Interview mit Lutz van Dijk

Vom Rand Westberlins in die weite Welt

5. Juni 2026 Kevin Clarke
Bild: Privat
Der Buchautor Lutz van Dijk

Der Pädagoge und Schriftsteller Lutz van Dijk hat sich in seinem publizistischen Werk immer wieder mit den Themen NS-Zeit sowie Homosexualität befasst und dafür zahlreiche Preise erhalten. 2024 veröffentlichte er mit „Irgendwann die weite Welt“ den ersten Teil seiner Memoiren. Nun ist mit „Die weite Welt“ der zweite Teil erschienen. Im Juni liest er zweimal öffentlich in Berlin aus seinem Buch

Du hast gerade Band 2 deiner Autobiografie veröffentlicht. Warum ist es dir wichtig, nach so vielen Sachbüchern deine eigene Lebensgeschichte so gänzlich unsachlich zu erzählen? Mein Leben ist in vieler Hinsicht ungewöhnlich verlaufen – ich war in verschiedenen Ländern und auf unterschiedlichen Kontinenten zu Hause. Nach meinem Aufwachsen in Westberlin (darüber handelt Band 1) lebte ich ab 18 in New York, später in Hamburg, Jerusalem, Amsterdam und heute, mit 70, in Kapstadt. Diese Städte bilden in chronologischer Reihenfolge die Hauptkapitel des zweiten Bandes. Ich hoffe damit anderen Menschen in einer Zeit, die in vieler Hinsicht von Enge und Konflikten geprägt ist, Mut zu machen: dass jeder Mensch ein Recht auf einen Ort hat, wo er*sie akzeptiert ist.

„Als zunehmend junge Menschen in Westberlin Freiheit suchten und eine erste Schwulen- und Lesbenbewegung entstand, war ich schon weit weg“

Welche Rolle spielt Berlin dabei? Berlin ist der Ort meiner Geburt, genauer: der Stadtrand von Westberlin im eher unbedeutenden Stadtteil Lankwitz. Dort lebten wir nicht weit von der Mauer in einer hässlichen Neubausiedlung und gleich gegenüber von einer Flüchtlingssiedlung. Es gab dort nichts Schwules oder gar Queeres. Es war eine sprachlose Zeit. Selbst als ich mich mit 15 zum ersten Mal in eine schwule Kneipe in der Schöneberger Motzstraße wagte – eine Art Weltreise mit dem Fahrrad –, fühlte ich mich fremd und dachte angesichts der verklemmten Atmosphäre dort, vielleicht doch nicht „so“ zu sein.

Noch vorm Abitur brach ich auf, mit einem One-Way-Ticket nach New York und einer erschlichenen Studentenarbeitserlaubnis. Als zunehmend junge Menschen in Westberlin Freiheit suchten und eine erste Schwulen- und Lesbenbewegung entstand, war ich schon weit weg. Meine Rückkehr nach vielen Monaten scheiterte, weil meine Eltern mit meinem Coming-out überfordert waren. So zog ich nach Hamburg, wo ich zwar niemanden kannte, es aber einen großen Hafen gab. Berlin habe ich später immer wieder besucht. Aber ein Zuhause wurde die Stadt für mich nicht mehr.

Was heißt eigentlich „autobiografischer Roman“? Wie unterscheidet sich dieses Format bei dir von einer Autobiografie? Die im Englischen „autobiographic novel“ genannte Literaturform gibt mir die Freiheit, auch über Menschen zu schreiben, die ich aus unterschiedlichen Gründen nicht um ihre Zustimmung bitten konnte. Deshalb ändere ich zuweilen Namen und Orte, um sie zu schützen – und kann dennoch das Wesentliche einer Begegnung beschreiben.

Wenn du nun in „die weite Welt“ schaust, mit 70 Jahren: Was sind für dich die wichtigsten Veränderungen in der LGBTIQ*-Szene, die dich besonders freuen? Sehr erfreulich finde ich mindestens drei Entwicklungen: Zum einen, dass nach Jahrhunderten der Verfolgung – mit dem schrecklichen Höhepunkt der NS-Zeit – die Geschichte queerer Menschen zunehmend begriffen und als Motor für weiterhin notwendiges Engagement für Menschenrechte verstanden wird. Ein Beispiel dafür war die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2023. Ebenso wichtig ist, dass wir auch heute die Augen nicht verschließen vor schlimmster Diskriminierung bis hin zu Todesstrafen in islamisch wie christlich-fundamentalistisch geprägten Ländern. Die wichtige Arbeit von Organisationen wie Queer Amnesty verdient noch weit mehr Aufmerksamkeit und praktische Unterstützung. Und nicht zuletzt freue ich mich über die menschlich wertvolle Vielfalt sexueller Identitäten, wie sie sich bereits in den Begriffen der LGBTIQ*-Bewegung ausdrückt. Das ist human und wahrhaftig.

