Interview

Nach der Räumung: Wie geht es weiter mit der Liebig34?

21. Okt. 2020 Annabelle Georgen
Bild: Annabelle Georgen

Das queer-feministische Hausprojekt wurde am 09. Oktober 2020 geräumt. Die ehemaligen Bewohner*innen der Liebig34 planen aber als Kollektiv für die FLINT*-Community weiterhin aktiv zu bleiben. Zunächst ohne Haus. Wir trafen zwei von ihnen zum Gespräch.

Frida und Dina, wie geht es euch nach der Räumung des Hauses? Dina: Wir sind alle traurig, zwischendrin hatten wir auch eine extreme Wut. Vor allem fühlen wir uns verloren, weil wir gar nicht wissen wohin. Unser Wohnort ist weg. Wir sind aber gleichzeitig wieder in einem Arbeitsmodus gekommen und beschäftigen uns gerade mit der Frage: Was wollen wir noch tun? Frida: Wir wussten seit Jahren, dass diese Räumung ansteht, aber dann mitanzusehen, wie dieses Haus leer geräumt wurde und wie Security-Personen Leute verprügeln, ist sehr schockierend. 

Laut Angaben der Berliner Polizei gab es vor dem Gebäude Auseinandersetzungen mit Leuten der Security Firma, die das Haus nun bewachen ... Frida: Diese Securityfirma steht nicht nur vorm Haus und achtet darauf, dass niemand rein geht. Sie haben auch Menschen angegriffen: Menschen, die einfach nur am Haus vorbei gegangen sind oder Kerzen abgelegt haben. Sie sind mit verschiedenen Gegenständen bewaffnet und bedrohen Leute, die sich ihrer Ansicht nach dem Haus zu sehr nähern. Dina: Ich war selbst nicht vor Ort, habe aber von Anwohner*innen gehört, dass sie sich auch sehr sexistisch gegenüber den FLINT*s verhalten haben.*

„Die politische Idee der Liebig34 ist viel größer als das Haus selbst.“

Wie geht es weiter? Ihr habt zwar kein Haus mehr, existiert aber weiter als Gemeinschaft. Gibt es eine Lösung für alle? Dina: Wir planen ein Kollektiv zu bleiben. Bisher haben wir keine Lösung für alle finden können, nur individuelle Lösungen. Denn wo könnten mehr als 20 Leute auf einen Schlag unterkommen? Einige von uns haben etwas Stabiles für die nächste Zeit gefunden, andere schlafen gerade auf der Couch von Freund*innen und müssen weiterschauen. Wir bekommen aber viele solidarische Unterbringungsangebote. Das ist ein Vorteil und ein Privileg für uns, gerade im Vergleich mit so vielen anderen Menschen, die zwangsgeräumt werden – still und heimlich, jeden Tag in Berlin. Frida: Die politische Idee der Liebig34 ist viel größer als das Haus selbst. Als Kollektiv werden wir an dieser feministischen Utopie weiterarbeiten, die wir mit der Liebig34 versucht haben zu verwirklichen. Wir haben es geschafft, unfassbar viele Menschen zu erreichen. Die Liebig34 ist weltweit zu einem Symbol geworden und ich glaube, dass dieses Symbol weiterbestehen bleibt.

„Wir wollen nicht nur einen Ort für uns, wir wollen tausende Orte wie die Liebig34 schaffen."

Habt ihr trotzdem immer noch die Hoffnung, die Liebig34 wieder zu bekommen? Frida: Das wird immer eine Forderung bleiben, auch wenn diese vielleicht ein bisschen träumerisch daher kommt. Dieses Haus hätte uns nie genommen werden dürfen. Aber wir wollen nicht nur einen Ort für uns, wir wollen tausende Orte wie die Liebig34 schaffen: Orte, in denen sich die Leute selbst organisieren und eigene Utopien schmieden können.

Die Liebig war ja nicht nur ein Wohnort, es war auch ein wichtiger Treffpunkt und safe space für die FLINT*-Szene. Plant ihr Events und Vernetzungstreffen weiter anzubieten? Dina: Wir werden weiterhin Events organisieren, wie zum Beispiel unsere Küfa, die ab jetzt jeden Freitag im Fischladen in der Rigaerstr. stattfindet. Und wir werden uns zukünftig an anderen feministischen Kämpfen beteiligen.

Wie kann man nun mit euch im Kontakt bleiben und über eure Events informiert bleiben? Dina: Über unser Twitter-Account und unser Blog. Es gibt auch einen zweiten Blog auf Englisch, Defend Liebig34. Ansonsten sind wir per Mail (liebig34@riseup.net) weiterhin erreichbar.

* Laut einer Meldung der Berliner Polizei vom 13.10.2020 wurde „ein Strafverfahren wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung" gegen vier Beschäftigte der Sicherheitsfirma eingeleitet. Bei dem selben Vorfall wurde gegen eine Gruppe von etwa 30 Personen Anzeige erstattet, die laut Angaben der Berliner Polizei die Mitarbeiter der Firma mit Flaschen beworfen hätten.

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