Community kostet Kraft: Warum leiden so viele an Aktivismus-Burn-out?
Die CSD-Saison ist vorbei – und für viele LGBTIQ*-Aktivist*innen kehrt mit dem Ende des Trubels Erleichterung ein. Für andere, die sich ehrenamtlich engagieren, scheint die Arbeit nie aufzuhören. Zunehmend ist von Aktivismus-Burn-out die Rede – einer chronischen Erschöpfung durch anhaltende Belastung. Eleonore Foss ist den Fragen nachgegangen, was Burn-out begünstigt, wie frühere Generationen damit umgegangen sind und warum es grundlegende Veränderungen in der Community braucht
Erschöpfung, Schlafstörungen und Kopfschmerzen waren die ersten Krankheitszeichen, die Rina (Name geändert) entwickelte. Klassische Burn-out-Symptomatik – nur dass es nicht die Arbeit im Einzelhandel war, die Rina so unter Druck setzte, sondern ihr Engagement auf Demos und in queeren Organisationen. Psychosomatische Beschwerden durch einen zu hohen Workload waren dabei nichts Außergewöhnliches in ihrem Umfeld: Gestresst vom Balanceakt zwischen Arbeit, Ehrenamt und dem Versuch, die Kürzungen des Berliner Senats für queere Bildungsprojekte in den vergangenen Jahren aufzufangen, seien schließlich alle.
Einen Gang zurückschalten kam weder für Rina noch für ihre Kolleg*innen infrage – denn wer würde die Arbeit übernehmen? Wie Rina ergeht es vielen Menschen, die sich aktivistisch betätigen. In queeren, antirassistischen oder antiableistischen Kontexten ist Aktivismus-Burn-out, auch Activist Fatigue genannt, bekannt.
Offiziell anerkannt wird das Phänomen allerdings nicht. Die WHO kategorisiert Burn-out als ausschließlich am Arbeitsplatz auftretend und nicht auf andere Lebensbereiche übertragbar. Auch wurde das Burn-out-Syndrom überhaupt erst 2022 als separater und ausführlicher Befund in den Diagnosekatalog ICD-11 der WHO aufgenommen, der darüber hinaus in Deutschland noch nicht offiziell in Kraft getreten ist. Es bleibt bei einer Diagnose, der trotz ihrer Präsenz oft nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.
„Wir fühlen uns zurückgeworfen“
Dass es an Studien, Datenerhebungen und Forschungen zu dieser Thematik fehlt, beklagt auch Juliane Rosin, die seit vier Jahren als Beirätin für den LesbenRing e. V. tätig ist und sich beruflich mit Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Sorgearbeit auseinandersetzt. Auch in ihrem Umfeld hat die Zahl der Menschen, die sich dauerhaft erschöpft und überanstrengt fühlen, in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. „Egal in welchem internationalen Netzwerk ich mich umgeschaut habe, überall herrscht dieses Gefühl von großer Angst um die Zukunft, während die Menschen gleichzeitig keine Energie mehr haben, sich damit zu beschäftigen”, erzählt sie im SIEGESSÄULE-Interview.
„Überall herrscht diese große Angst um die Zukunft, während die Menschen gleichzeitig keine Energie mehr haben, sich damit zu beschäftigen.”
Verstärkt wird die Situation von einer grundlegenden Erschütterung des Fortschrittsgedankens, der das Weltbild in unserer Gesellschaft über die vergangenen Jahrzehnte dominiert hat. „Es gab dieses Narrativ, dass es für alle marginalisierten Gruppen immer besser wird und geradlinig vorangeht, wenn wir nur lange genug durchhalten. Diese Idee ist auf einmal zu einem Stillstand gekommen und hat sich ins Gegenteil gewendet. Wir fühlen uns alle zurückgeworfen.”
Die Angst vor diesem Rückschritt und davor, Diskriminierung und Stigmatisierung in einem größeren Maß zu erfahren, ist auch eine der Triebkräfte, die Aktivist*innen dazu verleiten, ihre Kapazitäten überzustrapazieren. „Wenn da draußen die Welt brennt, dann gibt es in marginalisierten Gruppen immer dieses Gefühl, dass es doch zu egoistisch wäre, nun Urlaub zu machen”, meint Juliane. „Sonst gäbe es ja niemanden mehr, der noch irgendetwas tut.”
Wo fängt Aktivismus an?
