Nachruf auf lesbische Aktivistin

Bettina Dziggel ist tot

12. Juli 2022 Anette Detering / Wolfgang Beyer
Bild: Wolfgang Beyer
Bettina Dziggel (1960–2022)

Bettina Dziggel war eine der zentralen Figuren der unabhängigen Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR. Sie starb im Alter von nur 62 Jahren. Ein Nachruf von ihrer langjährigen Freundin Anette Detering und von Wolfgang Beyer, Mitbegründer der GayChurch Berlin

Bettina Dziggel ist tot. Ein besonders aggressiver Tumor hat sie innerhalb weniger Monate aus dem Leben gerissen. Als ich sie zwei Tage vor ihrem Tod ein letztes Mal im Hospiz besuchte, aß sie schon nicht mehr und konnte auch nicht mehr sprechen. Aber dann irgendwann kamen doch zwei Worte, ganz unverwechselbar Betti: „Schöne Scheiße“.

Ja, schöne Scheiße, wieder ist eine aus der unabhängigen Lesben und Schwulenbewegung in der DDR viel zu früh gegangen. Nach dem Tod von Christian Pulz im vergangenen Jahr und Eduard Stapel 2017 verlieren wir mit Bettina Dziggel erneut eine prägende Figur dieser DDR-weiten selbstbestimmten homosexuellen Bewegung.

Politischer Widerstand

Bettina kam aus der Enge eines kleinen sächsischen Dorfes 1981 nach Ost-Berlin, um freier leben zu können. Aber Lesben waren isoliert, vereinzelt und unsichtbar. Dieser Zustand war für Betti unerträglich: „Entweder wir trinken uns hier in diesem Land zu Tode oder wir machen was.“

Bettina wurde mit Christian Pulz u. a. zur Begründerin der Ostberliner Lesben- und Schwulengruppen in Gethsemane bzw. in der Treptower Bekenntniskirche. Die Besonderheit in der DDR war, dass Rede- und Versammlungsfreiheit ausschließlich in kirchlichen Räumen einigermaßen gegeben war. Und wenn etwas politisch Widerständiges getan werden konnte, dann eben aus der Kirche heraus. Daher war auch die politische Lesben- und Schwulenbewegung Anfang der 1980er Jahre in säkularen oder gar staatlichen Räumen undenkbar. Ganz wesentliche gesellschaftspolitische Fragen sind im Kontext der evangelischen Kirchen in der DDR diskutiert worden, oft von Menschen wie Bettina, die selbst keine Christen waren.

„die Terrorlesben vom Prenzlauer Berg“

Die „Lesben in der Kirche“ hatten sich bewusst als eigenständige Gruppe neben den „Schwulen in der Kirche“ gebildet. Lesben wollten selbst über und für sich sprechen. Sie haben sich aus der Rolle von Frauen neben Männern befreit. Lesbische Autonomie hieß, Arbeit und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das trug der Gruppe einen Namen ein, der eigentlich vernichtend wirken sollte: „die Terrorlesben vom Prenzlauer Berg“. Bettina konnte dieser Name nicht vernichten: „Gemeinsam sind wir unerträglich“ war ein Satz, den Lesben dieser Vernichtung entgegensetzten.

Bettina hat immer darauf hingewiesen, dass das alles in einer Diktatur geschehen ist. Sie hat in ihrer Situation als Lesbe in der DDR die entscheidende Frage ihres Lebens gestellt: nämlich die nach Emanzipation und Selbstbestimmung. Die „Lesben in der Kirche“ waren es, die das Gedenken an Lesben als Opfer des NS initiiert hatten durch ihre Protestaktionen im KZ Ravensbrück, trotz Vorladung, Einschüchterung und Festnahmen durch die Stasi und den antiemanzipatorischen Terror der SED. Für die heutige Erinnerungskultur in Ravensbrück hat Bettina zusammen mit anderen Lesben in der DDR den Grundstein gelegt.

Lesbischer Stolz

Bettina Dziggel ist eine der ganz wenigen Lesben, die bis heute ihre politische Widerstandsgeschichte in der DDR ständig zum Thema gemacht hat. Sie hat sich als Zeitzeugin zur Verfügung gestellt. In Ausstellungs-, Buch- und Filmprojekten wie: „Tabuzonen lesbischer Sexualität“, „Warum wir so gefährlich waren“, „Out in Ostberlin“, „Rosarot in Ostberlin“. Mit den queeren Stadtführungen hat Bettina mit Peter Rausch lesbische und schwule Emanzipationsgeschichte sichtbar gemacht.

Sie gehört zu den politischen Persönlichkeiten, die schon vor über 40 Jahren für die Möglichkeit von queerem Selbstbewusstsein, für die Chance auf echte Freiheit und Selbstbestimmung von LGBTIQ* gekämpft haben. Sie hat mit ihrem Leben gezeigt, was lesbischer Stolz und lesbische Selbstbestimmung sein kann. Ihr Erbe liegt nun in unseren Händen.

Bettina Dziggel wird am 18.August um 12:00 Uhr auf dem Georgen-Parochial-Friedhof (Friedenstr. 80, 10249 Berlin) beigesetzt.

Bild: East Pride
Wolfgang Beyer und Anette Detering, Initiator*innen des East Pride Berlin

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