Interviewreihe Septemberwahl

Werner Graf: „Ich will der Regierende Bürgermeister des queeren Berlins sein“

3. Aug. 2026 Sascha Suden
Bild: Sascha Suden
Grüner und schwuler Spitzenkandidat Werner Graf kämpft für Berlin als Stadt der Vielfalt

Werner Graf von Bündnis 90/Die Grünen ist der zweite offen schwule Spitzenkandidat, der im Rennen um Berlins Bürgermeister*innenamt antritt. Nach dem islamistischen CSD-Anschlag kanzelt er die Lippenbekenntnisse der Politik ab und fordert statt leerer Worte den konsequenten Schutz bedrohter Jugendprojekte und die Verteidigung queerer Lebensräume

Herr Graf, kommen wir gleich zur Sache: Gibt es No-go-Areas für queere Menschen in Berlin? Wo würden Sie Ihren Mann nicht küssen? No-Go-Areas in Berlin akzeptiere ich nicht. Weder für Queers noch für sonst irgendwen. Natürlich gibt es in der Stadt gefährlichere Ecken und ungefährlichere. Und natürlich bin ich auch vorsichtig. Das steckt in uns Queers so drin. Aber Berlin ist die Stadt der Freiheit, und ich will dafür sorgen, dass sie das für alle überall ist und bleibt. Berlin ist auch die queerste Stadt Deutschlands, und das heißt, dass wir überall uns öffentlich küssen oder Händchen halten können müssen.

„Dieser Anschlag war zuallererst ein Anschlag auf die queere Community. Es war ein Anschlag darauf, wie wir leben und lieben, darauf, wer wir sind. Das muss man auch klar benennen."

Sie haben als einer der wenigen Politiker bei den Statements zu dem Anschlag von „queer" gesprochen, während viele andere nur von „Vielfalt" und „Gesellschaft" geredet haben. Mich verstört das. Dieser Anschlag war zuallererst ein Anschlag auf die queere Community. Es war ein Anschlag darauf, wie wir leben und lieben, darauf, wer wir sind. Das muss man auch klar benennen. Und es war auch ein Anschlag auf das freie Berlin, das weit größer ist als die queere Community.

Ich finde die Unterstützung und Solidarität, die wir als Queers bekommen haben, großartig. Aber natürlich kennen wir alle auch die Abwertungen, gerade trans Personen sind davon stark betroffen. Wir hören scheinbare Solidaritätsbekundungen von Menschen, die vor kurzen noch unsere Flagge in die Nähe eines Zirkuszeltes gerückt haben, oder die das queere Jugendnetzwerk Lambda komplett die Fördergelder streichen wollen. Genau diese Politiker*innen haben doch vor kurzem noch gefragt, ob der CSD wirklich so laut, so bunt, so schrill sein muss und sich vor kurzem noch gegen Dragqueen-Lesungen gestellt.

Die queerfeindlichen Angriffe und Gewalttaten in Berlin explodieren. Gerade Inter- und Trans-Personen stehen oft noch mehr im Fokus. Die politische Debatte über das Selbstbestimmungsgesetz, die beschämt mich in vielen Punkten. Ich finde, jetzt wäre es an der Zeit zu sagen, es geht um Queerness und es geht darum, queere Menschen zu schützen und zu unterstützen. 

Was sagen sie dazu, dass der Bundespräsident bis heute noch nicht am Tatort war im Gegensatz zu Mannheim oder Solingen? Ich kann es nicht nachvollziehen. Das zeigt auch, dass viele noch nicht verstanden haben, was für die queere Community Alltag ist. Dass wir als Community immer noch regelmäßig Anfeindungen und Hass bekommen. Und dass die Selbstmordrate bei queeren Jugendlichen und gerade bei Trans-Personen extrem hoch ist, viel höher als bei anderen. Daher bräuchte es dringend diese Zeichen der Unterstützung, auch von höchster Stelle. 

„Ich will der Regierende Bürgermeister des queeren Berlins sein. Ein Berlin, in dem wir es mit der Community zusammen schaffen, offenes queeres Leben überall zu ermöglichen."