Doch Engagement in Organisationen, Vereinen und Netzwerken ist nicht der einzige Stressfaktor, der zu chronischer Erschöpfung beiträgt. Auch Menschen, die sich aus allen aktivistischen Kontexten zurückziehen, sehen sich trotzdem mit Diskriminierung im Alltag bis hin zu psychischer oder körperlicher Gewalt konfrontiert. Wenn das Ziel des Aktivismus an die eigene Identität gebunden ist, wird es schwer bis unmöglich, eine klare Grenze zu ziehen und einfach eine Pause einzulegen.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, wo Aktivismus überhaupt anfängt. Normative Räume zu betreten, die nicht für einen gemacht sind, geht meist mit ungewollter Aufmerksamkeit einher und damit, Veränderungen – weniger Barrieren, mehr Inklusion – einzufordern. Die Anlaufstellen zur Meldung von Diskriminierung, die barrierefreie Toiletten im Büro oder die geschlechtsneutrale Option bei Betriebsratswahlen, all das wird meist von Betroffenen in ihrem alltäglichen Leben eingefordert. Wenn die bloße Existenz schon an bestehenden Strukturen rüttelt, wird auch ein Teil des Alltags zwangsläufig zur aktivistischen Arbeit.
„Wenn die bloße Existenz schon an bestehenden Strukturen rüttelt, wird auch ein Teil des Alltags zwangsläufig zur aktivistischen Arbeit.“
Die Folgen dieser konstanten Anstrengung, die auch Minderheitenstress genannt wird, sind belegbar: Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Universität Bielefeld werden Menschen, die sich als LGBTIQ* identifizieren, etwa dreimal so häufig mit Burn-out oder Depression diagnostiziert.
Selfcare als kollektive Erholung
Auch in den Augen von Cornelia Fleck sind Menschen im Aktivismus generell anfälliger für einen Burn-out, als es in der Lohnarbeit der Fall ist. In ihrem Buch „Queerfullness” hat sie über das Phänomen in der queeren Protestkultur geschrieben und ihre Erfahrungen als Mitbegründerin des Aktionsbündnisses „Summer of Queerfulness“ und Trainerin für Antidiskriminierung, Partizipation und Protestkultur einfließen lassen. „Im Aktivismus haben wir das Problem, dass uns, anders als auf der Arbeit, die Belohnung fehlt – wir werden nicht bezahlt und wir haben keinen klassischen Abschluss von Aufgaben”, gibt sie zu bedenken. „Das Prinzip bleibt zwar gleich, aber anders als mein Chef auf der Arbeit hat die Welt unendlich viele Aufgaben, die sie an mich stellt. Sobald ich anfange, mich zu informieren, werde ich förmlich überschüttet mit Thematiken, um die es sich zu kümmern gilt. Das macht einen verrückt und unser Nervensystem hält das auch nicht aus. Wir crashen dann irgendwann.”
„Im Aktivismus haben wir das Problem, dass uns die Belohnung fehlt – wir werden nicht bezahlt und wir haben keinen klassischen Abschluss von Aufgaben.”
Essenziell für einen nachhaltigen Aktivismus sei daher das Zusammenkommen nach Aktionen: der zwischenmenschliche Austausch und der Versuch, sie gemeinsam abzuschließen und das Erlebte so zu einem Ende zu bringen. „Es gibt oft so einen Zeitdruck, weil man denkt, es gibt doch Wichtigeres zu tun – aber dann sieht man, wie reihenweise die Bewegungen kippen. Ich denke, das liegt auch ganz stark daran, dass Selfcare nicht ernst genommen wird.”
Der Selfcare-Begriff ist hier so zu verstehen, wie ihn die Schriftstellerin Audre Lorde im Kontext der Schwarzen feministischen Bewegung verwendet hat – bevor er mit Schaumbädern, Gurkenmasken und Rückzug aus sozialen Räumen in Zusammenhang gebracht wurde. Bei Audre Lorde steht nicht individuelle Selbstoptimierung durch Selfcare im Fokus, sondern kollektive Erholung. Als Schwarze lesbische Frau wurde die Pflege von körperlicher und mentaler Gesundheit für Lorde zu einem Akt des politischen Widerstands.
