Steffen Krach: „Mit mir wird es keine Kürzungen queerer Projekte geben“
Seit Mai ist Steffen Krach Co-Vorsitzender der SPD Berlin – gemeinsam mit Bettina König – und Spitzenkandidat seiner Partei für die Abgeordnetenhauswahl 2026. Im SIEGESSÄULE-Gespräch hinterfragt er die Glaubwürdigkeit der CDU in queeren Fragen, spricht sich dafür aus, den World Pride 2032 nach Berlin zu holen, und verspricht, sich statt für Kürzungen für eine langfristige Förderung queerer Projekte starkzumachen
Steffen Krach, Sie können in Berlin überall auf der Straße ihre Frau küssen. Können Sie nachvollziehen, dass viele queere Menschen dabei Angst vor Anfeindungen oder Gewalt haben? Ich habe als ein hetero, weißer Mann in solchen Situationen noch nie Angst, Ablehnung oder Gewalt erfahren. Ich weiß, dass das für queere Menschen anders ist, und das akzeptiere ich nicht.
Wie wollen Sie dafür sorgen, dass LGBTIQ* im Alltag in Berlin sicher sind? Sie fordern beispielsweise eine Änderung des Grundgesetzes Artikel 3. Ein Grundgesetzartikel stoppt keinen islamistischen Attentäter. Aber mit unserer Verfassung stellen wir dann unmissverständlich klar, dass Deutschland die Diskriminierung aufgrund sexueller Identität nicht akzeptiert. Die SPD steht dazu. Ich habe bei der Eröffnung des CSD in Berlin gesagt, dass die Parteien eine Abstimmung im Bundestag freigeben sollten, ohne Fraktionszwang. Ich bin mir sicher, dass es eine Mehrheit geben wird für die Grundgesetzänderung.
Sie sind in Berlin in der Koalition und haben Kürzungen im Bereich Demokratie und queer mitverantwortet ... Ich bin ein neuer Kandidat der SPD und neuer Landesvorsitzender und habe da eine klare Position. Ich werde in Zukunft solche Kürzungen nicht mittragen. Im Senat sind die harten Kürzungen der CDU zuerst durchgegangen, aber im Abgeordnetenhaus konnten wir vieles stoppen. Wenn der Haushalt so beschlossen worden wäre, wie von Finanzsenator Stefan Evers vorgelegt, dann hätten wir einen sozialen Kahlschlag in ganz vielen Bereichen, auch bei der queeren Community gehabt. Viele queere Bildungsprojekte, die Senatorin Günter-Wünsch gestrichen hat, konnten mit einer Finanzierung durch die Sozialverwaltung von Cansel Kiziltepe gerettet werden. Deswegen ist es absolut unglaubwürdig, wenn Finanzsenator Stefan Evers heute vom Schutz der queeren Community spricht, aber nichts gegen genau diese Kürzungen an Schutzprogrammen unternommen hat.
„Wir müssen wegkommen von kurzen Förderlaufzeiten und Hängepartien von Jahr zu Jahr und mehr in die langfristige Finanzierung einsteigen.“
Welche queeren Themen werden für Sie in einem Koalitionsvertrag wichtig sein? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir gerade im Bildungsbereich und bei queeren Projekten verlässlich sein müssen. Das ist nicht nur eine Frage der Mittelhöhe, sondern der Planungssicherheit für alle Beteiligten. Wir müssen wegkommen von kurzen Förderlaufzeiten und Hängepartien von Jahr zu Jahr und mehr in die langfristige Finanzierung einsteigen. Es ist verheerend, wenn Projekte und Initiativen Angst haben müssen, ob die Zuwendungen für Schutzräume, Beratungsangebote und wichtige Aufklärungsarbeit an den Schulen kommen oder nicht. Das ist eine dauerhafte Aufgabe. Die Projekte, ihre Beschäftigten und die Menschen, für die sie arbeiten, brauchen eine verlässliche Perspektive. Das gilt genauso für die Kultur, für Jugendzentren, oder andere soziale Einrichtungen.
Die Bundes-CDU lehnt das Landesantidiskriminierungsgesetz ab. Gehen Sie da mit? Nein, ausgeschlossen. Ich weiß auch nicht, mit wem die CDU ein Zurückdrehen umsetzen will. Das Wichtigste in der Politik ist Glaubwürdigkeit. Man kann doch nicht feststellen, dass es hier Menschen gibt, die das queere Leben infrage stellen und angreifen, und dann das Landesantidiskriminierungsgesetz abschaffen wollen. Aber hier zeigt sich das Glaubwürdigkeitsproblem der CDU. Das haben wir auch bei Kanzler Merz gesehen. Ich war erstaunt über seine Worte während der Trauerfeier nach dem Anschlag. Er hat recht, wenn er sagt, schon bei kleinsten Witzen gegen queere Menschen muss man klar gegenhalten. Aber er hätte diese Gelegenheit nutzen können, sich für seine eigenen Worte bei der queeren Community zu entschuldigen. Es macht was mit unserem Land, wenn der Bundeskanzler die Regenbogenfahne mit einem Zirkuszelt gleichsetzt. Ich saß in der Kirche hinter ihm, und als er anfing mit „Ich habe eine persönliche Nachricht für Sie, für die Community“, dachte ich, jetzt entschuldigt er sich für seine Wortwahl und sagt dann, „ich hisse die Regenbogenfahne in dieser Woche auf halbmast“. Beides ist nicht gekommen, was soll man da noch sagen.
