Blumen gegen Hass: „Queens & Flowers“ feiert Vielfalt – jetzt erst recht!

Glitzer, Blumen, Medienhetze: Beim Drag-Sommerfest „Queens & Flowers“ feierten Queers und Allys Zusammenhalt und Diversität im Botanischen Garten – trotz rechtspopulistischer und christlich-fundamentalistischer Angstmacherei. Gerade jetzt seien Events wie diese besonders wichtig, findet SIEGESSÄULE-Kulturredakteur Kevin Clarke. Er war vor Ort und fasst seine Eindrücke zusammen
Es war wieder so weit: Am 23. August fand im Botanischen Garten zwischen Tropenhäusern, Blumenbeeten und weitläufigen Parkanlagen das Drag-Festival „Queens & Flowers“ statt. Was im vergangenen Sommer als Experiment begann und aus dem Stand 2.000 Besucher*innen anzog, ging letzten Samstag in die zweite Runde.
Abgesehen vom Aufgebot bekannter Szene-Queens wie Kaey oder Gisela Sommer als Moderator*innen des Bühnenprogramms und Auftritten von schillernden Persönlichkeiten wie Antina Christ, Christina Corpse, Corazón und Michele Clark sowie einer Comedy-Show mit Rachel Intervention, konnte man auch „Drag Race Germany“-Kandidatinnen live bestaunen: Yvonne Nightstand und Metamorkid. Nicht zu vergessen – ein Konzert von Marcella Rockefeller am späteren Abend zum Abschluss des Ganzen, während der Mond aufging.
Das Event, das die LGBTIQ*-Tourismus- und Eventplattform Place2be.Berlin aus dem Hause SIEGESSÄULE gemeinsam mit dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf bzw. der Stadt Berlin auf die Beine stellte, machte in diesem Jahr Schlagzeilen der besonderen Art – allerdings nicht wegen des blumigen Programms.

Draußen: Rechter Mediensturm im Wasserglas
Es war die verzerrende und bewusst skandalisierende Berichterstattung beim rechtspopulistischen Nachrichtenportal Nius, das sich selbst als „Die Stimme der Mehrheit“ bezeichnet. Dort erregte man sich schon im Vorfeld zum einen darüber, dass ein Sommerfest mit „als Frauen verkleideten Männern“ mit knapp 40.000 Euro von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe finanziert wurde, als „besonderes touristisches Projekt“. Vor allem aber darüber, dass angeblich „vollkommen übersexualisierte“ Dragqueens herumlaufen würden, die „ihre Geschlechtsteile überbetonen und teilweise extrem angsteinflößend aussehen“. Und dass diese „Darsteller aus dem Berliner Underground“ keine „altersgerechte Unterhaltung“ für Kinder seien. Denn durch sie würde „übersexualisiertes Verhalten im Beisein von Minderjährigen normalisiert“.
Dass dieser Artikel mehr war als nur ein harmloser Aufreger in der rechten Szene, merkten Besucher*innen als sie am Samstag tatsächlich zum Botanischen Garten kamen: Dort stand Polizeischutz am Eingang der Königin-Luise-Straße, es gab extra Security – und es fand sich direkt beim Zugang zum Garten ein Stand von einer Gruppe, deren blauweißes Schild verkündete „Nur Jesus Christus rettet!“
Die jungen Männer (keine Frauen) an dem Stand drückten Passant*innen Flyer in die Hand, auf denen zum Beispiel stand: „Ich war homosexuell, dann transsexuell … und jetzt?“ Darin wurde das vermeintlich „authentische Zeugnis einer Betroffenen – von ihr selbst verfasst“ präsentiert. Ausgereicht wurde im Pocket-Format ebenfalls das Evangelium nach Johannes, um Menschen wieder auf den „richtigen“ Weg zu bringen.
Für möglichst dramatisch wirkendes Videomaterial wurde am Eingang am frühen Nachmittag auch eine Demo inszeniert, vom Nius-Team gefilmt – weil diese nicht in den Botanischen Garten reindurften. Die Veranstalter*innen und der Botanische Garten wollten verhindern, dass Nius die Gäste belästigt.
Drinnen: Sommer, Sonne, Märchenstunden
Ungeachtet der Medienstürme, die draußen tobten, war die Stimmung bei „Queens & Flowers“ drinnen sehr friedvoll. Menschen spazierten durch die wunderbaren Grünanlagen und Gewächshäuser, saßen in der Nachmittags- und Abendsonne vorm Großen Tropenhaus und plauderten mit Drinks und Snacks in den Händen. Es gab Dragqueen-Reading-Hours („Märchenstunde mit Glamour“), mit Rachel Intervention und Vivienne Lovecraft. Aber es gab auch Spielecken, wo junge Besucher*innen unter Anleitung mit Hula-Reifen üben konnten, wie man die Hüften richtig schwingt.
Kinder kamen ganz sicher nicht mit irgendwelchen „übersexualisierten“ Situationen in Kontakt.
Als Besucher war mein Eindruck, dass sich die überall umherrennenden Kinder in Begleitung von Erwachsenen sehr wohl fühlten. Sie kamen ganz sicher nicht mit irgendwelchen „übersexualisierten“ Situationen in Kontakt: Weder was die Outfits der Dragqueens auf der Showbühne noch was das Publikum betraf, das altersmäßig angenehm durchmischt war, zudem auffallend international.

