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Bettina Böttinger: „Lesbische Liebe ist mein bevorzugtes Spielfeld“

25. Juni 2021 Kittyhawk
Bild: WDR / Melanie Grande

Vor über 35 Jahren betrat Bettina Böttinger die deutsche Medienbühne, heute ist sie eine Institution. Sie moderiert, produziert, engagiert sich für queere und feministische Projekte. Im April startete die 64-Jährige mit „Böttinger. Wohnung 17“ einen Podcast, für den sie queere Persönlichkeiten zu sich aufs Sofa lädt. Kittyhawk sprach mit der begnadeten Talkerin über Geschlechterklischees, entgleiste Debatten und lesbischen Sex

Frau Böttinger, wie war die bisherige Resonanz auf Ihren Podcast? Ganz unterschiedlich.Auf Insta gab es nur Lob. Ich will jetzt nicht übertreiben, aber: Begeisterung! Und in der WDR-2-App kamen nach den ersten beiden Folgen Reaktionen wie: Was soll denn so was? Na gut, in der App haben viele den Namen Böttinger gesehen, deshalb reingehört und sind plötzlich in einem queeren Podcast gelandet.

Ich finde ja, „Böttinger. Wohnung 17“ ist ein grundsympathisches und empathisches Format in Zeiten, wo es auf vielen Kanälen eher um Aufreger und Streit geht. Natürlich wollen wir unterhaltsam sein, aber es soll auch ein Podcast sein, der nicht nur gute Laune verströmt. Es geht auch darum, sich ernsthaft Persönlichkeiten anzunähern und nach deren Selbstfindung zu fragen, nach den Einflüssen von Geschlecht und Identität, von Rollenklischees. Schwerpunktmäßig ist es ein queerer Podcast, aber auch nicht queere Personen sollten sich diese Fragen stellen. Also: Was bedeutet heute „divers“?

„Wenn Sie Männer- und Frauenrollen radikal infrage stellen, dann stellen Sie das gesamte System infrage"

Warum ist für viele Menschen, die in der Heteromatrix leben, das Queere nach wie vor so bedrohlich? Wir leben in einem patriarchalischen System. Und wenn Sie darin die Männer- und Frauenrollen radikal infrage stellen, dann stellen Sie das gesamte System infrage. Darauf reagieren viele Menschen sehr aggressiv. Es rüttelt am Gerüst, von dem viele meinen, dass es unsere Gesellschaft zusammenhält.

Wie wurde die Idee zu „Wohnung 17“ geboren? Erst wollte ich allein so einen Podcast machen. Damit ich ganz frei bin. Zu meinem großen Erstaunen hat mich dann die Programmdirektorin des WDR dezent gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, das mit dem WDR zu machen. Das ist für mich Zeichen einer Zeitenwende. Ich habe dann gesagt: o. k. Wenn der WDR jetzt so weit ist, dann passt das auch. Die zweite Überlegung war: Ich habe ja immer offen gelebt, mich entsprechend engagiert und als Journalistin für die Anerkennung alternativer Lebensweisen starkgemacht. Aber jetzt möchte ich das Thema wirklich einmal ganz monokausal betreiben, mit meinem Namen und allem, was dazugehört. Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich sage: Das ist mein persönliches Ausrufezeichen!

Hätten Sie etwas Ähnliches auch schon vorher machen wollen? Komischerweise hatte ich genau zu dem Zeitpunkt, als auch die Initiative #ActOut rauskam, das Gefühl, wir brauchen jetzt mal einen Aufschlag. Wir erleben in der Öffentlichkeit mehr queeres Leben, unterschiedliche queere Lebensläufe. Es ist jetzt einfach an der Zeit. Nicht nur, weil wir in diesem Land inzwischen eine größere Tolerierung erfahren. Ich bin ja ein paar Takte älter und weiß, wie es in vorigen Jahrzehnten gewesen ist, das war gar nicht komisch. Aber auch heute gibt es mitten in Europa Jagd auf Homosexuelle, auf diverse Menschen, und ich finde, da sollte die gesamte LGBTIQ*-Community zusammenstehen und immer wieder darauf aufmerksam machen.

Die Sendungen werden recht intim bei Ihnen zu Hause auf dem Sofa aufgenommen, in Socken. Ja, und es berührt mich, dass selbst Menschen, die mich bisher persönlich nicht gekannt haben, sagen: Da mache ich mit. Ich gehe zu der Böttinger. Und ich darf Ihnen verraten, die bleiben alle sehr, sehr lange (lacht). Und es gibt nicht nur das eine Getränk der Wahl.