Als du in die Welt aufgebrochen bist, war von „Queers“ noch keine Rede, sondern im Wesentlichen von Schwulen und Lesben. Wie erlebst du die „Erweiterung“ der Szene und die Diskussion um Identitäten – auch vor dem Hintergrund dessen, was du historisch beschreibst? Glaubst du, dass deine Geschichte als „alter weißer cis Mann“ für junge Queers interessant oder relevant ist? Mein konkretes Erleben, zum Beispiel bei Lesungen an Schulen, an denen es inzwischen oft queere Jugendgruppen gibt, ist ein ganz anderes: Viele junge Menschen empfinden die Begegnung mit jemandem, der deutlich älter ist und in anderen Kulturkreisen gelebt hat, als Bereicherung. Sie fragen genau nach und suchen das Gespräch – und ich versuche, so ehrlich und konkret wie möglich zu antworten. Solche intergenerationellen und interkulturellen Dialoge gibt es, denke ich, viel zu selten. Stereotype helfen dabei kaum weiter. Das schließt jedoch eine grundsätzliche Kritik an machohaftem und/oder kolonialem Verhalten keineswegs aus – im Gegenteil. Diese Kritik teile auch ich, unabhängig von Hautfarbe oder Alter.

Du hast viel über jüdisches Leben geschrieben. Wie beurteilst du die teils radikale Ablehnung von „Juden“ durch einige eher linke queere Aktivist*innen im Zusammenhang mit dem Palästina-Konflikt? Ist das eine Entwicklung in der Szene, die du kommentieren möchtest? Ich habe nicht nur viel über das Judentum und meine Zeit als Journalist in Jerusalem geschrieben, sondern war auch einige Jahre Mitarbeiter der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam. Außerdem habe ich enge jüdische Freund*innen in verschiedenen Ländern. Einige von ihnen haben damals auch unsere Petition für die Gedenkstunde im Bundestag 2023 unterschrieben, und die Holocaust-Überlebende Rozette Kats sprach als Erste in jener Gedenkstunde.

Ich erwähne das so ausführlich, weil ich nach wie vor jede generalisierende Verurteilung von Menschen – nach welchen Kriterien auch immer – konsequent ablehne. Antisemitismus ist ebenso schlimm wie Islamfeindlichkeit.

„Benjamin Netanyahu ist für mich ebenso ein Kriegsverbrecher wie Donald Trump“

Das bedeutet allerdings nicht, dass die derzeitige rechtspopulistische Regierung Israels, die der Zivilbevölkerung in Gaza und im Westjordanland nicht erst seit Oktober 2023 unerträglich großes Unrecht zufügt, nicht aufs Schärfste zu verurteilen wäre. Benjamin Netanyahu ist für mich ebenso ein Kriegsverbrecher wie Donald Trump – auch wenn bislang nur wenige europäische Regierungen, etwa Spanien oder inzwischen auch die Niederlande, den Mut haben, hier Klartext zu sprechen. Frieden kann nur auf der Grundlage gegenseitiger Achtung entstehen. Und es gibt Menschen auf beiden Seiten dieses Konflikts, die endlich stärker gehört werden sollten.

Hast du einen Tipp fürs Älterwerden? Einsamkeit beginnt nicht erst im Alter. Schon in jüngeren Jahren sind generationenübergreifende Freundschaften wertvoll und können auch in Zeiten von Krankheit oder im Alter tragen. Ich hatte immer enge Freundschaften, mit jüngeren wie älteren Menschen, und berichte davon in „Die weite Welt“. Außerdem finde ich Wohnprojekte für ältere LGBTIQ* da am besten, wo sie nicht neue Ghettos produzieren, sondern nahe an Szenevierteln liegen und wo es Gemeinschaftsveranstaltungen gibt, die von Neugierde aufeinander geprägt sind – nicht von Mitleid.

Bild: Querverlag Berlin
Das Buch „Die weite Welt“ von Lutz van Dijk

Lesungen in Berlin:
10.06., 20:30, Eisenherz
01.07., 19:00, Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Straße der Pariser Kommune 8A

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