Reportage

Kampf um Gigs und Gagen: Freie Künstler*innen in Berlin

29. Feb. 2020 Michaela Dudley
Bild: Emmanuele Contini
Dragqueen Jurassica Parka

Kulturell gesehen, hat Berlin für jeden Geschmack etwas zu bieten. Kein Wunder, denn etliche Kreative wurden einst von dem Versprechen in die Hauptstadt gelockt, hier die idealen finanziellen und räumlichen Bedingungen für ihre Arbeit zu finden. Doch was in den 90ern und in den 00er-Jahren vielleicht stimmte, ist heute einem Existenzkampf gewichen. Michaela Dudley hat drei queere Bühnenkünstler*innen getroffen, die versuchen, von ihrer Kunst zu (über)leben

Arm, aber sexy. Da liegen Verzweiflung und Verführung dicht beieinander. Schon deshalb beschreibt dieser ikonische Ausspruch ganz zutreffend die Lage, in der sich weite Teile der Berliner Boheme befinden. Das geflügelte Wort hat sich zum Leitmotiv dieser Stadt gemausert, lange Zeit galt Berlin als idealer Ort für freischaffende Kreative. Doch in den letzten Jahren müssen immer mehr Kunstschaffende Federn lassen. Es geht ums nackte Überleben. Besonders hart trifft es häufig Bühnenkünstler*innen. Mit allen Mitteln der Kunst kämpfen sie um Gigs und Gagen, einige sind von Zwangsräumungen und Kontopfändungen bedroht. Währenddessen schreitet die Gentrifizierung gnadenlos voran, was auch nach und nach zur Verdrängung der Szeneclubs führt. Können queere Künstler*innen in Berlin überhaupt noch von ihrer Kunst leben? Und wie entbehrungsreich ist dieser Weg?

Eine, die es wissen muss, ist Jurassica Parka. 1979 als Mario Olszinski in Berlin-Neukölln geboren, ist Jurassica mit ihren 1,98 Metern zu einer unübersehbaren Größe in der Dragqueenszene geworden. „Du musst einen langen Atem haben“, erklärt sie. „Die Fähigkeit, herbe Niederlagen wegzustecken und die Lehre daraus zu ziehen, ist entscheidend. Anfangs habe ich das Wirtschaften und den Papierkram vernachlässigt und das kam mich teuer zu stehen. Du willst dich auf deine Kunst konzentrieren, kratzt aber ständig am Existenzminimum. Bei mir hat es gut zehn Jahre gedauert, bis ich mich hier so richtig etablieren konnte, und ich komme schon aus dieser Stadt.“

Wenig Rente... und andere Probleme

Die arrivierte Travestiekünstlerin, die 2008 alles auf eine Karte setzte und sich mit ihrer Drag-Kunst selbstständig machte, stellt sich möglichst breit auf, um finanziell über die Runden zu kommen. Jurassica moderiert Talkshows im BKA-Theater, organisiert die „Popkicker“-Partyreihe im SchwuZ, schreibt Kolumnen und veröffentlicht Vlogs auf YouTube. „Aber nur weil du auf allen Kanälen bist, bedeutet das nicht, dass die Sache ein Selbstläufer ist“, relativiert sie. Es ist nur die Summe der einzelnen Teile, die eine gewisse finanzielle Sicherheit geben kann: Trotz ihrer künstlerischen Erfolge arbeitet sie nebenbei für das SIEGESSÄULE-Schwestermagazin L-MAG in ihrem gelernten Beruf als Grafikerin, ist als DJ unterwegs und versucht, möglichst viel auf die hohe Kante zu legen. Insgesamt hat sie am Monatsende aber deutlich weniger, als viele vermuten. Und wie genau es eigentlich im Alter werden soll, wenn sie vielleicht nicht mehr die Wochenenden in Clubs oder auf Bühnen verbringen möchte, ist auch noch nicht so ganz klar. „In knapp zwei Jahrzehnten bin ich Anfang sechzig“, seufzt Jurassica nachdenklich.


