Bunt bis an den Rand: Lichtenberg, Pankow und Marzahn-Hellersdorf
Der Queerbeauftragte des Berliner Senats hatte 2025 zum „Jahr der Randbezirke“ ausgerufen, um zu zeigen, dass die Regenbogenhauptstadt nicht am S-Bahn-Ring endet. Was ist daraus geworden? Und wie sieht das Leben für LGBTIQ* an den Rändern der Stadt wirklich aus? SIEGESSÄULE-Autor Sören Kittel hat sich zum Auftakt unserer neuen Serie umgehört in Lichtenberg, Pankow und Marzahn-Hellersdorf
Es war einer dieser Sommerabende 2024, ganz im Norden von Lichtenberg. Sabine Pöhl (Die Linke) hatte in einem Stadtteilzentrum zu einem lesbischen Filmabend eingeladen. Vielleicht 20 Frauen waren gekommen, schauten den Film „Girls Girls Girls“, als plötzlich ein Nachbar im Türrahmen stand und sich über den Lärm beschwerte. Der Film lief auf Zimmerlautstärke. Pöhl wusste nicht, was der eigentliche Grund für die Wut des Mannes war. Er war offensichtlich angetrunken und kam ein zweites und ein drittes Mal – und dann platzte es aus ihm heraus: „Wenn die AfD an die Macht kommt, dann ist Schluss mit solch einem Quatsch!“
Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass Pöhl diesen Satz hörte. Die 63-Jährige ist Queerbeauftragte des Bezirks Lichtenberg. Ihr Büro liegt im Erdgeschoss des alten Lichtenberger Rathauses, nur wenige Minuten vom Ring-Center und der Ringbahn entfernt – als würde der Stadtteil über den Standort seines Rathauses den Kontakt zum Berliner Zentrum suchen. Doch der Stadtteil Lichtenberg liegt vor allem außerhalb der Innenstadt. Und das bringt besondere Bedingungen mit sich.
Für queere Menschen überwiegen auf den ersten Blick die Nachteile: Es gibt hier weniger Ausgehmöglichkeiten, weniger sichtbare Treffpunkte und insgesamt weniger Selbstverständlichkeiten im Umgang mit LGBTIQ*, die in der Innenstadt längst zum Alltag gehören. Wer in Lichtenberg, Pankow oder Marzahn-Hellersdorf lebt, macht queeres Leben dort oft erst durch das eigene Verhalten sichtbar – gegen Widerstände, Skepsis oder sogar offene Feindseligkeit. Genau darin liegt jedoch auch eine andere, seltener erzählte Geschichte dieser Bezirke.
Aufwachsen als queerer Jugendlicher im Plattenbau
Ein literarischer Hinweis darauf ist Axel Ranischs Roman „Nackt über Berlin“, der bis heute als Gegenentwurf zur gängigen Erzählung vom queeren Berlin gelesen werden kann. Ranisch schildert darin das Aufwachsen eines schwulen Jugendlichen in einer Ostberliner Plattenbausiedlung in Lichtenberg – mit all der Verletzlichkeit, dem Begehren und der Suche nach Zugehörigkeit, ohne Zugriff auf das Szene-Berlin. Der Roman zeigt, ebenso wie die erfolgreiche ARD-Verfilmung, dass queeres Leben auch jenseits von Mitte, Schöneberg und „Kreuzkölln“ existiert hat und existiert: nicht als Subkultur, sondern als Teil ganz normaler Nachbarschaften.
Dass diese Perspektive inzwischen auch politisch stärker in den Blick gerät, erklärte der Berliner Queerbeauftragte Alfonso Pantisano (SPD), als er das Jahr 2025 zum „Jahr der Randbezirke“ ausrief. Gezielt sollten „Sichtbarkeit und Akzeptanz von queeren Menschen in unterversorgten Stadtteilen“ gefördert werden. Die Regenbogenhauptstadt, so hieß es damals aus verschiedenen Senatsverwaltungen, ende nicht am S-Bahn-Ring. Umso bitterer wirkte es, dass nur wenige Monate später eine Kürzungswelle durch die Berliner Kulturlandschaft ging. Wie viel von diesem Anspruch ist also 2025 tatsächlich umgesetzt worden?
