Coronakrise

Darkroom-Bars: Läuft der Laden ohne Sex?

15. Okt. 2020 Carsten Bauhaus
Bild: Victor Hensel Coe
Kim vom Woof (li.), Frank vom Ficken 3000 (re.) und Thomas vom New Action (vorne)

Wegen Corona sind alle Berliner Darkrooms derzeit geschlossen. Dennoch haben viele Darkroom-Bars mittlerweile wieder auf und versuchen trotz der eingeführten Sperrstunde ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. SIEGESSÄULE fragte bei verschiedenen Betreibern nach, wie sie mit der Situation umgehen

Ende August öffnete auch das Ficken 3000 in Kreuzberg wieder, wie schon zuvor andere Darkroom-Bars in Schöneberg. Das übliche Ringelpiez mit Anfassen ist in Corona-Zeiten allerdings nicht mehr vorgesehen – zumindest vom räumlichen Angebot her: „Unser Darkroom ist zum hellen Lounge-Room geworden – und die Leute finden es gut“, berichtet Frank Redieß. „Ohne die zusätzlichen Sitzgelegenheiten hätten wir auch gar nicht aufmachen können. Wir brauchen sie, um überhaupt auf eine ordentliche Anzahl von erlaubten Gästen zu kommen.“

Darkroom wird für den Barbetrieb genutzt

Trotz allem rechnet Frank mit Umsatzeinbußen von etwa zwei Dritteln. „Unterm Strich bin ich froh, wenn ich mit plus minus Null herauskomme. Existenzangst habe ich mir aber abgewöhnt. Schließlich war der Laden schon ein ganzes halbes Jahr dicht. Das Ficken 3000 ist für uns auch eine Herzensangelegenheit – und für Kreuzberg/Neukölln ja auch ein regelrechter Hype.“

„Die Investitionen für die corona-konfomen Umbauten summieren sich auf einen fünfstelligen Betrag.“

Auch im Schöneberger Woof wurde der Darkroom im wahrsten Sinne des Wortes aufgemöbelt und wird jetzt für den Barbetrieb genutzt. „Die Investitionen für die corona-konfomen Umbauten summieren sich auf einen fünfstelligen Betrag.“ so Kim Helling. „Neue Tische, neue Barhocker, neue Beleuchtung, erweiterte Lüftungsanlage. So können wir allein drinnen 34 zusätzliche Leute unterbringen.“ Mit eingerechnet ist bereits die neue Bestuhlung draußen.

Hohe Umsatzeinbußen

Wie viele andere Bars hat auch das Woof zahlreiche Terrassenplätze auf dem Bürgersteig geschaffen und sorgt so als Nebeneffekt auch für eine neue Sichtbarkeit. Die Außenplätze sind ein wichtiger neuer Geschäftsfaktor geworden, dennoch hat auch das Woof etwa 50 Prozent Umsatzeinbußen zu beklagen – und zehrt wie andere Bars von den Ersparnissen der vorangegangen fetten Jahre. Viele Barbetreiber*innen versuchen die lukrative Outdoor-Saison in den Herbst und frühen Winter hinein zu verlängern. Mit Decken, Fellen und im Falle des Woofs einem kleinen Weihnachtsmarkt soll die zusätzliche Einnahmequelle möglichst lang erhalten bleiben, vielleicht sogar bis in Post-Corona-Zeiten hinein.

Neue Herausforderung: Sperrstunde in Berlin

Mit den Außenplätzen gehen neue, vor allem frühere Öffnungszeiten einher. Schon um 17 Uhr öffnet nun der Laden – auch das ein zusätzlicher Kostenfaktor. „Statt fünf bis sechs Stunden wie sonst, arbeiten wir jetzt zehn bis zwölf Stunden,“ so Kim. Seit Samstag letzter Woche gilt jedoch aufgrund steigender Infektionszahlen eine Sperrstunde in Berlin für Gastronomie und Handel. Dementsprechend müssen Woof und Ficken 3000 bis zu einer erneuten Änderung der Infektionsschutzverordnung ihre Pforten bereits 23 Uhr schließen.

Das Team vom New Action schreibt auf Facebook, dass es durch die Sperrzeiten nahezu unmöglich sei, einen Regelbetrieb aufrecht zu erhalten. Dennoch habe man sich entschlossen, den Betrieb aufrechtzuerhalten, und zählt dafür auf die Unterstützung seiner Gäste.

Kein Todesstoß für die Darkroom-Kultur

Die Einschränkungen haben auch nicht nur negative Auswirkungen: „Die Sozialisation, die bei uns jetzt stattfindet, ist phänomenal“, berichtet Thomas Pfizenmaier aus dem New Action. „Da sitzen Leute am Tisch, die sich vorher mit dem Arsch nicht angeguckt haben. Alle reden, reden und reden – da wo früher die Abkürzung über den Darkroom genommen wurde. Wir lernen die Gäste anders kennen und die lernen uns auch anders kennen. Das ist nur von Vorteil.“ Im New Action sind die Räume, die früher den Darkroom gebildet haben, komplett abgesperrt. „Bei uns sind alle sogenannten ‚unbewirtschafteten Nebenräume‘ geschlossen“, so Thomas. „Die Gäste könnten die Tische und Stühle ja zweckentfremden, sag ich mal. Und man kann ja nicht ständig mit der Peitsche durchrennen.“

„Alle reden, reden und reden – da wo früher die Abkürzung über den Darkroom genommen wurde.“

Darkroom-Bars hatten in den letzten Jahren immer wieder Probleme mit dem baurechtlichen Bestimmungen. Jetzt kommt die Coronakrise hinzu. Die Sorge, dass diese den Todesstoß für die Darkroom-Kultur bedeuten könnte, hat aber keiner der Betreiber. Alle planen, die Darkrooms, so bald es wieder erlaubt ist, ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen. „Rückzugsorte und Safe Places muss es und wird es immer geben“, so Thomas vom New Action. „Wenn es daran kein Interesse mehr gäbe, gäbe es dafür natürlich auch keine Berechtigung mehr. Aber das sehe ich nicht: Der Bedarf ist da!“

Ficken 3000
Vorläufige Öffnungszeiten: 17-23 Uhr

Woof Berlin
Vorläufige Öffnungszeiten: 17-23 Uhr

New Action Berlin
Vorläufige Öffnungszeiten: 18-23 Uhr

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