SIEGESSÄULE Glossar

Das Kink-ABC

10. Sept. 2026 Jeff Mannes
Bild: Canva
Durcheinander im Fetisch-Repertoire? Nicht mit dem Kink-Glossar

„Kink“ – das klingt für manche nach geheimem Club im Keller, für andere nach einem netten Extra im Schlafzimmer. Viele benutzen das Wort, aber nicht immer ist klar, was genau damit gemeint ist. Begriffe wie Fetisch, BDSM oder Sadomaso werden im Alltag oft durcheinandergeworfen. Dabei erzählen sie nicht nur etwas über Praktiken, sondern auch über die Geschichte einer Szene. Zeit also für ein kleines ABC, das Orientierung gibt – ohne moralischen Zeigefinger, dafür mit Lust am Erkunden. Happy Folsom!

Fetisch – vom Kolonialbegriff zur Community-Praxis

Der Begriff „Fetisch“ hat eine lange und vielschichtige Geschichte: Er geht auf das französische fétiche zurück, das wiederum vom portugiesischen feitiço („Zauber, Verzauberung“) und schließlich vom lateinischen facticius („künstlich, gemacht“) sowie facere („machen“) abgeleitet ist. Entstanden ist der Begriff im 16. und 17. Jahrhundert im Kontext kolonialer Begegnungen zwischen europäischen Reisenden und westafrikanischen Gesellschaften, wo er verwendet wurde, um religiöse oder rituelle Objekte zu bezeichnen, die aus europäischer Sicht in keine vertraute Kategorie passten. Der „Fetisch“ diente zugleich als koloniales Konstrukt: Er war weniger eine neutrale Beschreibung afrikanischer Objekte als vielmehr eine Projektion europäischer Vorstellungen, die das vermeintlich „irrationale Verhältnis“ von Afrikaner*innen zu Dingen abwerten und die weißen Europäer*innen im Gegensatz dazu als rational, vernünftig und aufgeklärt festschreiben sollte. Es diente einem rassistischen, europäischen Selbstbild: Wir rational, sie irrational.

Später tauchte der Begriff dann in der Sexualwissenschaft auf, ebenfalls oft mit einem negativen oder pathologisierenden Unterton: Wer auf Schuhe oder Leder stand, galt als „abnormal“. Die Community hat den Begriff zurückerobert – heute ist „Fetisch“ etwas, das Lust macht und oft sehr sichtbar ist, etwa in der Berliner queeren Szene. Ein Fetisch richtet sich meist auf ein Ding oder Material: von High Heels über Lack bis zu Gummi. Und: Seit der fünften Version des Diagnostischen und Statistischen Manuals psychischer Störungen werden BDSM und Fetische nicht mehr per se als Störungen an sich klassifiziert. Heute gelten sie als eine mögliche Form gesunder Sexualität. Es gibt sogar Studien, die nahelegen, dass Kinks und Fetische richtig angewendet positive Effekte auf die psychische Gesundheit haben können.

BDSM – die Abkürzung mit Inhalt

BDSM steht für Bondage & Discipline (Fesselspiele & Disziplin), Dominance & Submission (Dominanz & Unterwerfung), Sadism & Masochism (Sadismus & Masochismus). Es ist quasi ein Baukasten für unterschiedliche einvernehmliche, sexuelle Machtspiele und -fantasien. Anders als beim Fetisch geht es hier nicht um ein bestimmtes Objekt, sondern um Dynamiken zwischen Menschen. Wer etwa Lust daran hat, gefesselt zu werden oder Kontrolle abzugeben, landet schnell im Bereich von BDSM – auch ohne jemals ein Paar Lackstiefel angefasst zu haben.

Kink – der große Sammelbegriff

Und dann gibt es noch „Kink“. Ein internationales Wort, das vieles einfacher macht, weil es als Oberbegriff funktioniert: Alles, was nicht „Vanilla“ ist, also jenseits von klassischem Sex, und zwischen erwachsenen Menschen mit Konsens passiert, kann als Kink beschrieben werden. Ob Bondage, Roleplay, Pet Play oder Medical Play – alles hat Platz unter diesem Dach. Das macht „Kink“ zu einem besonders inklusiven Begriff. Wichtig ist jedoch auch das Verständnis, dass Kink oft politisch ist. Kinks sind Produkte unserer Kultur, Geschichte und Gesellschaft – mit Anlehnungen an oft sehr gewaltvolle Erfahrungen marginalisierter oder unterdrückter Gruppen (siehe Beispiele weiter unten). Es ist daher wichtig, bewusst, vorsichtig, verantwortungsvoll, fürsorglich und einvernehmlich damit umzugehen.

