Drei Wochen nach dem Anschlag

Wie reagieren wir auf den Terror?

12. Aug. 2026 Philip Eicker
Bild: picture alliance / epd-bild | Christian Ditsch
Auf der neu errichteten Regenbogenbank im Gedenken an die Opfer des Anschlags

Knapp drei Wochen nach dem CSD-Attentat debattiert Berlins Community über die richtigen Lehren aus dem Anschlag – auch weil sich im laufenden Wahlkampf AfD, CDU und FDP als Schutzparteien inszenieren. SIEGESSÄULE gibt queeren Stimmen ein Forum und fragt: Wie reagieren wir richtig auf den Terror?

„Welcher Teil von mir verdient Schutz?“

Bild: Omar Abogabal
Madi Awadalla – SIEGESSÄULE Kolumnist*in

Madi Awadalla, Historiker*in und transdisziplinäre*r Künstler*in, fragt: Wie können wir Berlin sicherer machen für queere Menschen – ohne anderen ihre Sicherheit zu rauben?

Der Anschlag auf den Berliner CSD war entsetzlich. Ich trauere um die Opfer eines Angriffs auf meine queere Community und sehe zugleich, wie diese Trauer instrumentalisiert wird, um Rassismus und eine Politik gegen Migrant*innen zu befeuern.

Diese Dynamik kenne ich nur zu gut. Ich bin in Ägypten aufgewachsen, wo Terrorismus und Terrorbekämpfung mein politisches Leben geprägt haben. Ich weiß, wie schnell die sehr reale Angst nach einem Attentat benutzt wird, um eine autoritäre Politik zu rechtfertigen: stärkere Polizeipräsenz, schärfere Überwachung, strengere Grenzkontrollen – und noch mehr Abschiebungen.

„Ich weiß, wie schnell die sehr reale Angst nach einem Attentat benutzt wird, um eine autoritäre Politik zu rechtfertigen."

Für uns alle bleibt die schwere Frage: Wie können wir queerfeindliche Gewalt klar benennen und unterbinden – ohne damit noch mehr Überwachung, Polizeigewalt und antimuslimische Hetze zu legitimieren? Wie können wir Berlin für queere Menschen sicherer machen, ohne die Sicherheit anderer zu gefährden?

Für eine queere Person mit arabischem oder muslimischem Hintergrund kommt noch hinzu: Sie muss mit ansehen, wie ein Teil ihrer eigenen Identität als Waffe gegen einen anderen eingesetzt wird. Das Gefühl ist zermürbend. Sie muss sich entscheiden, welcher Teil ihrer eigenen Identität Schutz verdient – und welcher nicht.

Bild: Agnieska Budek
Wehren gegen Gewalt: der Dyke* March 2026

„Unsere Antwort ist Widerstand!“

Anne, Annka und Luan vom Orga-Team des Dyke*March Berlin sind bereit gemeinsam zu kämpfen, aber wissen: Solche Bündnisse zu bilden, ist harte Arbeit

Wir waren bestürzt über den Anschlag auf uns als queere Community. Es hat uns traurig und wütend gemacht. Unsere Antwort ist Widerstand! Wir schöpfen viel Kraft daraus, dass wir gemeinsam trauern und uns umeinander kümmern. Es ist bewundernswert, wie wir es schaffen, uns kollektiv nicht gegeneinander ausspielen lassen und alle darin bestärkt sind, uns für unsere Rechte zu organisieren. Für uns war sofort klar, dass Solidarität überlebensnotwendig ist. Gleichzeitig vergessen wir nicht, wie unsolidarisch sich der Berliner CSD in den letzten Monaten und Jahren gegenüber uns und Dykes* vor uns verhalten hat.

