Kommentar

Stefan Evers als Kultursenator: Wem Ediths Glocken läuten ...

31. Mai 2026 Uwe Friedrich
Bild: Picture Alliance / DPA | Jörg Carstensen
CDU-Politiker Stefan Evers im Berliner Abgeordnetenhaus

In Berlin sorgt eine Politikpersonalie gerade für Gesprächsstoff – Finanzsenator Stefan Evers (CDU) wurde überraschend auch zum Kultursenator erkoren (SIEGESSÄULE berichtete). Und erklärte, sein letzter Theaterbesuch sei „Wenn Ediths Glocken läuten“ im BKA gewesen. Bringt Evers einen neuen Queerfokus in die Hauptstadtkulturpolitik? Deutschlandfunk-Opernkritiker Uwe Friedrich kommentiert

Der neue Berliner Kultursenator Stefan Evers, bislang bekannt als unerbittlicher Finanzsenator, davor als wenig zimperlicher Generalsekretär der Berliner CDU, geht gern ins BKA-Theater. Das wissen wir, weil er vom Tagesspiegel nach seinem letzten Theaterbesuch gefragt wurde – was angesichts seiner neuen Kulturposition ja keine ganz nebensächliche Frage ist –, und da sagte er, er habe zuletzt (mit selbstbezahlten Tickets!) den queeren Dauerbrenner „Wenn Ediths Glocken läuten“ beehrt. Also keines der drei hiesigen Opernhäuser, kein Museum, nicht die Philharmonie, nicht einen der sogenannten Leuchttürme.

Schutzheiliger der Subkultur und Kleinkunst?

Das ist natürlich eine gute Nachricht, denn man freut sich schon, wenn Politiker*innen überhaupt wissen, dass es Orte gibt, an denen Künstler wie Ades Zabel lustvoll mit Gender- und Berlinklischees spielen. Evers ist schwul und hat daraus nie ein Geheimnis gemacht. Er hat sich früher intensiv fraktionsübergreifend (zusammen mit Tom Schreiber von der SPD) für queere Politik in Berlin stark gemacht, wurde öfter im Schwulen Museum und an anderen queeren Orten gesichtet, um entsprechend zu beraten. Auch das kann eine gute Nachricht sein, selbst wenn die Homosexualität des 46-Jährigen allein seit den Kultursenatoren Wowereit und Lederer keinen besonderen Nachrichtenwert mehr hat. Und ein Qualitätsmerkmal an sich ist es auch nicht, denn dass Evers nun unter dem Patronat der heiligen Edith vom BKA-Theater zum Schutzheiligen der Subkultur und Kleinkunst wird oder gar zum großzügigen Geldgeber für andere Theater ist eher unwahrscheinlich (das BKA ist übrigens selbstfinanziert – und dass Evers es mit Vollpreistickets unterstützt, spricht sehr für ihn).

Dass Evers zum Schutzheiligen der Subkultur und Kleinkunst wird oder gar zum großzügigen Geldgeber für andere Theater ist eher unwahrscheinlich.

Zwar ist es sicher von Vorteil, dass Evers als Kultursenator in Personalunion auch Bilanzen lesen kann, aber in dieser Eigenschaft war er schließlich im Jahr 2024 verantwortlich für jene unerfüllbaren Sparforderungen an das Berliner Kulturleben, die für Entsetzen in der gesamten Kreativszene sorgten. Von der projektgeförderten Kleinkunstszene über die bildende Kunst und die Orchesterlandschaft bis zur Staatsoper standen zahlreiche Projekte auf der Planke und vom fast schon vergessenen Kurzzeitkultursenator Joe Chialo (ebenfalls CDU) kam keine Hilfe.

Ihm folgte die allseits geschätzte parteilose Sarah Wedl-Wilson von der Musikhochschule Hanns Eisler. Sie stürzte im Mai über eine illegale Fördergeldvergabe, die im Grunde ein CDU-Skandal war, bei dem jedoch die eigentlichen Strippenzieher schadlos davonkamen. Das ist doppelt schade, denn Wedl-Wilson kannte sich aus bei Künstler*innen aller Spielarten, sorgte in der aufgewühlten Szene verblüffend schnell wieder für Ruhe und erneuerte das arg ramponierte Vertrauen. Das war aber nur eine Episode in dem von Pleiten, Pech und Pannen geprägten Senat von Kai Wegner.

Kultur als Nebenjob ins Portfolio

Nun bekommt der Finanzsenator bis zur Wahl im September auch noch Kultur und Gedöns als Nebenjob ins Portfolio, als handele es sich dabei um eine Nebensache. Prompt herrscht in der Hauptstadtkultur wieder Angst vor neuen Kürzungsrunden, schließlich muss der Finanz-/Kultursenator Evers nicht mehr mit Gegenwind aus seinem nunmehr zweiten Amtssitz in der Brunnenstraße rechnen, falls er aus dem Hauptbüro in der Klosterstraße neue Zumutungen verkündet. Hoffentlich erklärt ihm aber vorher einer seiner Mitarbeiter*innen in der Brunnenstraße, dass Kulturorte Safer Spaces sind, auch und besonders für Minderheiten. Das gilt für unsubventionierte Orte wie das BKA-Theater, Clubs und Galerien ebenso wie für die Sophiensæle, Bibliotheken, Symphonieorchester, Staatstheater und Opernhäuser.

Es sind Orte, an denen LGBTIQ* und anderen oft ausgegrenzten Gruppen keine Gewalt droht, an denen der Blick in eine andere Welt möglich ist. Orte, die keinen Gewinn erwirtschaften müssen, nicht mal über die berüchtigte Umwegrentabilität. Staatlich geförderte Kultur hat zwar einen Bildungsauftrag, muss aber keiner unmittelbaren Verwertungslogik folgen. Kultur soll gar nichts – außer uns daran erinnern, dass es noch etwas anderes als Gewinnmaximierung gibt.

Staatlich geförderte Kultur hat zwar einen Bildungsauftrag, muss aber keiner unmittelbaren Verwertungslogik folgen.

Vielleicht hilft es dem frisch berufenen Kultursenator Stefan Evers dabei zu wissen, wie und wann Ediths Glocken läuten. Dieser Senator ist jedenfalls nicht auf die sogenannte Hochkultur fixiert, sondern pflegt einen weiteren Blick, und das ist unbedingt eine gute Nachricht. Bleibt zu hoffen, dass er zumindest ahnt, wem spätestens bei der nächsten Wahl die Stunde schlägt, wenn er Kultur für eine Nebensache oder, noch schlimmer, bloß für einen Wirtschaftsfaktor hält.

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