SIEGESSÄULE will in den kommenden Monaten verschiedene Randbezirke besuchen und nachfragen, wie es außerhalb der Innenstadt-Bubble aussieht. Dieser erste Teil der Serie nimmt drei Bezirke in den Blick, die alle im Osten der Stadt liegen – Lichtenberg, Pankow und Marzahn-Hellersdorf. Sie haben zwei Gemeinsamkeiten: Alle verfügen inzwischen über eine Queerbeauftragte und alle kämpfen mit ähnlichen strukturellen Problemen.
Pöhl, seit vier Jahrzehnten als Mitarbeiterin des Lichtenberger Bezirksamtes aktiv, beschreibt queere Bezirkspolitik als ein Pendeln zwischen Aufbruch und Zurückgedrängtwerden. Schon Anfang der 2000er-Jahre habe es Initiativen und Gespräche mit Bürgermeister*innen, Jugendhilfe und Akteur*innen aus benachbarten Bezirken gegeben. „Das war damals auch eine Aufbruchsstimmung, ausgelöst durch politische Umbrüche“, sagt sie im SIEGESSÄULE-Interview. Vieles sei später wieder eingeschlafen.
Für queere Menschen außerhalb des Rings kann gelebte Vielfalt zur konkreten Gefahr werden.
Erst ab 2015, mit neuen Landesprogrammen und der Einführung von Queerbeauftragten, sei das Thema erneut aufgekommen – und heute, so Pöhl, erstmals halbwegs dauerhaft verankert. Inzwischen ist sie eng vernetzt mit ihren Kolleginnen Jenny Bluhm (parteilos) in Pankow und Vanessa Krah (ebenfalls parteilos) in Marzahn-Hellersdorf. Im August 2025 kamen sie bei einem Runden Tisch zusammen, um einen Aktionsplan gegen queerfeindliche Gewalt zu erarbeiten – gemeinsam mit Polizei und anderen Behörden. Für die drei war das auch ein Moment der Anerkennung: ein Zeichen dafür, dass ihre Erfahrungen gehört werden. Denn für queere Menschen außerhalb des Rings kann gelebte Vielfalt zur konkreten Gefahr werden. In Marzahn-Hellersdorf wurde diese Bedrohungslage 2025 physisch greifbar, als Teilnehmende des Marzahn Pride auf dem Rückweg angegriffen wurden. „Gerade die Wege hin und zurück mit den öffentlichen Verkehrsmitteln waren besonders vulnerabel“, sagt Krah.
Öffentliche Anlaufstelle ist die Stadtbibliothek
Auch in Pankow ist Queerfeindlichkeit keine abstrakte Größe. Nach Angriffen auf queere Orte wie die Tipsy Bear Bar spricht Bluhm von einer „erschütternden Art und Weise“ der Gewalt: von Anspucken, Bedrohungen und gezielter Einschüchterung. „Da haben Männer die Regenbogenflagge auf der Schönhauser Allee verbrannt“, sagt sie, immer noch aufgewühlt.
Queeres Leben muss hier nicht nur organisiert, sondern immer auch verteidigt werden. Das Tipsy Bear liegt zwar noch in Prenzlauer Berg, doch Pankow ist flächenmäßig der größte Berliner Bezirk. Den äußeren Teil nennt Bluhm scherzhaft „Pankow-Pankow“. Dort, wie auch in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf, fehlt es an gewachsener queerer Infrastruktur. Ihre Antwort darauf: Sichtbarkeit an öffentlichen Orten.
Solche Angebote wirken auch auf die nicht queere Bevölkerung zurück.
Eine dieser öffentlichen Anlaufstellen ist die Stadtteilbibliothek in der Wiltbergstraße in Buch. Deren Leiterin Doreen Tiepke-Ihlow begann zunächst mit der Auslage von Flyern für LGBTIQ*-Beratungsangebote. „Wir haben gemerkt, dass die sehr schnell mitgenommen wurden“, sagt sie zu SIEGESSÄULE. Also baute sie das Angebot aus und entwickelte gemeinsam mit der Queerbeauftragten ein Konzept, um gezielt queere Menschen zu erreichen. Nach einem Schwerpunkt auf Jugendliche und später auf Senior*innen richtet sich das Programm nun ausdrücklich an sämtliche queere Zielgruppen. Denn alle sollen sich in der Bibliothek willkommen fühlen. Dass solche Angebote auch auf die nicht queere Bevölkerung zurückwirken, erlebte Bluhm kürzlich bei einem Erzählabend. Homo- und heterosexuelle Pankower*innen saßen gemeinsam im Raum, das Thema war Coming-out. Zunächst habe sich eine Frau beschwert, sie habe nie begriffen, warum queere Menschen das immer erzählen müssten. „Aber nach dem Abend hat sie verstanden, warum sich manche eben nicht mehr verstecken wollen“, so Bluhm.