Unser Motto dieses Jahr beim Dyke*March war bewusst „Gemeinsam gegen Faschismus“. Denn als Dykes* spüren wir den steigenden Hass und die damit verbundene Gewalt gegen uns schon seit Jahren, nicht erst seit dem Anschlag auf den CSD. Trotz unterschiedlicher Positionen brauchen wir Räume wie den Dyke* March, wo wir uns vernetzen, diskutieren und gemeinsam kämpfen. Solche Bündnisse zu bilden ist harte Arbeit. Doch sie werden in den nächsten Jahren über unser Leben entscheiden. Wir hoffen, dass auch privilegierte Menschen aus der Community das nun aus den letzten Tagen gelernt haben.

„Solche Bündnisse zu bilden ist harte Arbeit. Doch sie werden in den nächsten Jahren über unser Leben entscheiden."

Mehr Geld für die Polizei macht unser Leben unsicherer. Bei der Internationalist Queer Pride wurde mal wieder deutlich, dass die Polizei vor allem für migrantische, rassifizierte, queere und trans Personen eine Gefahr ist. In der Debatte kommt bisher zu kurz, dass durch die Kürzungen der CDU sowohl Faschisten als auch Islamisten profitieren. Was wir brauchen, ist eine dauerhafte Finanzierung von queeren Beratungsstellen, Organisationen wie Lambda sowie migrantischen Demokratieförderprojekten. Und wir brauchen eine Gesellschaft, die ernsthaft daran interessiert ist, dass wir alle – auch unsere migrantisierten trans Geschwister – sicher und selbstbestimmt leben können.

„Löscht das brennende Regenbogenhaus auf allen Seiten!“

Bild: Michaela Dudley
Michaela Dudley - Publizistin, Juristin und Kabarettistin

Die Queerfeministin Michaela Dudley mit afroamerikanischen Wurzeln fordert Widerstand durch Sichtbarkeit und warnt vor der Verharmlosung des Islamismus

Zwei Wochen nach dem Anschlag auf den Berliner CSD fühle ich mich wütend, traurig und letztendlich bestätigt. Beängstigt aber nicht! Als Konsequenz empfehle ich: Sichtbar bleiben! Schon das ist Widerstand gegen den Hass. Meinen queeren Aktivismus, der auch Aufklärung über den Islamismus und den Antisemitismus umfasst, werde ich freilich umso mehr intensivieren.

Die Sache hat für mich auch einen persönlichen Bezug. Seit 2018 betreue ich im Ehrenamt einzelne Queers, die der Hamas nur knapp entkommen sind. Dazu zählt eine lesbische Afro-Palästinenserin aus Al-Jalla in Gaza. In meinem Buch „Race Relations“ (2025) schildere ich, wie die Hamas-Sittenpolizei sie verfolgte und verstümmelte. In Europa wird sie nicht nur von rassistischen Rechtsextremen angefeindet. Auch Linksradikale und Angehörige der Islamistenszene bedrohen sie, weil sie die Intifada ablehnt. Solche Opfer, die den Hass schon intersektional erfahren, werden zusätzlich auch noch innerhalb der queeren Community gemobbt.

„Die islamistische Gefahr für die LGBTIQ*-Community ist kein Hirngespinst."

Jahrzehntelang hieß die Devise: Nazis ächten, vor christlichen Konservativen warnen, fertig. Den Islamismus – eine zutiefst rechtsextreme, religiös-fundamentalistische Ideologie – hat man allerdings verschont, verharmlost oder verschwiegen. Aber die islamistische Gefahr für die LGBTIQ*-Community ist kein Hirngespinst. Sie ist eine tödliche Realität, die Menschen das Leben kostet. Das Regenbogenhaus wird von Flammen umzingelt. Wer glaubt, den Brand nur auf der rechten Seite löschen zu müssen, begeht einen fatalen Fehler.

Bild: Jason Harrell
Jeff Mannes - Sozialwissenschaftler, Sexualpädagoge und Stadtführer

„Unsere Empathie ist stark und kann Gutes bewirken.“

Jeff Mannes, City-Guide fürs queere Berliner Nachtleben, verteidigt seinen Liebsten gegen anti-muslimischen Rassismus

Am Tag nach dem CSD-Anschlag haben mich luxemburgische Medien um eine Reaktion gebeten. So kam es, dass ich dort in den Hauptnachrichten zu hören war, unter anderem mit der Aussage: „Mein Lebenspartner ist muslimisch. Ich habe Angst, dass nun der anti-muslimische Rassismus politisch aufgestachelt wird – unter dem Vorwand queere Menschen zu schützen.“ Kurz darauf hat mir eine Unbekannte geschrieben und erklärt, dass es nicht okay sei, den Hass gegen Queers im radikalen Islamismus zu ignorieren.

