Das andere Berlin: Spannende alternative Stadtführungen
Brandenburger Tor, Reichstag, Currywurst – das war‘s? Mitnichten! Abseits von Berliner Touri-Klischees und Beer Bikes gibt es zahlreiche alternative City-Touren, die sich explizit queerer und migrantischer Geschichte widmen und sowohl für Tourist*innen als auch alteingesessene Berliner*innen spannend und lehrreich sind. Einige haben wir uns näher angeschaut – ohne Bierfahrrad, aber mit festem Schuhwerk
KiezTour: Mit Queens durch den Regenbogenkiez
„Margot rennt schon wieder!“ Die Teilnehmer*innen der Schöneberger KiezTour eilen Dragqueen Margot Schlönzke nach, die heute keine Stöckel trägt, weil Schönebergs LGBTIQ*-Geschichte so viel zu bieten hat. „Ich brenne für dieses Projekt!“, ruft Schlönzke. Die KiezTour rund um den Nollendorfplatz ist ein Klassiker unter den Führungen, da sich hier so viele Verbindungslinien queerer Geschichte treffen: das weltoffene Berlin der Weimarer Republik mit seinen Séparées und Damenclubs; Opium, süßes Parfum und queere Emanzipation lagen in der Luft.
„Wir müssen auch in der Gegenwart aufpassen, weil sich der politische Wind wieder dreht.“
Die Zeit vor 100 Jahren war vom Einfluss des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld geprägt, seiner Forschung – bis die Nazis kamen. „Wir müssen auch in der Gegenwart aufpassen, weil sich der politische Wind wieder dreht“, sagt Schlönzke. Ihre Tour, die durch zahlreiche Schöneberger Locations führt, ob nun Bar, Fetisch-Schneiderei oder Darkroom, soll neben allen Infos, Schnäpschen und Schlüpferweitwurf auch dafür sensibilisieren, wie wichtig es ist, queere Schutzräume aktiv zu unterstützen und zu erhalten.
Infos: kieztour.net
Berlin Guide: Touren zu Berlins Geschichte der Sexualität
Jeff Mannes hat sich als Berlin Guide auf die Geschichte der Sexualität und das sexpositive Nachtleben Berlins spezialisiert. Einige seiner Touren besuchen Backstage das Insomnia oder den BDSM-Club Böse Buben. Wer möchte, kann in der Fetisch-Klinik auf dem Gynäkologenstuhl Platz nehmen oder eine der Dominas im Atrium ausfragen – respektvoll, versteht sich. „Wir möchten Leuten zeigen, wie Sexarbeit aussehen kann“, erklärt der Sozialwissenschaftler und Sexualpädagoge. „Das entspricht nicht immer nur dem dominanten Medienbild von einer armen Frau, die an der Straße steht. Sexarbeit hat ein sehr breites Spektrum.“
„Wir möchten Leuten zeigen, wie Sexarbeit aussehen kann.“
Sowohl bei seinen „Kinky Touren“, als auch beim Clubkultur-Spaziergang ist es Mannes wichtig, sein Publikum nicht zum Gaffen zu animieren, sondern zur Wertschätzung für Orte, die oft von marginalisierten Gruppen aufgebaut wurden – von Queers, von einer migrantischen oder einer Schwarzen Community – und die heute noch politisch wichtig sind.
Infos: berlinguide.de
L*Ost DDR Spaziergang: Lesbenbewegung in Prenzlauer Berg
Zeitzeug*innen bieten einen direkteren Zugang zur Geschichte, bringen ihre eigenen Emotionen mit. Wer Persönliches zur Frauen*Lesbenbewegung der DDR und der Wendezeit erfahren möchte, kann sich für den Spaziergang durch Prenzlauer Berg mit Samirah Kenawi am 27. Juni auf die Warteliste setzen lassen – die Tour Ende April war sofort ausgebucht. In der DDR gab es mehrere inoffizielle Frauen*Lesbengruppen wie etwa „LIK – Lesben in der Kirche“ oder die ostdeutschen „Frauen für den Frieden“. Kenawi war auch Teil des Unabhängigen Frauenverbands UFV, der seit den Jahren 89/90 für feministische Politik kämpfte. Die alternativen Stadttouren eint, dass sie oft an den Rand gedrängtes Wissen sowie vergessene oder übersehene Orte und Namen hervorholen, bewahren und feiern wollen.
