Ausstellung

Cruising: Queere Kunst im Bärenzwinger

28. Dez. 2021 Carsten Bauhaus
Bild: Emma WH/Bärenzwinger 2021 Photo Juan Saez
Emma Wolf-Haughs Werk befasst sich mit Cruising aus trans* und cis lesbischer Perspektive

Bis 2015 bildete der Bärenzwinger am Köllnischen Park ein nicht unbedingt artgerechtes Gehege. Heute befindet sich dort eine Galerie, die auch die Geschichte der Location aufarbeitet. Mit der Ausstellung „Into The Drift And Sway“ geht sie aktuell queeren Spuren nach

2015 schloss mit Schnute die Letzte der Zwingerbär*innen für immer ihre müden Augen. Zwei Jahre danach wurde der Bärenzwinger, das seit 1928 bestehende Gehege der Berliner Stadtbären in Mitte, als Kommunale Galerie und Wissensplattform für Stadtkultur wiedereröffnet.

Nachdem die ersten Ausstellungen sich mit dem Gebäude selbst beschäftigten, hat das junge Kurator*innenteam Malte Pieper und Lusin Reinsch nun die nähere Umgebung unter die Lupe genommen – mit dem Ziel, mögliche Spuren queerer Geschichte zu entdecken.

Der nahe Hafen und die Bedürfnisanstalt, die sich vor dem Bau des Bärenzwingers befand, ließen aufhorchen: War die Umgebung des Märkischen Museums einst vielleicht ein beliebtes Cruising-Areal?

Klappe als Treffpunkt

„Zu DDR-Zeiten soll die Klappe in unmittelbarer Nähe des Bärenzwingers Treffpunkt für schwule Männer gewesen sein“, weiß Malte Pieper. „Und eines der Gründungsmitglieder der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin, welche sich in der DDR für die Rechte von Homosexuellen einsetzte, arbeitete in den 1970er-Jahren als Tierpfleger im Bärenzwinger.“

Genug queeres Material, um sechs künstlerische Positionen zu präsentieren, die sich hier vor Ort mit Männlichkeiten und Fragen von Cruising und Geschlecht beschäftigen.

Im zentralen Raum, wo früher die Tierpfleger*innen Schicht schoben, hängen die Arbeiten von Emma Wolf-Haugh, die eigens für die Ausstellung eine große Patchworkarbeit aus Secondhand-Jeansstoffen gefertigt hat. „Emma hat sich die traditionelle Form des Wandteppichs angeeignet, um eine andere Geschichte zu erzählen“, so Kuratorin Lusin Reinsch.

Schon in früheren Arbeiten hat Wolf-Haugh das Thema Cruising aus trans* und cis lesbischer Perspektive befragt. Auf dem Denim-Wandbehang sind verschiedene Hinweise auf diese Perspektive eingestickt: „Trans Sailor Boys Club“ etwa oder „Garten der Inversion“.

Geschichtsträchtiger Ort

Tritt man in das Außengehege des Bärenzwingers, blickt man im Hintergrund auf den ehemaligen Sitz der kaiserlichen Marine. Ab 1920 versammelte der Verleger Adolf Brand hier regelmäßig die „Gemeinschaft der Eigenen“, einen homosexuellen Männerclub. Lucas Odahara stellte hier einen Fliesenmonolithen auf, der auf Brand Bezug nimmt. Die Arbeit zeigt eine Abbildung aus „Der Eigene“, der von Brand herausgegebenen ersten Schwulenzeitschrift der Welt.

Bei der Recherche im Archiv des Schwulen Museums war Odahara auf die Männerfotografie aus der Serie „Rasse und Schönheit“ gestoßen – Brand war offensichtlich ein schwieriger Protagonist: Während er für die Abschaffung des Paragrafen 175 eintrat, war er Antisemit, sympathisierte mit den Nazis und idealisierte eine starke Männlichkeit.

„Die Fliesenskulptur des gebürtigen Brasilianers nimmt aber auch auf aktuellen Rassismus Bezug – und stereotypische Männlichkeitsbilder in Dating-Apps“, so Kurator Malte Pieper. Um zu Constantin Hartensteins Arbeit zu gelangen, muss man wie früher die Tiere durch ein tiefliegendes Gattertürchen kriechen.

Cruising in Ost-Berlin

Für das ehemaligen Bärenschlafzimmer hat Hartenstein einen blau schimmernden Epoxidharz-Abguss beigesteuert. Er stammt von einem Wandteil eines „Kaffee Achtecks“, wie die Berliner Bedürfnisanstalten früher genannt wurden. In dieser schummrigen Umgebung mit obskurem Licht angestrahlt wirkt das Objekt rätselhaft und fetischgleich.

Ein Video aus den 70er-Jahren, herausgegeben von der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin, zeigt Cruising-Orte im ehemaligen Ost-Berlin, unterlegt mit hochdramatischer Musik und einer Sprecherstimme, die im ironisch-warnenden Ton auf die Folgen des Cruisings aufmerksam macht.

Am Ausgang schließlich liegen phallusartige Wachsmalstifte bereit, mit denen man auf eine mit verfremdeten Jugendstilelementen verzierte Tapete kritzeln darf. So können sich die Besucher*innen zum Abschied auf der Arbeit von Lotte Meret verewigen – ganz so, wie es früher auf Klappenwänden Brauch war.

Into The Drift And Sway, noch bis 20.02., Di–So 11:00–19:00, Bärenzwinger, Im Köllnischen Park, Mitte

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