Douglas Stuart über „John of John“ und die queere Erfahrung auf dem Land
Der schottische Bestsellerautor Douglas Stuart stellte auf dem 26. Internationalen Literaturfestival seinen neuen Roman „John of John“ vor. Ein Gespräch über Familie, Glauben und Sexualität in der schottischen Provinz – und das Schreiben von LGBTIQ*-Geschichten im Jahr 2026
Wie hast du über die Communitys recherchiert, über die du im Roman schreibst, und wie ist es dir gelungen, diese besondere Atmosphäre der Inseln einzufangen? Ich bin in Glasgow aufgewachsen. Meine Mutter war alleinerziehend und hatte weder die Zeit noch das Geld, um uns unser eigenes Land zu zeigen. Aber ich habe die Inseln schon immer geliebt und mich danach gesehnt, sie zu bereisen. Also beschloss ich 2019, während ich auf die Veröffentlichung von „Shuggie Bain“ wartete, mir zwölf Wochen Zeit zu nehmen und hinzufahren. Es war mein erster Besuch auf den Äußeren Hebriden. Vor der Reise kannte ich dort drei Menschen, danach kannte ich hundert. Eine Person stellte mich der nächsten vor, die wiederum kannte jemand anderen. Die Menschen waren unglaublich großzügig und gastfreundlich. Das Erste, in das ich mich auf den Inseln verliebte, war diese Gastfreundschaft.
Anfangs wusste ich nicht, ob ich dort Material für einen neuen Roman finden oder einfach nur mehr über mein eigenes Land erfahren würde. Dann kam ich nach Harris. Die Landschaft dort ist unglaublich, fast wie auf dem Mond: sehr felsig, bergig, wild und ziemlich einsam. Die Insel ist dünn besiedelt, aber an diesem Ort treffen vier faszinierende Dinge aufeinander: die gälische Sprache, das Crofting, also eine Form der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, das Weben von Harris-Tweed und ein strenger Calvinismus. Harris liegt wirklich in dem, was man als Schottlands „Bible Belt“ bezeichnen könnte.
Für Figuren und Geschichten war das ein unglaublich fruchtbarer Boden und allmählich nahm der Roman Gestalt an. Ich führte hunderte Stunden Interviews und musste alles lernen – von kirchlichen Traditionen über das Weben bis hin dazu, wie man ein Boot zu Wasser lässt.
Gälisch wird im Buch Teil eines Geflechts aus Fehlkommunikation, unausgesprochenen Wahrheiten und familiären Bindungen. Was hat dich dazu bewogen, die Sprache einzubauen? Und warum hast du Cals Großmutter Ella zur einzigen Figur gemacht, die kein Gälisch spricht? Zunächst einmal machte es mich als Schotten wütend, dass ich als Kind kein Gälisch gelernt hatte. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es ernsthafte Bestrebungen, das Gälische aus Schottland zu verdrängen. Als ich auf die Äußeren Hebriden kam und Zeit auf Lewis und Harris verbrachte, begegnete ich einer gälischsprachigen Gemeinschaft – der letzten wirklichen Hochburg des Gälischen im Land.
Dort sagt man, man habe das Gälische „from the knee“, also gewissermaßen von Kindesbeinen an: Die Sprache wird von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Ich musste selbst zum Schüler des Gälischen werden. Ich konnte kein Buch über Harris schreiben, ohne diese Sprache darin vorkommen zu lassen.
Dann wurde mir klar, dass sie auch ein sehr wirkungsvolles dramaturgisches Mittel ist. Über die Sprache lassen sich Geheimnisse und Informationen weitergeben, Figuren können sich ausgeschlossen fühlen, und man kann in Anwesenheit anderer über sie sprechen, ohne dass sie etwas verstehen. Gleichzeitig ist Gälisch für mich eine sehr romantische Sprache, die Sprache der Heimat und des Herzens, während Englisch häufig die Sprache der Geschäfte, des Praktischen und der Gesetze ist. Ich fand es faszinierend, die Figuren zwischen diesen beiden Sprachen wechseln zu lassen.
„Gälisch ist für mich eine sehr romantische Sprache, die Sprache der Heimat und des Herzens.“
Ich wollte, dass Ella eine Außenseiterin ist, weil Cal selbst dieses starke Gefühl kennt, nicht dazuzugehören. Diese Gemeinsamkeit sollte die Bindung zwischen Enkel und Großmutter vertiefen. Vor allem John ist ein sehr wortkarger Mann. Er sagt nicht, was er denkt, und legt großen Wert darauf, seine Gefühle für sich zu behalten. Ich brauchte einen Gegenpol zu ihm, jemanden, der alles durchschaut und den Mut hat, die Dinge auszusprechen. So entstand Ella.