Die Gagen, die in Berlin und vor allem in der queeren Szene gezahlt werden (können), machen vielen Bühnenkünstler*innen das Leben schwer – Tendenz steigend beziehungsweise sinkend. Jurassica nimmt durchaus eine Abwärtsspirale wahr, was die Bezahlung betrifft. „In anderen Städten verdienen wir durchschnittlich mehr pro Auftritt als hier, unabhängig von Reisekosten“, bemerkt sie. „In der Ferne kriegst du einen Hauptstadtbonus, weil Berlin halt diese Aura hat.“ Behandelt Berlin also seine Künstler*innen schlecht? „Wir fühlen uns mittlerweile im Stich gelassen“, erklärt die Kabarettistin Sigrid Grajek. „Es ist enttäuschend, wie mit uns umgegangen wird. Neben den geringen Honoraren sind Räume ein großes Problem. Räume zum Wohnen, Räume zum Proben. So stecken wir in einem Teufelskreis.“

Bild: Emmanuele Contini
Sigrid Grajek © Emmanuele Contini

Vom Leben singen

Sigrid Grajek, geboren 1963, ist eine Vollblut-Entertainerin. Stolz weist sie auf ihren Nachnamen hin, den polnischen Begriff für „Musiker“. Dabei verbrachte sie ihre Wanderjahre zunächst in der Metallindustrie im Ruhrpott. Als Butch in diesem machohaften Umfeld lernte sie sehr viel über Durchhaltevermögen. „Ich habe später Wohnungen renoviert und überall geputzt, um mein Theaterstudium zu finanzieren“, erzählt sie. Für sie gehöre das Malochen selbstverständlich dazu. Von 1985 bis 1991 sammelte sie dann erste praktische Erfahrungen als Schauspielerin und Regieassistentin an der Theatermanufaktur Berlin, 1998 rief sie ihre bis heute beliebte Comedy-Figur Coco Lorès ins Leben. Bis 2011 war sie darüber hinaus Mitglied des Kabarettensembles Berliner Brettl. „Doch das Aus kam, als mein Bühnenpartner starb. Der damalige Chef des Restaurants, das wir bespielt hatten, stellte Forderungen, die wir leider nicht erfüllen konnten.“ Neben ihrem Coco-Lorès-Stück ist sie mit ihrem eigens konzipierten Claire-Waldoff-Programm „Ich will aber gerade vom Leben singen“ unterwegs und absolviert dabei etliche Auftritte im Jahr. Viel Arbeit für wenig Geld. Sigrid kämpft um jeden Cent und kann nur mit einer kleinen Rente von der Künstlersozialkasse rechnen. Auf ihrem Spielplan ist die Armut vorprogrammiert.

Dennoch tritt sie ebenso engagiert für die Volkssolidarität auf und spielt sogar „auf Hut“ in Altenheimen. Denn Kunst solle allen zugänglich sein, das ist ihre Überzeugung. „Für die Gesellschaft wage ich gerne einen Drahtseilakt, aber ich brauche wenigstens ein Netz. Ist das zu viel verlangt?“ Sicher nicht, doch wie könnte ein solches Netz gewährleistet werden? Mit mehr Hilfe vom Staat? „Es geht nicht um mehr Stütze“, erklärt Sigrid, „sondern um mehr Unterstützung, mehr Solidarität seitens der Veranstalter*innen, die etwas mehr zahlen könnten, und seitens der Vermieter*innen, die uns entgegenkommen könnten. Wie Maler*innen auch Atelierräume brauchen, benötigen wir bezahlbare Proberäume. Schließlich müssen aber auch die Kulturkonsument*innen bereit sein, mehr Geld für ihre Karten auszugeben.“

Wenn ein kommerzieller Veranstalter mich für umme buchen will, da platzt mir der Kragen. Damit kann ich die Miete nicht zahlen!

Wieviel ist uns die Kunst wert?