Infos: spinnboden.de
Warteliste: E-Mail an L-Ost-2026@posteo.de
Rio Reiser in Kreuzberg: Auf den Spuren der Hausbesetzer
„Das ist unser Haus!“, sang Anfang der 70er-Jahre Rio Reiser, um die erste Berliner Hausbesetzung im Bethanien zu unterstützen. Auf seiner Hausbesetzer-Tour lässt Jens Heimendahl die Zeit der Wohnraumeroberung in Kreuzberg, der politischen Kämpfe und Straßenschlachten wieder aufleben. Manche der besetzten Freiräume von damals sind inzwischen legalisiert wie etwa das feministische Zentrum Schokofabrik, das auch Audre Lorde oft besuchte. Bei seinem Geschichtsrundgang ist Sozialwissenschaftler Heimendahl wichtig zu zeigen, dass es manchmal Mut und Zivilcourage braucht, um Missstände wie Leerstand, Verfall und Wohnungsnot selbst anzugehen. „Lasst euch nicht alles gefallen!“, ist seine Botschaft an die Teilnehmer*innen.
Infos: kiez-touren.de
deSta: dekoloniale Stadtführungen von Wedding bis Schöneberg
Als Justice Mvemba vor 12 Jahren als Teil einer BIPoC-Gruppe an einer Führung durchs Afrikanische Viertel teilnahm, rief jemand aus der weißen Weddinger Nachbarschaft die Polizei: Da würde eine suspekte Versammlung stattfinden! Die Beschäftigung mit deutscher Kolonialgeschichte im Stadtbild ist längst keine Selbstverständlichkeit. Vor vier Jahren gründete Mvemba dann deSta, um selbst dekoloniale Führungen anzubieten: nicht nur im Wedding, sondern auch in Mitte rund um das Humboldt-Forum und in Schöneberg mit der Tour „Schwarzer & Queerer Feminismus“. Der Spaziergang spannt einen großen historischen Bogen von der Ausbeutung des afrikanischen Kontinents durch europäische Mächte, über die Spuren des deutschen Kolonialismus im Hier und Jetzt, bis hin zu queerer und feministischer Emanzipation im letzten Jahrhundert. Der große Einfluss von Audre Lorde auf die afrodeutsche Bewegung wird deutlich, und als wichtige Stimmen werden May Ayim und Ika Hügel-Marshall mit ihren beeindruckenden Lebensgeschichten gewürdigt, ihren Verletzungen und ihrer Kraft.
Infos: dekolonialestadtfuehrung.de
Kiez Global: Postmigrantische Stadtrundgänge
Wem gehört die Stadt? Der rechten Szene, den Neonazis – oder denen, die sich für Vielfalt und Demokratie engagieren? Dieser Frage geht Sasha auf ihrer Tour durch Niederschöneweide nach. Sasha ist eine der ehrenamtlichen City Guides von „Kiez Global!“ Das Projekt des Deutsche Gesellschaft e. V. hat vergangenes Jahr Berliner*innen mit Migrationshintergrund dazu animiert, ihre eigenen Geschichten der Stadt zu erzählen. „Wir wollen nicht zum hundertsten Mal zum Besten geben, wie Napoleon die Quadriga vom Brandenburger Tor geklaut hat“, sagt Christina Heiduck, die „Kiez Global!“ koordiniert. „Wir wollen möglichst verschiedene Perspektiven, die Berlin ja ausmachen, versammeln. Das sind Führungen, die viel in einem bewegen können.“
„Wir wollen möglichst verschiedene Perspektiven, die Berlin ja ausmachen, versammeln. Das sind Führungen, die viel in einem bewegen können.“
Von vietnamesischem Leben in Neukölln bis zur ex-jugoslawischen Diaspora in Kreuzberg ... Und wann gibt es schon die Möglichkeit, mit einer Ukrainerin am Berliner Hauptbahnhof die Stationen ihrer Flucht nachzuvollziehen – und darüber nachzudenken, was es heißt, wenn in anderen Städten Bahnhöfe bombardiert werden?
Infos: deutsche-gesellschaft-ev.de
Place2Be.Berlin: Queer History auf die Ohren
Auch Place2Be.Berlin – die Tourismusplattform der SIEGESSÄULE, bietet Audio-Guides zu queerer Geschichte in Berlin an, zum Beispiel zum Leben und Wirken Magnus Hirschfelds, den 1920er-Jahren oder zu queeren Denkmälern in Berlin.
Hier geht's zur Übersicht: place2be.berlin/stadttouren
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Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Artikels wurde zur Bebilderung ein falsches Bild verwendet, das nicht Justice Mvemba zeigt. Wir entschuldigen uns dafür.