„In den dunkelsten Tagen der Aids-Krise begruben wir morgens unsere Freund*innen, protestierten nachmittags und tanzten die ganze Nacht. Und es war das Tanzen, das uns im Kampf gehalten hat – denn für dieses Tanzen haben wir gekämpft.“
Wie essenziell Pausen für einen nachhaltigen Aktivismus sind, wird noch deutlicher, wenn man den Blick auf die sozialen Bewegungen der vergangenen Dekaden lenkt – das Innehalten und Zusammenkommen war oft ein unverzichtbarer Teil dieser Arbeit. Der US-amerikanische Journalist Dan Savage fasste es vielleicht am besten zusammen, als er über den Aktivismus zu Zeiten der Aids-Pandemie schrieb: „In den dunkelsten Tagen der Aids-Krise begruben wir morgens unsere Freund*innen, protestierten nachmittags und tanzten die ganze Nacht. Und es war das Tanzen, das uns im Kampf gehalten hat – denn für dieses Tanzen haben wir gekämpft.“ Das Pausemachen, das Zusammenkommen und gemeinsame Feiern kann ein politischer Akt sein.
Eine entscheidende Rolle für die Überflutung mit immer neuen Aufgaben ist Cornelias Meinung nach Social Media zuzuspielen. Wer viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringt, Diskussionen in Kommentarspalten verfolgt und sich täglich Hunderten von emotional aufgeladenen und zugespitzten Überschriften aussetzt, überlastet nicht nur die eigene Reizverarbeitung, sondern begünstigt auch ein konstant erhöhtes Stresslevel. „Im schlimmsten Fall landen wir vor lauter Aufregung dann im Bereich Doomscrolling, was Leute ebenfalls handlungsunfähig macht. Auf der einen Seite haben wir Aktivismus-Burn-out, auf der anderen Passivismus-Doom”, so Cornelia.
Die Lösung für Letzteres sei immerhin einfacher umzusetzen: „Meine Medizin gegen Passivismus-Doom ist Aktion – jede Handlung in der realen Welt gibt mir ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Verbindung und kann helfen, das Stresslevel wieder zu senken. Aber auch den Menschen, die bereits im aktivistischen Bereich tätig sind, würde ich raten, das Handy wegzulegen und sich in der Wirklichkeit zu verankern. Eine Möglichkeit wäre auch, sich über langsamer getaktete Medien wie Zeitungen oder Podcasts zu informieren, um die Überlastung etwas zu mindern.”
Interne Strukturen zu stärken macht sie resilienter
Natürlich kann auch Aktivismus abseits von Social Media Burn-out und Erschöpfung auslösen – sofern dieser sich in einer zunehmend digitalen Welt überhaupt verwirklichen lässt. Bei den bestehenden Lösungsansätzen zur Prävention von Aktivismus-Burn-out handelt es sich in erster Linie um schnell umsetzbare Ideen zur Risikominimierung. Solche kurzsichtigen Reaktionen auf die Überlastung von Individuen, egal ob in Lohnarbeit oder Ehrenamt, sind daher auch für Juliane keine Lösung. „Man kommt schnell in die Situation, den Leuten ein paar Entspannungsübungen in die Hand zu drücken und zu sagen: Schaut selbst, was ihr gerade braucht. Es wird alles auf eine individuelle Ebene zurückgeworfen”, erklärt sie.
Da in der deutschen Politik in absehbarer Zeit kein Umdenken in der Burn-out-Prävention zu erwarten ist – im Gegenteil: der Trend geht zu Forderungen nach mehr Arbeitsstunden und höheren Hürden im Krankheitsfall –, müssen Vereine und Organisationen, Stiftungen sowie öffentliche Geldgeber strukturell umdenken und den Fokus auf die vorhandenen Ressourcen legen.
„Man kommt schnell in die Situation, den Leuten ein paar Entspannungsübungen in die Hand zu drücken. Es wird alles auf eine individuelle Ebene zurückgeworfen”
„Worüber wir abseits der Kürzungen in den Haushalten wirklich reden müssen, ist, wie effektiv wir diese Gelder einsetzen. Dafür braucht es Zahlen und Forschung, aber auch Gespräche. Wir müssen uns fragen, ob Gelder, die beispielsweise für Veröffentlichungen vorgesehen sind, wirklich so ausgegeben werden müssen”, überlegt Juliane. „Oder ob es nicht mehr Sinn ergibt, in interne Evaluationen und Coachings zu investieren.” Dies würde die internen Strukturen nachhaltig stärken und die Organisationen resilienter machen. Erst wenn dies passiert ist, eröffnen sich auch die nötigen Spielräume, um gegen das stetig zunehmende Ausbrennen der Aktivist*innen vorzugehen.
LesbenRing e. V.
lesbenring.de
Cornelia Fleck:
„Queerfulness. Vom Glück einer solidarischen Protestkultur“,
Querverlag,
64 Seiten, 8 Euro
Summer of Queerfulness:
queerfulness.jimdofree.com
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