Ebenfalls ist es wichtig zu verstehen: Auch wenn Kinks mit real gemachten Erfahrungen von Unterdrückung und Gewalt spielen, sind sie nicht per se „gut” oder „schlecht”. Wenn man verantwortungslos damit umgeht, kann man in der Tat problematische Dinge reproduzieren. Im besten Fall können Kinks jedoch problematische Dinge dekonstruieren, subversiv hinterfragen, oder heilsame Erfahrungen bieten. Oder auch einfach nur Spaß machen, ohne jemandem zu schaden.

Glossar für Newbies & Fortgeschrittene

Damit du beim nächsten Online-Chat oder auf der kinky Party am Wochenende nicht lost wirkst, hier ein paar gängige Begriffe und deren Erklärungen:

Basics

Dom*me / Sub – Wer führt (Dom von dominant) und wer folgt (Sub von submissive, also unterwerfend).

Switch – mal Dom, mal Sub. Manche glauben, dass Switchs eigentlich nur Subs sind, die es sich nicht zugestehen wollen. Aber Sexualität ist viel komplexer als ein einfaches Schwarz/Weiß. Viele Menschen spielen gern beide Rollen – manchmal sogar in der gleichen Session.

Safeword – ein vorher verabredetes Wort, das ein Spiel sofort stoppt. Klassiker ist das „Ampelsystem“: grün = alles okay, gelb = langsamer, rot (Safeword) = Stopp.

Aftercare – Nachsorge nach einer Session. Das kann unterschiedliche Formen annehmen, zum Beispiel Kuscheln, Halten und Gehalten Werden, Streicheln, Wasser trinken oder das Nachfragen, wie es einer Person geht. Wichtig, damit niemand mit einem „Drop“ (emotionalem Tief) allein bleibt, sondern wieder sicher im „Hier und Jetzt landet”.

Konsens / Consent – auch: Einvernehmlichkeit. Niemand muss etwas tun, was die jeweilige Person nicht möchte. Umgekehrt machen alle nur das, womit sich alle Beteiligten auch wohl fühlen. Die Grenzen aller werden respektiert. Konsens ist ein Prozess, das heißt, er kann immer wieder neu ausgehandelt werden, da Grenzen sich verschieben können. Manchen ist „Enthusiastic Consent” wichtig, also dass Personen mit einer Art Begeisterung Ja zu etwas sagen. Andere kritisieren das Konzept des „Enthusiastic Consent”, weil es weniger Raum lässt für Neugier, bei der man sich noch nicht sicher ist, ob es einem selbst wirklich gefällt. Unterschiedliche Spaces können daher auch unterschiedliche Consent-Regeln haben. Manche Playpartys bevorzugen zum Beispiel die Regel zum verbalen Konsens. Andere, zum Beispiel manche schwule Cruising-Räume, handeln Konsens oft non-verbal über Augenkontakt und (vorsichtige) Berührungen aus.

SSC – Steht für „Safe, Sane, Consensual“ (sicher, vernünftig, einvernehmlich). Es geht darum, dass alle Beteiligten nur an sexuellen, kinky Praktiken teilnehmen, die sicher und „vernünftig” bzw. „mit gesundem Menschenverstand” sind, sowie einvernehmlich passieren. Das Modell gilt jedoch mittlerweile als veraltet. Erstens gibt es keine 100% sichere Sexpraktiken (weswegen viele ja auch von Safer Sex und nicht von Safe Sex sprechen) und zweitens wird der Begriff „sane” nicht nur als diskriminiernd gegenüber Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen gesehen, sondern zunehmend auch als unpassend im kinky Kontext, da “Vernunft” ein soziales Konstrukt ist: Was heute als unvernünftig gilt, muss es morgen nicht mehr tun. Und kinky Sex spielt oft mit diesen gesellschaftlichen Konstrukten. Viele ziehen daher andere Konzepte, wie “RACK”, “PRICK” oder die 4 Cs vor.

RACK – Steht für „Risk-Aware Consensual Kink“. Jede sexuelle Praktik ist mit Risiken verbunden. RACK entstand als Antwort zu SSC. Statt mögliche Risiken zu leugnen, sollen sich alle Beteiligten der Risiken für Körper und Psyche bewusst sein.

PRICK – Steht für „Personal Responsibility & Informed Consensual Kink“, also individuelle Verantwortung & einvernehmlicher kinky Sex auf Basis aller wichtigen Informationen.

4 Cs – Steht für „Caring, Communication, Consent, Caution“, also Fürsorge, Kommunikation, Konsens, Vorsicht. Gute Kommunikation hilft bspw. dabei, Klarheit, Transparenz und Risikobewusstsein zu schaffen, Konsens herzustellen und den Spaß zu vergrößern. Empathie und Fürsorge sind wichtige Eigenschaften für gelungene kinky Spiele, insbesondere welche der härteren Art.

Verschiedene Spielarten

ABDL – Adult Baby/Diaper Lover: Kink rund ums Baby-Rollenspiel oder Windeln.