Was hat die SPD queeren Migrant*innen und LGBTIQ* of Color anzubieten? Queere Migrantinnen und Migranten und People of Color erfahren oftmals mehrfache Diskriminierung. Da vermischt sich Rassismus mit Queerfeindlichkeit, und deswegen brauchen wir für die Betroffenen auch besondere Hilfsangebote und Unterstützung. Wenn sie im familiären Umfeld mit Todesängsten leben, sich zu outen, müssen wir auch noch stärker über Schutzräume sprechen und Projekte, die diesen Menschen Halt geben, weiterhin fördern und wo nötig ausbauen.
„Ich werde als Regierender Bürgermeister alles dafür tun, dass Berlin für trans Jugendliche ein gutes und sicheres Zuhause ist.“
Viele queere Jugendliche erfahren in ihren Familien Ablehnung. Welches Versprechen können Sie einem 16-jährigen trans Jugendlichen geben, der Angst vor der Zukunft in Berlin hat? Ich werde als Regierender Bürgermeister alles dafür tun, dass Berlin für trans Jugendliche ein gutes und sicheres Zuhause ist. Dass sie nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität die gleichen Rechte und Chancen haben. Ich weiß, dass auch die Behördengänge oftmals ein Spießrutenlaufen sind und das muss auch ein Ende haben. Gerade junge trans Personen müssen in Berlin die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, von Beratung, über medizinische Versorgung bis zu Schutzräumen. Wenn sie in der eigenen Familie nicht akzeptiert werden, muss Berlin ihre Familie sein.
Wird Alfonso Pantisano in Ihrer nächsten Regierung Queerbeauftragter bleiben? Ich bin niemand, der schon vor der Wahl Posten verteilt. Was ich definitiv versprechen kann, ist, dass ich mich bei den Koalitionsverhandlungen dafür einsetze, dass es auch in Zukunft einen Queerbeauftragten gibt. Das wollen wir auch in allen Bezirken einführen. Es macht einen großen Unterschied, ob man Personen wie Alfonso Pantisano hat, die mit Kompetenz und Engagement für die Belange und Rechte der queeren Community in Berlin einstehen.
„Mein Anspruch ist, dass wir den aktuellen Rollback nicht nur stoppen, sondern das queere Berlin mutig weiterentwickeln.“
Welche Vision haben Sie für ein queeres Berlin? Ich freue mich, dass meine Kinder in einer Stadt auswachsen, die für Vielfalt steht. Das unterscheidet uns von vielen anderen Städten, auch international. Berlin ist queer, aber wir müssen dieses queere Berlin auch schützen. Mein Anspruch ist, dass wir den aktuellen Rollback nicht nur stoppen, sondern das queere Berlin mutig weiterentwickeln. In den nächsten fünf Jahren müssen wir gemeinsam zeigen, dass Berlin wieder die Regenbogenhauptstadt ist, in der queere Menschen angstfrei und selbstbestimmt leben können. Diese Message wollen wir auch auf dem World Pride 2032 aussenden und ich werde die Bewerbung mit aller Kraft unterstützen.
Was nützt der World Pride ohne queere Infrastruktur? Es muss uns gelingen, dass die Zahl queerer Orte in Berlin wieder steigt. Dafür wollen wir einen Hilfsfonds für bedrohte queere Einrichtungen einrichten und auch ein Förderprogramm, mit dem wir Clubs unterstützen können. Orte wie das SchwuZ dürfen nicht verschwinden, weil damit auch ein Stück Seele unserer Stadt verloren geht. Aber ich glaube auch, dass die Vorbereitung unserer Stadt auf den World Pride eine wichtige Wirkung haben wird. Ich ziehe jetzt eine Parallele, für die ich vermutlich kritisiert werde: Das ist so ähnlich wie mit den Olympischen Spielen. Die Sportvereine in der Stadt werden davon profitieren, wenn wir die Olympischen Spiele haben. Ich bin mir sicher, die queere Community, Clubs, queere Orte, Einrichtungen und Vereine werden davon profitieren, wenn wir den World Pride nach Berlin holen. Das wird auch eine unmissverständliche Botschaft in unsere Stadt hinein senden: Berlin ist queer, und das bleibt auch so.
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