Autobiografie von Nora Eckert

Ein Leben als trans Frau in Berlin: „Selbstsicherheit ist wichtig“

19. März 2021 Kaey
Bild: Hassan Taheri
Nora Eckert

Anfang der 70er-Jahre kam Nora Eckert aus Bayern nach Westberlin. Sie arbeitete lange Zeit im legendären Club Chez Romy Haag – hier begann sie auch ihre Transition. Dann kehrte sie dem Nachtleben den Rücken, arbeitete über drei Jahrzehnte als Büroangestellte und wurde nebenbei zu einer erfolgreichen Opernkritikerin. Sie verfasste mehrere Fachbücher, die mittlerweile als Standardwerke gelten. In diesem bürgerlich geprägten Umfeld gab sie sich jedoch nicht als trans Frau zu erkennen. Jetzt erschien ihre Autobiografie „Wie alle, nur anders. Ein transsexuelles Leben in Berlin“. Im SIEGESSÄULE-Interview verrät Nora, warum sie sich mit 65 dazu entschied, ihre Identität öffentlich zu machen

Nora, was gab den Impuls, jetzt deine Biografie zu schreiben? Mir ging es um mein Outing als trans Frau. 35 Jahre hatte ich in einem stinknormalen Beruf gearbeitet und war nicht geoutet. Irgendwann ist mir aufgegangen, dass dieses anonyme Leben im Grunde ein Verstecken ist und ich wollte mein trans* sein sichtbar machen. Mit Blick auf die Rente und den letzten Lebensabschnitt wollte ich diese Zäsur nutzen und ein neues Leben beginnen. Außerdem wurde mir klar, dass ich mit 65 auch etwas zu erzählen habe.

Im Buch berichtest du darüber, wie du dich auf der Abschiedsfeier in deiner Firma vor allen Anwesenden geoutet hast und durchweg positive Reaktionen erlebt hast. Jetzt ist das Buch seit etwa drei Wochen draußen. Wie war die Resonanz bisher? Ganz erfreulich. Alles, was mich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis erreicht, ist sehr positiv. Auch in den Medien gab es jetzt schon einige Interviews. Ich würde mir wünschen, dass 2021 durch die Veröffentlichung des Buches zu meinem Jahr wird. Leider ist es ja wegen der Pandemie relativ schwierig, Veranstaltungen wie Lesungen umzusetzen. Trotzdem bin ich gespannt, was noch alles kommt.

„Irgendwann habe ich dann entschieden: jetzt bist du 24 Stunden am Tag Frau.“

Bevor du deinen bürgerlichen Beruf begonnen hast, warst du im Berliner Nachtleben unterwegs. Du hast im Club Chez Romy Haag an der Kasse und Garderobe gearbeitet und währenddessen mit deiner Transition begonnen. Im Buch beschreibst du, dass es damals kein Problem war, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen und zum Beispiel U-Bahn zu fahren. Heute gibt es immer wieder Berichte über homophobe und transphobe Gewalt. Was, denkst du, ist der Unterschied zu heute? Das wurde ich mittlerweile schon einige Male gefragt und im Grunde habe ich darauf keine Antwort. Am Anfang meiner Transition war mein Passing noch nicht überzeugend. Klar kam vielleicht mal ein blöder Spruch, aber es waren immer Lappalien. Irgendwann habe ich dann entschieden: jetzt bist du 24 Stunden am Tag Frau. Da war es für mich klar, dass ich den Leuten in die Augen schaue und kommunikativ offen bleibe. Selbstsicherheit ist wichtig. Ich habe gemerkt, je selbstsicherer man in Alltagssituationen auftritt, desto einfacher wird es. Auch den anderen trans Frauen aus meinem Freundeskreis ging es so. Wir haben wirklich keine nennenswerten Diskriminierungen erlebt.

Du schreibst natürlich im Buch auch über Romy Haag. Hast du noch Kontakt zu ihr und was, denkst du, wird sie dazu sagen? Ich hatte den Kontakt zu ihr gesucht und auch wieder gefunden. Vor zwei Jahren haben wir uns zum Essen getroffen und über die alten Zeiten geplaudert. Sie hatte als Überraschung für mich noch zwei andere Bekannte von damals eingeladen. Ob sie das Buch gelesen hat und was sie davon hält, weiß ich nicht. Aber ich schreibe ja auch nichts Böses über sie.