Age Play – Rollenspiel zwischen Erwachsenen mit (gespielten oder realen) Altersunterschieden (z. B. „Daddy/Mommy mit Girl/Boy“).

Brat / Brat-Tamer – „Brat“ = Sub, der frech ist, Grenzen testet; „Brat-Tamer“ = Dom, der das spielerisch „bestraft“.

Breathcontrol – Spiel mit Atemkontrolle, Würgen, o.ä. Breathcontrol ist mit einem besonders hohen Risiko (bspw. plötzlicher Atemstillstand oder Herzstillstand) verbunden. Manche Expert*innen raten deswegen davon ab. Andere ermutigen dazu, sich intensiv mit den Risiken zu beschäftigen und auf die wenigen Wege auszuweichen, Risiken zu verringern, wobei es dennoch immer eine vergleichsweise risikoreiche Praktik bleibt.

CBT (Cock and Ball Torture) – Schwanz- und Sack-Folter: SM-Praktik die Schmerz am Penis oder Hoden involviert.

CNC (Consensual Non-Consent) – einvernehmliches „Nicht-Einvernehmen“, Rollenspiel von erzwungenen Szenarien, wie bspw. Rape Play. Es wird im Vorfeld real einvernehmlich ausgemacht, wozu nachher spielerisch kein Einvernehmen gegeben wird und dann trotzdem passiert.

Crossdressing/Sissification – Beim Crossdressing tragen Menschen zur sexuellen Erregung die Kleider des anderen Geschlechts. Sissification ist eine Besonderheit davon, bei der Menschen – oft (aber nicht immer) Männer – Frauenkleider zur sexuellen Stimulierung tragen. Sissification ist angelehnt an Rollen, in die Frauen Jahrhunderte lang gewaltvoll gezwängt wurden.

Degrader / Degradee – Lust an Erniedrigung: eine Person degradiert, die andere genießt es.

Dirty Talk – Bewusste Verwenden sexueller Sprache während des Flirts, beim Vorspiel oder beim Sex.

Doll – Spiel mit Verpuppung/Objektifizierung, als wäre die Person eine Puppe.

Exhibitionism – Lust am Gesehenwerden beim (Solo-)Sex.

Feeding – Lust an Ernährung, Füttern oder Gewichtszunahme als erotisches Element.

FF (Fisting/Fist-Fuck) – Einführen der Faust (oder mehrerer Finger) in Anus oder Vagina.

Figging – Einführen von Ingwerwurzel in Anus oder Vagina, um Brennreiz zu erzeugen.

Furry – Lust an Tier-Rollenspielen oder Tier-Kostümen (z. B. Plüschanzüge) zwischen erwachsenen Menschen. Dabei kann es sich um Menschen handeln, die Kostümen von realen Tieren (Hunde, Tiger, …) oder von Phantasiewesen (bspw. Drache) tragen.

Impact Play – Schläge, Hiebe, Spanking; von Hand bis Peitsche.

Kaviar / Scat – Spielen mit Kot.

Keuschhaltung – Verschluss des Genitals mit Keuschheitsgürtel/-käfig, um Penetration oder Solo-Sex zu verhindern.

Med Play – Rollenspiele mit medizinischem Setting (z. B. Ärzt*in/Patient*in).

Milking – Prostata-Stimulation bis zum Samenerguss, oft in klinischer Atmosphäre.

Natursekt / Watersports – Spielen mit Urin.

Pegging – Analsex mit einem Dildo, bei dem meist eine Frau einen Mann penetriert. Es ist aber auch in anderen Konstellationen möglich!

Pet/Pup(py) Play – Spiele, bei denen Personen die Rolle von Tieren – oft (aber nicht immer) Hunden –, sowie deren „Handlern” (also Herrchen*Frauchen) einnehmen. Entstand aus dem kulturellen Mensch-Tier-Verhältnis mit Macht- und Unterwerfungselementen zwischen Menschen und anderen Tieren.

Predator / Prey – Rollenspiel zwischen Jäger:in und Beute.

Shibari – Form von Bondage bzw. Fesselspiele. Shibari ist eine Kunst und erfordert viel Wissen für die Techniken und Risiken. Shibari hat sich in Japan aus der traditionellen militärischen/ polizeilichen Fesseltechnik Hojōjutsu entwickelt, das zur Gefangennahme, Befragung und Folter benutzt wurde.

SM – Abkürzung für Sadomasochismus; älterer Begriff für Praktiken rund um Lust an Schmerz, heute oft durch BDSM ersetzt.

Toy – Rolle, in der jemand „benutzt“ wird wie ein Spielzeug.

TPE (Total Power Exchange) – extreme Form von 24/7-Dynamik, wo die Kontrolle dauerhaft abgegeben wird.

Voyeurism – Lust am Zuschauen.

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