Interview

„Dracula“: Felix Heller über queere Musicalperspektiven

28. Apr. 2026 Kevin Clarke
Bild: Michael Ernst/Marco Krämer-Eis
Felix Heller spielt im Musical „Dracula“ den Dr. Jack Seward

Am 1. Mai startet in Berlin das Musical „Dracula“ von Frank Wildhorn – 2001 in San Diego uraufgeführt. In einer der Hauptrollen ist Felix Heller zu erleben, Star aus dem SchwuZ-Musical „Flush“ und aus der „Operette für zwei schwule Tenöre“. Er spielt neben Publikumsliebling Jan Ammann – und bringt einen besonderen queeren Touch in die Tourproduktion, bei der Alex Balga Regie führt

Felix, du spielst in „Dracula“ mit, das im Mai nach Berlin kommt. Das darf man nicht verwechseln mit „Tanz der Vampire“. Worum geht es im Stück – und was ist daran für ein LGBTIQ*-Publikum interessant? Im weitesten Sinne – mit kleinen Abweichungen zum Roman von Bram Stoker – hat Wildhorn den originalen Dracula-Mythos vermusicalt. Dracula, ein rumänischer Vampirgraf, sieht in der Verlobten seines Londoner Maklers die Reinkarnation seiner großen Liebe und setzt nun alles daran, sie für sich zu gewinnen. Da ist erstaunlich wenig Raum für queere Momente. Wenn ich allerdings als Cover den Grafen spiele, der auf der Bühne auch Männer beißt, dann nehme ich mir genüsslich Raum, um seine homoerotische Gier auszukosten.

Ansonsten gibt es einen Moment in der Show, den ich mir als Darsteller als Grund auserkoren habe, warum ich dieses Stück spielen will: es singt der gesamte Cast „Eh du verloren bist, in der Gefahr der Nacht, zünde ein Feuer an, hell wie die Sterne / und aus dem Schattenreich hebt sich ein Lichtermeer, derer die aufrecht steh‘n / deutlich und klar siehst du den Weg aus Not und Gefahr.“ Dieses urmenschliche, und ja, leicht pathetische Hoffnungsgefühl kann ich nicht oft genug versuchen zu übertragen. Und wenn dann die Zuschauenden noch ihre Handylichter zücken, da bleibt kein Auge trocken.

Du spielst ansonsten als A-Besetzung Dr. Jack Seward. Wie würdest du die Rolle charakterisieren? Dr. Jack bietet an einigen Stellen sehr komödiantisches Potenzial, das gibt es im Stück recht selten, da natürlich die dramatische Liebesgeschichte im Mittelpunkt der Handlung steht. Ansonsten schätze ich die charakterlichen Eigenschaften von Dr. Jack Sward: Er ist loyal, wissbegieriger Schüler seines Professoren Van Helsing, er tut sich nicht schwer Fehler einzugestehen, und er glaubt ganz felsenfest an das Gute im Menschen. Ansonsten ist es für mich natürlich spannend, den Grafen zu covern, als die Hauptrolle. Das ist vor allem sängerisch eine wahnsinnige Herausforderung. Die Kombination ist für mich, glaube ich, das spannende an diesem Engagement.

Bild: Nico Moser
Szenenbild aus dem Musical „Dracula“
„Und dann werden diese übernatürlichen Monster, mit denen man irgendwie immer mitfühlen kann, aufgrund ihrer Lust gejagt und ermordet."

Haben Queers zu Vampiren eine besondere Beziehung? Das ist eine gar nicht so leichte Frage. Ich bin groß geworden mit „Tanz der Vampire“, „Interview mit einem Vampir“ und „Twilight“ – und in meiner Wahrnehmung, waren das immer stark idealisierte Wesen. Unfassbar attraktiv, schwer melancholisch, mit einer unstillbaren Lust, die dazu führt, dass sie an einer sehr sensiblen Stelle beißen und auf diese Art und Weise besitz von ihrem Gegenüber ergreifen. Und dann werden diese übernatürlichen Monster, mit denen man irgendwie immer mitfühlen kann, aufgrund ihrer Lust gejagt und ermordet. Ich kam mir gut vorstellen, dass diese Geschichten sehr viele Queers erreichen – ich persönlich werde Brad Pitt als Vampir nie vergessen …

Viele kennen dich aus der Uraufführung von „Operette für zwei schwule Tenöre“ ebenso wie aus dem Club-Musical „Flush“. Wie schwierig ist es, in der deutschen Musicalszene offen schwul zu sein und vielleicht auch offen schwule Rollen zu ergattern? Tatsächlich habe ich im Musicaltheater schon viele sehr positive Erfahrungen machen dürfen. Ich erlebe viele queere Kolleg*innen auf und hinter der Bühne, die es oft schaffen, die Shows im Saal wie auf der Bühne zu einem Safer Space zu machen. Ich freue mich immer sehr, wenn ich queeres Leben auf der Bühne repräsentieren darf, vor allem, wenn es nicht nur „der lustige Freund“ oder „der arme Leidende“ ist. Wofür man ab und zu kämpfen muss ist, dass man auch weiterhin für heteronormative Charaktere gecasted wird. Mit zwei Kollegen führte ich einmal das Gespräch, sie sind beide offen schwul, warum sie noch nicht den gleichen Rang in der Musicalszene erreicht haben wie zum Beispiel Jan Ammann, unserem Haupt-Dracula in Berlin. Und die Conclusio war die Meinung, dass für ein eindeutig eher weibliches Musicalpublikum bei einem Star wie Jan natürlich die 0,00000001-Prozent-Chance auf ein Date besteht. Wenn dem so ist, dann hoffe ich sehr, dass der Hype um „Heated Rivalry“ dazu führt, dass die Darstellung auf der Bühne mehr in den Fokus rückt als das Privatleben der Schauspieler*innen.