Ich bin ausgerastet und habe einen langen Insta-Post dazu veröffentlicht. Er ging viral. Hunderte Menschen aus aller Welt hatten das Bedürfnis, uns – zwei Tage nach dem Attentat – in den Kommentaren vorzuschreiben, wie wir jetzt fühlen, denken, sprechen oder handeln sollten. Mir völlig unbekannte Leute haben unter dem Post meinen Partner angegriffen, ohne ihn je gesehen zu haben. Der Subtext der Kommentare stellte ihn als ultrareligiös, politisch radikal und total aggressiv dar – das Zerrbild eines muslimischen Mannes.

„Wenn es zu schlimm wurde, habe ich mich daran erinnert, dass Social Media nur einen kleinen Teil der Realität abbilden."

Wenn es zu schlimm wurde, habe ich mich daran erinnert, dass Social Media nur einen kleinen Teil der Realität abbilden. Im echten Leben sind die meisten Menschen zur Empathie fähig. Es war schön zu sehen, wie wir als LGBTIQ*-Community – trotz aller Streitigkeiten – dann doch zusammenkommen, zum Beispiel bei den Mahnwachen.

Wenn wir uns auf unsere Geschichte zurückbesinnen, können wir zwei Dinge erkennen: Erstens ist es wichtig, dass wir uns als Community nicht spalten lassen. Zweitens sollten wir unsere Solidarität auch auf andere marginalisierte Gruppen ausweiten. In meinem Post habe ich zum Beispiel an die Bewegung „Lesbians and Guys support the Miners“ erinnert. Die haben im Großbritannien der 80er mit Bergleuten gegen deren Massenentlassungen demonstriert. Anfangs gab es unter den „Miners“ Vorbehalte, aber später unterstützten sie die Pride-Bewegung. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, wie stark unsere Empathie ist – und was sie Gutes bewirken kann!

„Baut eine Brandmauer in Richtung Islamismus!“

Bild: Julius Matuschick
Seran Ateş - Frauenrechtlerin und Moschee-Gründerin

Seyran Ateş, Mitbegründerin der progressiven Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, bittet: Zeigt Haltung gegen alle, die unsere offene Gesellschaft zerstören wollen, auch islamistische Gruppen

Ich bin tieftraurig über den Anschlag auf den CSD – und zugleich frustriert über einige Reaktionen. In der Debatte darüber fällt es auch vielen queeren Leuten schwer, das Wort Islamismus zu verwenden. Ich erwarte, dass wir in seine Richtung genauso eine Brandmauer aufbauen, wir es beim Rechtsextremismus machen!

Ein Beispiel: Wenn Queers for Palestine auf die Straße gehen, dann sehe ich sie nicht in der vernünftigen Solidarität mit den Palästinenser*innen, sondern als Unterstützung der Hamas. Dabei stellen wir liberalen, säkularen Muslim*innen immer wieder klar: Wir sind für ein freies Palästina, ja! Aber es muss auch frei sein von Hamas.

Ein weiteres Beispiel: Beim CSD werden regelmäßig Sicherheitsfirmen beauftragt. Bei der letzten Demo gab es mindestens zwei Sicherheitskräfte, die mutmaßlich radikal-islamischen Organisationen nahestanden. Ich bin beunruhigt, was für Leute den CSD schützen sollen.

Ich erwarte von allen NGOs und Politiker*innen, dass sie sich vorher informieren, mit wem sie demonstrieren, zusammenarbeiten oder sich fotografieren lassen – und dann ein klares Stoppsignal, wenn es sich um islamistische Gruppen handelt, egal ob Hamas, Hisbollah, Muslimbrüder oder der politische Islam aus der Türkei.