Außerdem brauchte ich eine Figur, die eine solche Liebe ihres Enkels glaubwürdig macht. Wenn jemand bereit ist, seine eigene Zukunft aufzugeben, um nach Hause zurückzukehren und sich um seine Großmutter zu kümmern, dann muss diese Großmutter jemand sein, den man von ganzem Herzen liebt und für den man bereit ist, dieses Opfer zu bringen.
Dabei dachte ich an die Frauen, mit denen ich aufgewachsen bin. Als junger schwuler Mann empfand ich eine ungeheure Liebe für meine Großmutter und ihre Freundinnen, weil ich sie als Überlebende betrachtete: Frauen, die das Patriarchat überlebt hatten, die mutig waren, kein Blatt vor den Mund nahmen und irgendwann einen Punkt in ihrem Leben erreicht hatten, an dem sie furchtlos geworden waren. Als schwuler Junge war das genau die Art von Weiblichkeit, die ich bewunderte.
„Wir schreiben nicht genug darüber, wie schwule Jungen ihre Großmütter lieben. Diese Beziehung ist etwas sehr Kostbares.“
Wir schreiben nicht genug darüber, wie schwule Jungen ihre Großmütter lieben. Diese Beziehung ist etwas sehr Kostbares – und zugleich etwas, das sich nur schwer erklären lässt.
John sagt: „I love Innes, and I love God, and God hates that I love Innes“ („Ich liebe Innes, und ich liebe Gott, und Gott hasst, dass ich Innes liebe“). Was wolltest du mit deiner Darstellung von Religion und Glauben auf den Inseln ergründen? Die Free Church of Scotland ist keine Kirche, die besonders offen für Neues ist. Sie ist keine Kirche, die sich modernisieren oder nach Wegen suchen möchte, die Heilige Schrift für die heutige Welt neu zu deuten. Sie hält sehr strikt an ihren Glaubensgrundsätzen fest und Homosexualität steht tatsächlich außerhalb dessen, was sie akzeptiert.
Wir betrachten Glauben und Sexualität oft als gegensätzliche Kräfte. Als queere Menschen denken wir vielleicht: Wenn eine Religion uns ablehnt, dann wenden wir uns eben von dieser Religion ab. Aber ich kenne viele queere Menschen, denen ihr Glaube sehr viel bedeutet und für die zugleich ihre Sexualität ein unantastbarer Teil ihrer selbst ist – und die diese beiden Dinge nicht miteinander in Einklang bringen können. Sie lieben Gott und sie lieben sich selbst, aber sie gehören vielleicht einem Glauben an, der ihnen sagt, dass sie falsch sind, dass sie Sünder sind.
Im Calvinismus gibt es die Vorstellung, dass wir alle in Sünde geboren werden und dass nur wenige von uns von Gott gerettet werden – wobei allein Gott weiß, wer diese Menschen sind. Das ist die Lehre von der Prädestination. John steckt deshalb in einem fortwährenden Konflikt zwischen dem, was er selbst empfindet, seinem Glauben und dem, was ihm beigebracht wurde.
Glaube ist aber auch immer vom eigenen Umfeld geprägt. Wäre John beispielsweise in Apulien aufgewachsen, wäre er vermutlich katholisch und hätte eine ganz andere Vorstellung von Gott. Wäre er in Syrien aufgewachsen, wäre er vielleicht Muslim und hätte wiederum ein anderes Gottesbild. Aber er ist auf Harris aufgewachsen, und deshalb ist genau diese Vorstellung von Gott tief in ihm verwurzelt. Er kann sie nicht einfach ablegen und bekommt sie zugleich nicht mit dem in Einklang, was er empfindet.
„Ich wollte keinen Roman schreiben, dessen Antwort lautet: Ich muss meinen Glauben ablehnen und von hier weggehen.“
Ich wollte deshalb keinen Roman schreiben, dessen Antwort lautet: Ich muss meinen Glauben ablehnen und von hier weggehen. Denn Glaube bedeutet nicht nur die Beziehung zu Gott. Er bedeutet auch Gesellschaft, Gemeinschaft und die Menschen, die man liebt. Wenn man tief in einer solchen Gemeinschaft verwurzelt ist, hat man manchmal gar nicht den nötigen Abstand, um einfach zu sagen: Das hier ist falsch, ich gehe und suche mir etwas anderes. Mich interessierte vielmehr die Frage, wie ein Mensch einen Weg finden kann, dort, wo er ist, ganz er selbst zu sein.
Was hast du durch dieses Buch über Queernes erforscht, was du in deinen früheren Büchern noch nicht thematisiert hattest? In meinen ersten beiden Romanen ging es um Queerness und Klasse, aber immer aus einer urbanen Perspektive. Hier geht es darum, was Queerness bedeutet, wenn man ohnehin schon isoliert ist, an einem sehr abgelegenen Ort lebt und eng an das Land gebunden ist. Als Crofter kann man nicht einfach fortgehen und sich irgendwo einen anderen Job suchen. Das Land, die Geschichte, die Familie – darin liegen die eigenen Wurzeln. Und das verändert alles.