Spannend war die öffentliche Podiumsdiskussion mit unter anderem Gudrun Fertig als SIEGESSÄULE-Verlegerin und Jan Noll, der das Event mitorganisierte. Sie sprachen über die aktuelle ablehnende Haltung der Gesellschaft gegenüber Drag – obwohl Drag im Fernsehen und anderen Medien vermutlich nie so populär war wie heute. Vielleicht gerade deshalb wird Drag von Medien wie Nius bewusst dämonisiert und zum Feindbild erklärt, das angeblich zu bekämpfen sei.
Drag ist keine „Sünde“
Als ich mit meiner 82-jährigen Mutter gut gelaunt den Botanischen Garten verließ, fragten die „Nur Jesus Christus rettet!“-Männer am Eingang meine Mutter allen Ernstes, ob sie sich bewusst sei, dass sie gerade einen „Ort der Sünde“ verlasse. Das führte zu einer längeren Diskussion darüber, was denn hier „Sünde“ heißen solle. (Meine Mutter war irritiert, milde ausgedrückt.) Dann wurden uns Schilderungen um die Ohren gehauen, was angeblich bei „Queens & Flowers“ hinterm Eingangsportal stattfinde. Schilderungen, die eins-zu-eins aus dem Nius-Artikel übernommen waren – also die angebliche Sorge um „die Kinder“, die ungewollt und schockiert vor „bärtigen Männern im Tanga“ stünden, wie man uns erklärte.
Der Hinweis, dass nichts davon tatsächlich so im Botanischen Garten zu beobachten war, wurde weggewischt. Stattdessen fragte mich einer der vollbärtigen (und durchaus sympathischen) Männer, ob ich selbst „ein richtiger Homosexueller“ sei. Als ich mit „Ja“ antwortete und ergänzte, das schon immer gewesen zu sein, wollte er wissen, ob ich damit nie „gestruggelt“ hätte. Mein „Nein“ machte ihn fassungslos. Denn, wie er sagte, Gott „wolle“ das nicht. Mein Hinweis, dass ich nicht an Gott glaube und mir das deshalb relativ egal sei, brachte ihn dazu, mich mit Bibelzitaten bekehren zu wollen. Wir flüchteten irgendwann zur Bushaltestelle. Aber ich merkte, dass meine Mutter noch Tage später darüber sprechen wollte, weil sie diese Begegnung mit vermeintlich „netten“ Menschen, die ihr eine unmittelbare Höllenfahrt vorhersagten, verstörend fand.
Wer sich außerdem noch unermüdlich auf Diskussionen einließ war der Queerbeauftragte des Berliner Senats, Alfonso Pantisano (der mit sieben Personenschützer*innen unterwegs war), zum Beispiel mit dem Nius-Reporter Jens Winter. Ihm erklärte Pantisano, dass das Drag-Fest „nichts Sexuelles“ habe. Eine Gefahr für Kinder sehe Pantisano eher in „rechten Medien“ und ihrer Berichterstattung, wie er es formulierte. Was von Nius unmittelbar als „absurde Logik des SPD-Politikers“ abgetan wurde. Im Follow-up-Artikel findet sich der Vermerk, dass Nius trotz Verbots „mit versteckter Kamera Aufnahmen des Geschehens“ angefertigt habe. Die sollen vermutlich später irgendwo gepostet werden, was rechtlich ziemlich fragwürdig ist.
Traumhafter Ausflug ins Grüne
Das Drumherum konnte mir den Besuch im Botanischen Garten nicht verderben. Ich habe ihn weniger als Drag-Festival erlebt, sondern mehr als traumhaften Ausflug ins Grüne, der mir eine Location nähergebracht hat, die ich vorher nicht gut kannte. Und die ich definitiv demnächst wieder besuchen möchte, auch wenn mir der queere Touch fehlen wird.
Die Hetze von rechts hat mir vor Augen geführt, wie wichtig es gerade jetzt ist, ein Event wie „Queens & Flowers“ zu veranstalten.
Die Hetze – anders kann ich das nicht bezeichnen – gegen Drags im Besonderen und queere, homosexuelle und trans* Menschen im Allgemeinen, mit Verweis auf „Sünde“ und „Kindeswohl“, hat hingegen etwas zutiefst Verstörendes. Das hat mir unmittelbar vor Augen geführt, wie wichtig es gerade jetzt ist, ein Event wie „Queens & Flowers“ Schulter an Schulter mit öffentlichen Institutionen wie dem Botanischen Garten zu veranstalten.

Um der Angstmacherei etwas entgegenzusetzen, zeigten der rbb („Abendschau“) und andere Medien der Welt, wie schön dieses Miteinander von Jung und Alt, Queers und Allys und sonstigen Gästen des Gartens war. Denn das ist die entscheidende Botschaft zum Mitnachhausenehmen.
Man darf gespannt sein, wie sich der Botanische Garten nach diesem Medienfuror von rechts im Jahr 2026 verhalten wird – ob also die Einschüchterung und der Gegenwind so viel Angst erzeugten, dass künftige Ausgaben von „Queens & Flowers“ oder ähnliche Events gestrichen werden. Oder ob man jetzt erst recht Haltung zeigt, was dringend notwendig ist.
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