„Zeigt Haltung gegen alle Extremist*innen, die unsere offene Gesellschaft und Demokratie zerstören wollen."

Eine klare Haltung ist umso wichtiger, weil es immer mehr Muslim*innen gibt, die sich trauen Gesicht zu zeigen, ganz im Sinn des diesjährigen CSD-Mottos: „Haltung ist hot!“ Deshalb bitte ich alle Queers: Zeigt Haltung gegen alle Extremist*innen, die unsere offene Gesellschaft und Demokratie zerstören wollen.

Bitte glaubt uns, dass Islamist*innen ihr Gedankengut schon in Grundschulen säen, so wie alle anderen Extremisten auch. Wir von der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee haben gerade mit Unterstützung des Senats einen Demokratieraum eingerichtet in der Carl-Bolle-Grundschule in Moabit, wo ein Lehrer schwulenfeindlich gemobbt wurde. So etwas wünsche ich mir an jeder Schule! Erziehen wir unsere Kinder zu weltoffenen Menschen, die Andersdenkende und Andersliebende akzeptieren.

„Verstecken ist keine Option!“

Für die Leather & Fetish Community (LFC) stellen die Vorstandsmitglieder Daniel, Holger und Oliver klar: Wir lassen unser Leid nicht für ideologische Zwecke instrumentalisieren

Unsere erste Sorge nach dem Anschlag galt unseren Freund*innen in Berlin, nicht zuletzt beim BLF. Glücklicherweise wurde aus unserem unmittelbaren Umfeld niemand verletzt. Wichtig ist uns dabei die Feststellung: Der Berliner CSD selbst war geschützt, und die Tat ereignete sich außerhalb des Veranstaltungsgeländes. Weder den Sicherheitsbehörden noch den Veranstaltern ist hier ein Vorwurf zu machen.

Gemeinsam mit unseren 14 Mitgliedsvereinen beraten wir über das weitere Vorgehen. Jeder Verein hat eigene Anforderungen und entwickelt individuelle Sicherheitskonzepte; der gegenseitige Erfahrungsaustausch hilft dabei. Eins ist jedoch schon klar geworden: Verstecken ist keine Option. Wir waren sichtbar, wir sind sichtbar, und wir werden weiterhin für unsere Rechte einstehen.

Gewalttaten gegen Minderheiten sind leider kein neues Phänomen. Neu ist, dass diesmal die queere Community auf einer ihrer größten Veranstaltungen unmittelbar betroffen wurde. Aus unserer Sicht sollte der Fokus stärker auf den gemeinsamen Herausforderungen und den Angriffen von außen liegen.

„Wer den Anschlag nutzt, um pauschal Stimmung gegen Muslim*innen zu machen, betreibt genau jene Spaltung, gegen die wir einstehen."

Mit Sorge sehen wir ein politisches Signal, das in die falsche Richtung weist: Dem CSD im brandenburgischen Rathenow wurden kurzfristig die Fördermittel gestrichen – kurz nach dem Anschlag und mitten in den Solidaritätsbekundungen der Bundesregierung. Wie sollen wir für unsere Rechte auf die Straße gehen, wenn einerseits Unterstützung zugesagt und andererseits Förderung gestrichen wird?

An Solidarität mangelt es nicht – vom Medienecho und den vielen Rückmeldungen sind wir sehr berührt. Mit Sorge sehen wir hingegen, dass der Anschlag – vor allem von Parteien am rechten Rand – als Vorwand genutzt wird, um unser Leid für ideologische Zwecke zu instrumentalisieren. Dem widersprechen wir in aller Deutlichkeit: Unsere Community ist kein Werkzeug für fremde Agenden. An CSDs beteiligen sich Menschen aller Religionen. Wer den Anschlag nutzt, um pauschal Stimmung gegen Muslim*innen zu machen, betreibt genau jene Spaltung, gegen die wir einstehen.

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