Wie beurteilst du die Versuche von Peter Plate und Ulf Leo Sommer, am Theater des Westens queere Geschichten mit ihren für Berlin konzipierten Großmusicals zu erzählen? Also an aller erster Stelle feiere ich sehr, dass Ulf und Peter die Courage haben, solche Stoffe überhaupt in dieser Größe auf die Bühne zu bringen. Sie haben eine sehr spezielle, sehr poppige Handschrift, die viele Menschen erreicht, und wenn ihre Musik der Schlüssel für das Publikum ist, sich von queeren Geschichten auf der Bühne bewegen zu lassen, dann finde ich das großartig. Dann haben wir mit „Wir sind am Leben“ das erst deutsche groß produzierte Musical, das weder auf einem Film, einem Buch, einer historischen Figur oder auf „der Musik von XYZ“ basiert. Allein diese Kraft und Zuversicht, gehört mit Erfolg belohnt - und dem Theater des Westens haben sie definitiv neues Leben eingehaucht. Es bleibt jetzt spannend zu erleben, wie die Stadt ihr neues Musical aufnimmt. Bei „Wir sind am Leben“ gibt es auf jeden Fall Rollen, die ich gern spielen würde. Und ansonsten bin ich sehr offen für Stoffe und Shows. Ich würde gern einmal, so wie Christoph Marti von den Pfisters, eine Frauenrolle spielen, eine Dolly Levy oder eine Norma Desmond. Aber wir haben so viele unfassbar gute weiblich gelesene Darsteller*innen, dass es mir vollkommen ausreicht, deren Kunst auf der Bühne zu genießen.

Demnächst kehrst du ins BKA zurück mit deiner „Piep“-Show. Ist das dein Ausgleich zum weitgehend heteronormativen Musical-Geschäft hierzulade? Meine „Piep Show“ im geliebten BKA ist definitiv ein Ausgleich zum Leben als Musicaldarsteller. Vor allem aber gibt mir das Theater die Möglichkeit, begleitet von drei wunderbaren Musiker*innen, genau die Geschichten zu erzählen, die mir am Herzen liegen. Und, wer redet nicht gern übers Vögeln, oh, Verzeihung … über Vögel natürlich. Ich sage immer, es wird einen Abend geben von Vögeln, mit Vögeln, übers Vögeln. Wir spielen bekannte Songs in wunderschönen Arrangements für Klavier, Cello und Holzbläser – darauf freue ich mich auch schon so irre, weil diese Instrumentalist*innen einfach so toll sind. Und der einzigartige Regisseur Marco Krämer-Eis passt auf, dass ich mich nicht verzettele und der Abend rund wird.

Als „Flush“-Star: Wie findest du es, dass das SchwuZ im Mai einen Neustart im Metropol wagen wird? Heißt das, „Flush“ könnte an dem neuen Ort zurückkehren Das waren Nachrichten, die mich wirklich irre gefreut haben. Auch, dass der Vorverkauf so euphorisch von statten ging. Aber zum jetzigen Zeitpunkt heißt es da zu allen Fragen „Daumen drücken“, dass sie eine bleibende Location finden, dass sie weiterhin etabliert bleiben und eine noch breitere queere Menschenmasse ansprechen. Und wenn das gesichert ist, dann wären wir bestimmt die letzten, die nicht zurückkehren würden!

„Operetten zu spielen ist für mich so aufregend, weil in diesen älteren Stoffen die Queerness ein bisschen versteckter ist, wir diese heutzutage aber so richtig verrückt und direkt auskosten können.“

Und natürlich muss ich als Operettenfetischist fragen: Wird’s nochmal irgendwo eine Neuproduktion des Kram/Ludewig-Stücks geben – mit dir und Ricardo Frenzel Baudisch? Ach Kevin, dass wäre das Schönste für mich. Johannes und Flo haben da wirklich eine Perle erschaffen, die Ricardo und ich zum Leben erwecken durften. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich weitere Häuser für den Stoff interessieren. Vielleicht ist es dann aber auch gut, wenn ganz neue Kreative den Stoff auf die Bühne bringen. Ich hoffe ein wenig, auf eine geputzte Fassung des Originals im BKA zum einen Jubiläum. Ähnlich wie mit „Frau Luna" im Tipi. Diese Produktion und dieser Charakter haben mich menschlich wie künstlerisch stark herausgefordert und geprägt und deswegen wird mir der „Jan“ immer sehr nah sein.

Und Operetten zu spielen ist für mich deshalb so aufregend, weil in diesen älteren Stoffen die Queerness ein bisschen versteckter ist, wir diese heutzutage aber so richtig verrückt und direkt auskosten können. Da bin ich schon gespannt, was für Stücke noch Revivals erleben werden und ob ich vielleicht erneut ein Teil einer Produktion sein darf. Aber ein Revival der „Schwulen Operette“, vielleicht sogar mit großer Orchesterbesetzung, manifestiere ich heute und hier!

„Dracula – Das Musical“
Regie: Alex Balga , mit Jan Ammann, Lisa Habermann, Felix Heller, Nico Went u.a.
01.05.-07.06
BlueMax Theater
showslot.com/dracula

„Piep Show“
Regie: Marco Krämer-Eis, mit Felix Heller
17.-20.6., 20:00
BKA-Theater
bka-theater.de

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