Dass queere Sichtbarkeit in den Außenbezirken kein neues Phänomen ist, zeigt eine der bekanntesten LGBTIQ*-Figuren des Berliner Ostens: Charlotte von Mahlsdorf (1928–2022). Sie betrieb ihr Gründerzeitmuseum über Jahrzehnte und lebte offen als trans* Persönlichkeit – erst in Lichtenberg, später in Mahlsdorf, heute Teil von Marzahn-Hellersdorf. Verstecken war für Charlotte keine Option, weder in der DDR noch später. Selbst ihr Grabstein steht noch am Stadtrand, altrosa, mit beiden Namen: Lothar und Charlotte. Dass bis heute sowohl Lichtenberg als auch Marzahn-Hellersdorf Charlotte für sich beanspruchen, zeigt, dass queeres Gedenken nicht an zentale Szeneorte gebunden ist, sondern im Kiez verankert bleibt. Diese Selbstverständlichkeit auch heute herzustellen, ist eines der Ziele des Regenbogenfamilienzentrums. Es betreibt Standorte in Lichtenberg und eine Beratungsstelle in Marzahn-Hellersdorf – beide stark nachgefragt.
Am Stadtrand locken günstige Mieten, Ruhe und Platz
Constanze Körner leitet den Trägerverein Lesben Leben Familie, der das Regenbogenfamilienzentrum seit 2021 in Lichtenberg betreibt „Zu uns kommen Menschen aus Karlshorst, Rummelsburg und auch aus anderen Bezirken wie Köpenick“, sagt sie. Viele queere Familien zögen an den Stadtrand, auch wegen der Gentrifizierung. Neben günstigeren Mieten entdeckten sie dort weitere Vorteile: Ruhe, Platz – und zunehmend auch Unterstützung. Auch wenn das Wort „Lesben“ im Namen steht, richtet sich das Angebot an alle queeren Familienformen. Mit zusätzlichen Mitteln konnte 2025 unter anderem ein großes Herbstfest in Treptow-Köpenick organisiert werden. Der Bedarf ist so groß, dass inzwischen auch in Marzahn-Hellersdorf ein Regenbogenfamilienzentrum entstanden ist, das sich vor Anfragen kaum retten kann – besonders Kinderwunschgruppen sind begehrt.
All das sind kleine Schritte. Doch gerade in den Außenbezirken machen sie den Unterschied aus. In Marzahn wurde etwa das Projekt „Quids“ gefördert, eine Anlaufstelle für junge trans* und nicht binäre Menschen. Auch das queerfeministische Archiv hat Teile seines Lagers inzwischen an den Stadtrand verlegt.
Alle drei Queerbeauftragten berichten von Wertschätzung in ihren Bezirken. In Pankow fühlt sich Jenny Bluhm von vielen Stadtteilzentren ausdrücklich willkommen geheißen. Mit dem Sonntags-Club existiert dort zudem eine Einrichtung, die seit den 1980ern für queere Sichtbarkeit eintritt und weit über den inneren Bezirk hinaus wirkt. Schwieriger bleibt die Planungssicherheit – vor allem angesichts knapper Kassen und Haushaltssperren.
Jeder Filmabend, jede Lesung, jede Führung trage dazu bei, dass Vielfalt auch am Rand der Stadt möglich und vor allem sichtbar wird.
Jedes kleine Schrittchen bringt etwas“, sagt Pöhl. Jeder Filmabend, jede Lesung, jede Führung trage dazu bei, dass Vielfalt auch am Rand der Stadt möglich und vor allem sichtbar wird. „Wir haben hier keine Kneipe mit Regenbogenaufkleber“, sagt sie, „aber wie zu DDR-Zeiten weiß man trotzdem, wo man willkommen ist.“ Und die Führung zur sexuellen Vielfalt im Tierreich anlässlich des „Pink Day“ findet eben nicht im Zoo nahe dem Nollendorfkiez statt – sondern im Tierpark in Lichtenberg.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre der Randbezirke: Queere Sichtbarkeit entsteht hier nicht durch Szene, sondern durch Wiederholung. Durch Menschen, die bleiben. Durch Orte, die offen bleiben. Und durch die Gewissheit, dass queeres Leben nicht dorthin gehört, wo es am lautesten ist – sondern dorthin, wo es gelebt wird.
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