Viele queere Jugendlichen erleben in ihren Familien Ablehnung. Welches Versprechen geben sie dem 16-jährigen trans Jugendlichen, der Angst vor der Zukunft hat? Ich will der Regierende Bürgermeister von Berlin werden, und das heißt für mich auch: Ich will der Regierende Bürgermeister des queeren Berlins sein. Ein Berlin, in dem wir es mit der Community zusammen schaffen, offenes queeres Leben überall zu ermöglichen. Das bedeutet, dass wir queere Orte in jedem Bezirk schaffen und schützen und hier nicht den Rotstift ansetzen. Wir haben die Situation, dass gerade queere Schutzorte immer weniger werden. Das SchwuZ musste schließen und es hat von der Landesregierung keine Hilfe gegeben. Aber es war ein Ort, wo viele ihre Identität leben und auch finden konnten. Ich will diese Verdrängung stoppen. Wir brauchen diese Orte, Berlin braucht diese Orte. 

Görlitzer Park, Kottbusser Tor, auch der Regenbogenkiez sind gerade von der Community mit Angstgefühlen besetzt. Planen Sie, dass es dort Videoüberwachung geben soll? Dort, wo queere Menschen vermehrt sichtbar sind, findet auch mehr Gewalt gegen queere Menschen statt. Das sehen wir im Nollendorfkiez, das sehen wir am Kotti, das sehen wir in Neukölln oder Mitte. Die Extremisten, die unser Leben nicht wollen, die das zerstören wollen, also vor allem Rechtsradikale und Islamisten, die gehen genau dorthin, um Gewalt auszuüben. Wir müssen es schaffen, dass wir die Verfolgung verbessern und diese Gewalttaten hart bestrafen. Wir wollen aber auch die Anzeigebereitschaft weiter erhöhen und die Polizei queersensibel aufstellen. Dort, wo mehr Videoüberwachung Sinn ergibt, muss das in jedem Einzelfall geprüft werden. Aber meist haben wir in der Regel kein Erkenntnisproblem, sondern ein Vollzugsproblem.

„Ich möchte einen queeren Sicherheitsgipfel einrichten, queere Menschen und Orte schützen und queere Bildung ausbauen."

Welche queeren Themen fordern sie auf jeden Fall in einem Koalitionsvertrag? Ich möchte einen queeren Sicherheitsgipfel einrichten, wo konkrete und wirksame Maßnahmen mit der Community, den Sicherheitsbehörden und den sozialen Trägern verabredet und ermöglicht werden. Das zweite ist: Wir müssen nicht nur queere Menschen, sondern auch queere Orte schützen. Also mit ausreichend Förderung ausstatten und dafür sorgen, dass sie erhalten bleiben. Das Dritte ist, wir müssen queere Bildung ausbauen und bereits in den Grundschulen verankern. Es ist wichtig, dass queere Initiativen und Verbände in Schulen präsent sind und dort in Projekten über queeres Leben aufklären. Dass die CDU-Bildungssenatorin das alles streichen wollte, ist nicht zu verstehen.

Was planen sie konkret für die Schulen? Der Attentäter ist ein Berliner Kind. Er ist hier zur Grundschule gegangen. Unser Ziel muss sein, dass alle Schülerinnen mindestens einmal im Schuljahr an einem queeren Projekt teilnehmen können. Dass die Expert*innen, die Initiativen, die sich damit auskennen, an die Schulen kommen und dort erzählen, was queeres Leben ausmacht, welche Freude es bedeutet und welche Herausforderungen es gibt.

„Es ist wichtig, Orte der Begegnung zu schaffen. Auch um queeren Jugendlichen zu zeigen: Du bist nicht allein."

Deshalb ist es falsch, dass die Bildungssenatorin diese Projekte zusammenkürzen wollte. Wir müssen von Anfang an unserer Vielfalt Raum geben und Menschen die Möglichkeit, sich selbstbestimmt zu entwickeln. Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder eine Dragqueen, eine transsexuelle Person, queere, inter- oder bisexuelle Menschen treffen. Bei mir in Bayern auf dem Land hieß es immer, die sind alle so verrückt, aber du bist normal. Mich kannten sie, daher fanden sie mich normal, aber ich bin nicht weniger verrückt als andere queere oder nichtqueere Personen. Das zeigt, wie wichtig es ist, Orte der Begegnung zu schaffen. Auch um queeren Jugendlichen zu zeigen: Du bist nicht allein. 

Was wird in fünf Jahren anders sein, wenn Sie Regierender Bürgermeister für die queere Community waren? Ich will, dass wir die Regenbogenfahne nicht nur symbolisch schwenken, sondern dass die Community, die Initiativen, die Verbände dann tatsächlich gestärkt sind. Dass wir überall vielfältig, offen in dieser Stadt leben können, dass das SchwuZ wieder geöffnet ist. Dass es an den Schulen ausreichend Projekte mit queeren Initiativen gibt. Und wir weiter in einer vielfältigen, bunten und freien Gesellschaft leben. 

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