Für mich ging es dabei um die Frage, zu wem man als Mensch gehört. Es geht darum, aufzubrechen, sich selbst zu finden und seinen eigenen Platz in der Welt zu beanspruchen. Aber wenn man Teil einer Crofter-Familie ist, in der die Fürsorge von Generation zu Generation weitergegeben wird, trägt man Verantwortung für die eigenen Leute. Man kümmert sich um sie und bewahrt das Land für diejenigen, die nach einem kommen.
Fast könnte man sagen, dass man gar nicht das Recht hat, einfach nur man selbst zu sein. Man ist ein Glied in einer Kette, die sich über Generationen erstreckt. Also habe ich mich gefragt: Was bedeutet es für einen queeren Menschen, diese Kette zu durchbrechen? So viele von uns tun das in ihrem eigenen Leben – sei es, indem sie sich von den Erwartungen ihrer Eltern lösen oder von der Vorstellung, wie ihr Leben auszusehen hat. Aber was ist, wenn man den Hof, den Croft, das Haus überhaupt nicht will?
„Man ist ein Glied in einer Kette, die sich über Generationen erstreckt. Was bedeutet es für einen queeren Menschen, diese Kette zu durchbrechen?“
Cal bringt dieses Gefüge durcheinander. Denn er will dieses Leben nicht nur für sich selbst nicht. Durch seine Ablehnung führt er auch seiner Großmutter und seinem Vater vor Augen, dass sie es womöglich selbst nie wirklich gewollt haben. Vielleicht hätten auch sie ein ganz anderes Leben geführt, wenn sie nicht das Gefühl gehabt hätten, all das für ihre Kinder und Enkel bewahren zu müssen.
Der Aufenthalt auf den Inseln hat deshalb meine Perspektive verändert. Ich habe dort etwas über die Bindungen zwischen Familie, Geschichte, Land und Landschaft verstanden. Als Stadtmensch hatte ich mir darüber nie Gedanken machen müssen.
Hinzu kommt, dass ich früh Waise wurde. Ich hatte keine Eltern mehr, keine Großeltern. Mit 16 war ich auf mich allein gestellt. Ich gehörte nur mir selbst. Bei aller Einsamkeit und Angst, die damit verbunden waren, wurde mir dadurch auch eine Form von Freiheit aufgezwungen. Ich wurde auf eine Weise frei, die ich mir selbst nicht unbedingt ausgesucht hätte.
Mein Leben lang habe ich meinen heterosexuellen Freund*innen dabei zugesehen, wie sie all diese Stationen durchliefen, die vermeintlich zu einem menschlichen Leben gehören: Verlobung, Hochzeit, Kinder. Und ich stand daneben, einfach als schwuler Mann, während sich für mich scheinbar nichts veränderte.
Inzwischen sind viele von ihnen in einer neuen Lebensphase angekommen, in der es um Fürsorge geht. Diejenigen, die es nach London, New York oder Paris geschafft haben, fragen sich plötzlich: Mein Gott, muss ich jetzt wieder nach Hause und mich um meine Eltern kümmern, weil sie älter und gebrechlicher werden? Als schwuler Mann habe ich das mit großer Faszination beobachtet. Daraus ist dieses Buch entstanden. Darum geht es: um die queere Erfahrung auf dem Land.
Queere Communitys sehen sich erneut mit Feindseligkeit und Gewalt konfrontiert. Glaubst du, dass queere Literatur weiterhin eine Rolle dabei spielt, Solidarität zu schaffen und Vorurteile infrage zu stellen? Mir wird oft gesagt: „Warum schreibst du nicht über Queer Joy? Warum schreibst du nicht einfach über das Feiern?“ Aber ich glaube, dass ich als Autor eine Verantwortung habe, auch über Dunkelheit und Unterdrückung zu schreiben. Denn: Das alles ist gar nicht so weit weg.
„Als Autor habe ich eine Verantwortung, auch über Dunkelheit und Unterdrückung zu schreiben.“
Ich glaube, wir könnten sehr schnell wieder in solche Zeiten zurückfallen. Und ich glaube, dass es große Teile der Welt gibt, die genau das gerne sehen würden. Deshalb empfinde ich eine enorme Verantwortung. Diese Dinge sind zu meinen eigenen Lebzeiten geschehen – und ich bin noch nicht so alt.
Damals wurde über vieles geschwiegen. Und heute habe ich manchmal das Gefühl, dass es auch innerhalb der queeren Community den Wunsch gibt, darüber nicht mehr zu sprechen, weil man sich auf das Feiern konzentrieren möchte, auf das Glück, auf die Freude. Aber die Wahrheit ist: Wir müssen wachsam bleiben. Deshalb empfinde ich es beinahe als meine Verantwortung als Autor, auch darüber zu schreiben.
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