Viele dieser Konsument*innen betrachten die Arbeit von Künstler*innen wie Jurassica und Sigrid als eben das: ein reines Konsumgut, das auf vielen Veranstaltungen quasi kostenfrei mitgeliefert wird. Eine kurze Shownummer oder eine Moderation werden als kultureller „Snack“ mitgenommen wie Fingerfood – über die damit verbundene Arbeit und die Existenzprobleme der Künstler*innen wird selten reflektiert. Genauso wenig über die Wichtigkeit dieser Leistung, die weit über reines Entertainment hinausgeht.  „Eigentlich erfüllen wir eine soziale Funktion“, meint Jurassica. „Wenn wir die Leute zum Lachen bringen und sie den stressigen Alltag vergessen lassen, agieren wir als heilende Kräfte. Und danach muss man als Künstlerin selber auftanken. Dafür bin ich meinem Lebenspartner und meinem Therapeuten sehr dankbar. Die beiden bauen mich wieder auf, sodass ich meine Fans wiederum beglücken kann.“ Sigrid unterstreicht: „Wir versorgen die Menschen. Kunst ist Lebensmittel. Etwas, das jeder Mensch braucht und auch kriegen soll. Und wir liefern dieses Lebensmittel. Wir bieten etwas für jeden Geschmack an, aber wir selbst nagen am Hungertuch!“ Nicht nur deshalb müssen hin und wieder Grenzen gezogen werden, wenn sich ein Gagendumping abzeichnet. „Wenn es um Charity geht, kann ich gerne ohne Gage kurz auftreten“, beteuert Jurassica. „Aber wenn ein kommerzieller Veranstalter mich für umme buchen und mit freien Getränken und Publicity abspeisen will, da platzt mir der Kragen. Damit kann ich die Miete nicht zahlen!“

Trotz des täglichen Überlebenskampfes bleibt Berlin generell ein Sehnsuchtsort, so der Regierende Bürgermeister Michael Müller kürzlich in seiner Neujahrsansprache. Es war allerdings Müllers Vorgänger, der im November 2003 das Motto „Arm, aber sexy“ über die Lippen brachte. Ein Offenbarungseid? Auf alle Fälle ein gewiefter Konter gegen die Fiskalfetischisten der Geberländer. Indem Wowereit mit diesem Ausspruch der Avantgarde den Vorrang vor der Austerität gewährte, artikulierte er die Wertschätzung einer schöpferischen, multikulturell geprägten Gesellschaft. Wowis Werbeslogan wurde zu einem Schuss, den man rund um die Welt hörte. Und das ist auch gut so. Zahlreiche Künstler*innen fühlten sich animiert, im Nährboden der kosmopolitischen deutschen Hauptstadt Wurzel zu schlagen. Die Aufbruchstimmung, die nach der Wende 1989 geherrscht hatte, erlebte Mitte der 2000er-Jahre eine Art Renaissance. Für Kunstschaffende und ihre Projekte gab es nicht nur viel Zeit, sondern auch genug Orte, an denen man sie umsetzen konnte. Aus „Schmuddelkiezen“ wurden Szenenhotspots: Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg gerieten auf die Landkarte der internationalen Kulturszene. Dabei fanden auch weniger wohlhabende Zugezogene eine Bleibe. Die hiesigen Mieten und Lebenshaltungskosten waren deutlich günstiger als in London, Paris und New York.

Berlin ist ein hartes Pflaster geworden

Aber das war einmal. Heutzutage ist Berlin ein Eldorado für Immobilieninvestoren, die das nötige Großkapital haben, um ganze Straßenzüge aufzukaufen, während die Stadt, ihre Bewohner*innen und immer mehr Veranstalter*innen das Nachsehen haben. Angesichts des Besitzerwechsels in Clärchens Ballhaus bangen Fans um die Zukunft des traditionsreichen Tanztempels. Kitkat und Sage sind von Schließung bedroht. Eine Clubbetreiberin aus Friedrichshain, die nicht genannt werden möchte, spricht von einer Mieterhöhung um 1.800 Euro monatlich. Pro Quadratmeter verlange man Mieten von 40 bis sogar 50 Euro. Angeblich aus Lärmschutzgründen würden viele Neubesitzer zudem die Zahl und Zeiten der Konzerte drastisch einschränken. So geraten nicht nur Künstler*innen, sondern auch Veranstalter*innen, die am Ende die Gagen Ersterer bezahlen müssen, immer weiter unter Druck. Berlin ist für ambitionierte Schöpferseelen zu einem harten Pflaster geworden, das mit heimtückischen Schlaglöchern übersät ist.

Die Stimmen, die am lautesten über Ausgrenzung singen und sprechen sollten, werden durch Geldknappheit zum Schweigen gebracht.