„In der ARD ist vieles so wahnsinnig spießig“

Die ARD hat mit „All you need“ im Mai ihre erste schwule Miniserie rausgebracht. Trauen sich die Öffentlich-Rechtlichen ab jetzt mehr Queerness zu? Ich würde mal sagen, sie sind gezwungen. Weil es mit den standardisierten Rollenklischees so nicht weitergeht. Ich habe mich gestern ausnahmsweise mal aufs Sofa fallen lassen und einen „Tatort“ geguckt. Ich habe nur wegen Adele Neuhauser eingeschaltet, die kann spielen, was sie will, ich finde sie super. Aber ansonsten ist vieles in der ARD so wahnsinnig spießig. Boaaaah.

Im Februar traten fast 200 deutsche Schauspieler*innen mit #ActOut an die Öffentlichkeit und forderten mehr Akzeptanz für Queers. Bewirkt die Aktion etwas? Ganz sicherlich, es ist ja auch eine statthafte Anzahl an Persönlichkeiten, die sich da geoutet haben. Und es hat natürlich eine entsprechende Diskussion ausgelöst, auch eine sehr kontroverse. Da zeigte sich dann aber in meinen Augen die zunehmende Intoleranz und Gruppenaufsplitterung. Auch der Lesben- und Schwulenverband hat sich ja sehr stark gegen Frau Kegel ausgesprochen, dann gegen Herrn Thierse und die SPD-Spitze (FAZ-Feuilletonchefin Sandra Kegel und Wolfgang Thierse hatten #ActOut kritisiert, Anm. d. Red.). Wenn wir jetzt bei kontroversen Meinungen sofort ausflippen, dann ist irgendwas in der Debattenkultur schiefgelaufen. Mir ist der offene Diskurs wichtig und dafür steht auch der Podcast.

Die Streitkultur ist sehr aggressiv geworden. Ob die socialen Medien schuld sind? Auch. Wir haben dem Netz viel zu verdanken, aber ich glaube tatsächlich, die Schnelligkeit und die gedankliche Verkürzung, die dort stattfinden, führen auch dazu, dass wir kaum noch in der Lage sind, offene Debatten zu führen. Länger nachzudenken. Auch mal Meinungen auszuhalten, die uns nicht passen, von denen wir sogar glauben, dass sie wirklich nicht richtig sind. Eine Demokratie lebt von Vielfalt.

Mischen Sie sich in aktuelle Aufreger ein – etwa die Videoaktion von #allesdichtmachen, bei der sich Schauspieler*innen über die Corona-Schutzmaßnahmen lustig machen? Zu #allesdichtmachen habe ich tatsächlich am nächsten Morgen getwittert, dass da etwas ganz schön falsch gelaufen ist, weil wir im Moment keinen Zynismus brauchen, sondern Empathie. Sich bei allem, was in den Krankenhäusern los ist und was an Leid zusammengekommen ist, hinzustellen und zu sagen „Ich will mehr!“ – das war daneben. Es haben sich ja auch einige entschuldigt. Aber gut, Corona hat uns in eine Ausnahmesituation gebracht. Viele Menschen sind auch leicht entflammbar und die Empörungsunkultur nimmt weiter zu. Ich will jetzt nicht so theatralisch klingen, aber auch da ist der Podcast ein Gegenentwurf. Zuhören.

„In allen Konstellationen gibt es schlechten Sex“

In meiner Lieblingsstelle von „Wohnung 17“ feiern Sie und Tahnee beide so schön lesbischen Sex und stoßen darauf an. (Lacht) Ja, das hat mir auch ganz gut gefallen.

Falls Sie wiedergeboren werden sollten – welche sexuelle Identität würden Sie sich fürs nächste Mal aussuchen? Queere Frau. Meine feste Überzeugung ist: In allen Konstellationen gibt es schlechten Sex. Aber wenn man frei ist und auch ein gutes Gefühl zum eigenen Körper hat, dann ist lesbische Liebe, muss ich sagen, mein bevorzugtes Spielfeld.

Böttinger. Wohnung 17, in der ARD Audiothek, bei Spotify u. a. Gäste u. a.: Rapperin Nura, Politikerin Tessa Ganserer, Comedienne Tahnee, Designer William Fan, Dragqueen Barbie Breakout, Sängerin Conchita Wurst oder Virologe Hendrik Streeck

#queer#lesbisch#Podcast#Böttinger