinnerungslandschaft in Berlin bei. 

„Queere Orte haben eine gewisse Diversifizierung erfahren, die es vor zwanzig oder dreißig Jahren noch nicht gab“

Wie haben sich queere Orte in Berlin generell in den letzten Jahrzehnten verändert? L.S.: Das interessante ist, dass queere Orte eine gewisse Diversifizierung erfahren haben, die es vor zwanzig oder dreißig Jahren noch nicht gab. Damals gab es vielleicht eher die Schwulenbar oder die Lesbenbar. Heute versammeln sich immer öfter Schwule, Lesben, trans*-Personen und andere, verschiedenste Identitäten unter einem Dach. 

Pandemiebedingt sind wieder viele queere Orte in Berlin gefährdet. Wie beurteilt ihr die aktuelle Lage? C.H.: Viele kommerzielle Orte waren und sind durch die Pandemie gefährdet. Gleichzeitig sind aber auch viele neue queere Projekte entstanden, bei denen es etwa um mentale Gesundheit geht.

Die Ausstellung habt ihr mit eurem Projekt Poligonal - Büro für Stadtvermittlung entwickelt. Habt ihr weitere queere Agebote in Planung? C.H.: Queere Thematiken werden bei uns tatsächlich immer wichtiger. Wir planen unter anderem, das aktuelle Ausstellungsprojekt auch auf andere Bezirke auszudehnen, bis wir uns irgendwann bis Marzahn vorgewagt haben werden.

Bild: Poligonal
Aufbau der Installation „Nothing that ever was changes"

Ausstellung und Hörpräsentation:Nothing that ever was changes. Edition Charlottenburg-Wilmersdorf. Eine Spurensuche nach queeren Orten, die es nicht mehr gibt.“ Villa Oppenheim – Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, bis 20.2.2022

Bild: privat
Die Kuratoren Lukas und Christian

Die SIEGESSÄULE braucht weiterhin Eure Hilfe!

Geschlossene Clubs, eingeschränkter Barbetrieb, kaum Veranstaltungen: Omikron hält Berlin und auch die SIEGESSÄULE weiter in Atem. Weniger Veranstaltungen, das heißt auch weniger Anzeigen und weniger Heftseiten. Deshalb freuen wir uns über jede Spende!

Spenden könnt ihr ganz einfach per Paypal oder direkt auf unser Konto Special Media SDL GmbH, Betreff „Support SIEGESSÄULE”,
IBAN DE22 1005 0000 0190 0947 29 – Herzlichen Dank!

JETZT MIT PAYPAL SPENDEN!

Folgt uns auf unserem neuen offiziellen Instagram-Account instagram.com/siegessaeule_magazin

#Klappe#Lipstick#QueereStadtkultur#QueereOrte#Lilith#Gentrifizierung#Aidshilfe#90er#Berlin#QueereGeschichte