„Hier toben existenzielle Kämpfe und Kolleg*innen unterbieten einander beim Preis wie erbitterte Konkurrent*innen“, berichtet die trans*feministische Medienkünstlerin Sanni Est. In ihrer brasilianischen Heimat wurde Sanni im Konservatorium ausgebildet, später studierte sie an der FU. Seit 2007 lebt sie in Berlin, wo sie als Filmemacherin, Musikerin und Schauspielerin arbeitet. Einzelauftritte absolvierte sie u. a. im Maxim Gorki Theater, im HAU oder im HKW, ihre neue EP „Tinder Match“ ist jüngst erschienen. An Anfragen fehlt es der 31-Jährigen eigentlich nicht. „Doch die Gagen sind unverschämt niedrig“, kritisiert Sanni. „Manche Kolleg*innen überleben nur deshalb, weil ihre Eltern die Wohnkosten übernehmen“, fügt sie hinzu. Nebenbei arbeitet Sanni als DJ, um über die Runden zu kommen. „Aber für die Performances, die mir wirklich am Herzen liegen, brauche ich eine richtige Bühne mit Licht, Technik und Platz für mindestens zwei Livemusiker*innen, die ich natürlich auch vernünftig entlohnen möchte“, erklärt sie. Ihre Ansprüche wolle sie nicht herunterschrauben, das seien keine Allüren. „Denn als Aktivistin gegen Diskriminierung setze ich meine Stimme und meinen Körper als politische Waffen ein, um Menschen zu bewegen.“

Bild: Emmanuele Contini
Multimediakünstlerin Sanni Est © Emmanuele Contini

Damit spricht sie ein weiteres Dilemma an. Die Stimmen, die am lautesten über Ausgrenzung singen und sprechen sollten, werden durch Geldknappheit zum Schweigen gebracht. Das lässt Sanni nicht auf sich sitzen. In der hartnäckigen Hoffnung, ihre Wunschprojekte zu realisieren, antwortet sie laufend auf Open Calls und Ausschreibungen. Denn ohne Förderungen durch Staat und andere Kulturfonds wäre die Lage noch düsterer. Allerdings dürfte es aus ihrer Sicht ruhig mehr Fördergelder und weniger Bürokratie geben, schon der Zeitaufwand für das Schreiben der Anträge beeinträchtige die künstlerische Entwicklung.

Ärmer, aber nicht mehr sexy?

Wie Jurassica, Sigrid und Sanni gehöre ich als Kabarettistin ebenfalls zur Zunft, die rau gewordenen Sitten des Gewerbes verspüre ich am eigenen Leibe. Gerade in puncto Musik gibt es ein strukturelles Problem, das uns zu schaffen macht: Als Komponistin gehöre ich der GEMA an, weil sie für meine Tantiemen sorgt und meine Urheberrechte schützt. Doch viele Veranstalter*innen wollen ihre Events nicht bei der GEMA anmelden, um zu vermeiden, überhaupt auf deren Radar zu landen. Oder sie versuchen, anfallende Gebühren auf die Künstler*innen abzuwälzen, die ohnehin wenig verdienen.

Wir freischaffenden Künstler*innen erwarten nicht, dass man uns überall den roten Teppich ausrollt – aber wir sind auch keine Fußmatten. Für uns könnte mehr getan werden. Dabei ist mehr Staat keine Lösung. Denn wir zahlen schon genug Steuern und müssen mitansehen, wie Lohndumping-Start-ups, die nichts als datenfressende Algorithmen produzieren und zu App-Hängigkeit beitragen, Millionenförderungen erhalten. Klar, Berlin muss sich als Technologiezentrum profilieren, und die Digitalisierung kann zur notwendigen sozial-ökologischen Transformation der Stadt wertvoll beitragen. Doch ein Biotop, in dem der Boheme die Luft ausgeht, sollte sich nicht als Kreativstandort rühmen. Zudem hat die Metropole wenig davon, es selbstherrlichen Immobilienspekulanten so angenehm wie möglich zu machen. Kunst braucht einen Rahmen – und zwar einen, der nicht einengt. Es braucht u. a. mehr steuerliche Anreize, zum Beispiel für Menschen, die Künstler*innen Räume zum Proben zur Verfügung stellen, und für Veranstalter*innen, die sich bemühen, Liveacts zu präsentieren, ohne dabei an Gagen und GEMA-Tantiemen zu sparen. Doch auch die Bevölkerung muss den Künstler*innen mehr Wertschätzung entgegenbringen. Die Gesellschaft, die von der Kunst profitiert, sollte über ihre Prioritäten nachdenken, anstatt Freikarten zu erbetteln. Wenn sie sich nicht um ihre Künstler*innen kümmert, wird sie ärmer, ohne sexy zu bleiben.

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