Bild: Nora Eckert
„Mein absolutes Ideal wäre, dass es überhaupt kein Sondergesetz mehr gibt.“

In Deutschland gilt noch immer das Transsexuellengesetz aus dem Jahr 1981. Dieses besagt, dass man eine Namensänderung und Personenstandsänderung nur machen kann, wenn man zwei psychologische Gutachten vorweist. In deinem Buch beschreibst du, wie schwierig es sein kann, diese Gutachten zu bekommen. Die trans* Community kämpft schon lange dafür, dass das Gesetz aufgrund solcher Voraussetzungen reformiert oder ganz abgeschafft wird. Was ist deiner Meinung nach die bessere Lösung? Ich habe lange Zeit gedacht, dass man das bestehende TSG durch ein Neues ersetzen könnte. Ein Gesetz, bei dem Selbstbestimmung an allererster Stelle steht und die Hürden so niedrig wie nur denkbar sind. Momentan gibt es ja einen Referentenentwurf, der kürzlich veröffentlicht wurde. Doch auch dieser erfüllt meine Hoffnung auf Selbstbestimmung nicht und fordert beispielsweise eine bescheinigte ,Beratung` vor dem Namenswechsel. Mein absolutes Ideal wäre mittlerweile, dass es überhaupt kein Sondergesetz mehr gibt. Denn ein Sondergesetz bedeutet für mich immer Sonderstatus. Ich möchte aber für mich als trans* Mensch in Anspruch nehmen, was unser Grundgesetz mitteilt. Und das ist Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Das heißt, kein Sondergesetz, sondern alle uns betreffenden Dinge sollten in bestehende Gesetze eingearbeitet werden. Wir haben ja schon ein Namensänderungsgesetz, ein Personenstandsgesetz, Familien- und Eherecht. Alles, was zu regeln ist, kann in diese Gesetze eingearbeitet werden. Das wäre für mich das richtige Ankommen in der Gesellschaft.

„In den späten 70er-Jahren war Trans* noch lange nicht im Spiel.“
Bild: Nora Eckert

Du bist seit einiger Zeit Vorstandsmitglied im Verein TransInterQueer (TrIQ) e. V. Du bist also seit deinem Outing wieder in der trans* Community aktiv. Wie erlebst du diese Situation? Ich bin noch in der Lernphase. In den späten 70er-Jahren, als ich meine Transition begonnen habe, begannen die Schwulen und Lesben, sich zu organisieren. Trans* war da noch lange nicht im Spiel. Wir kannten uns untereinander und waren auf privater Ebene vernetzt. Wir waren Individualistinnen, die keinen Drang hatten sich politisch zu organisieren. In den 35 Jahren in meinem bürgerlichem Job habe ich die Entwicklungen in der trans* Community aus den Augen verloren. Jetzt gibt es ja eine viel größere Vernetzung und Präsenz. Trans Männer hatte ich zum Beispiel damals persönlich nicht gekannt. Deshalb finde ich die unterschiedlichen Lebensentwürfe spannend. Ich habe mich mittlerweile viel mit jungen trans* Personen unterhalten und lerne, wie gesagt, sehr viel Neues dazu.

Seit 2019 moderierst du das Talk-Format „TransInterQueer Salon“, im grünen Salon der Berliner Volksbühne. Wie kam es dazu? Im Jahr 2019 haben wir uns bei TrIQ überlegt was der Verein in Zukunft für neue Projekte durchführen soll. Ich hatte dann den Vorschlag für den Salon. TrIQ ist nicht unbekannt in der Community, doch mir war es wichtig, nicht nur was für die Community zu machen, sondern auch die Mehrheitsgesellschaft zu erreichen. Dazu war es wichtig, einen Raum zu finden, der sich nicht auf die queere Szene beschränkt. Die Volksbühne fand die Idee super. Im Salon unterhalte ich mich mit unterschiedlichen queeren, trans* und inter* Menschen über ihr Leben und Wirken. Seit Herbst gibt es die Veranstaltung wegen Corona im Livestream. Der Vorteil daran ist, dass sie im Archiv auf der Webseite bleibt und man sich die unterschiedlichen Ausgaben anschauen kann, wann man möchte.

Bild: Nora Eckert

nora-eckert.de

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