Mahnwache für verstorbene trans Person

Feuer und Wasser

17. Sept. 2021 Jayrôme C. Robinet

Am 14. September zündete sich auf dem Alexanderplatz eine trans Frau of Color selbst an und verstarb kurze Zeit später an den Folgen. Zu den genauen Hintergründen ist im Moment noch nichts bekannt. Am Sonntag soll eine Mahnwache am Alexanderplatz stattfinden. Diesen Vorfall möchten wir zum Anlass nehmen, um über die Belastungen für trans* Personen allgemein zu sprechen. Eine Reflexion von Spoken-Word-Künstler und Autor Jayrôme C. Robinet

Wie kann es sein, dass ein Mensch verbrennt? Löscht das Wasser nicht das Feuer? Unser Körper besteht zum größten Teil aus Wasser, zu ungefähr 70 Prozent. Es gibt viele Studien und Publikationen über die Diskriminierung von trans* Personen im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, im Sport, auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt, im Familien- und Eherecht, in den Gemeinschaftsunterkünften. Wirkt sich das etwa auf die Wasserstruktur unseres Leibes aus?

Der Forscher Masaru Emoto ließ Wasser mit Worten „bereden“ – „Danke“ / „Du bist verrückt“ / „Ich bring Dich um“ / „Liebe und Dankbarkeit“. Auch ließ er Wasser mit Musik beschallen. So hörte eine Flasche Beethovens Pastorale, ein helles und fröhliches Stück. Eine andere bekam Mozart, die Symphonie Nr. 40 in G-Moll – eine andere lauschte Bach, Elvis Presley oder Heavy Metal. Stundenlang standen die Flaschen jeweils zwischen zwei Boxen. Dann ließ Emoto das Wasser einfrieren, und er fotografierte die Wasserkristalle, die sich gebildet hatten. Je nach Lied und je nach Worten, die sie gehört hatten, sahen die Eiskristalle ganz anders aus. Bei „Liebe und Dankbarkeit“ war der Kristall völlig offen wie eine blühende Blume, als würde das Wasser seine Arme weit öffnen, um seine Freude auszudrücken. Bei Chopins Abschiedslied wurde die Grundform des Kristalls in kleine, fast perfekt voneinander getrennte Stücke gebrochen. Bei Heavy Metal sah die regelmäßige sechseckige Struktur so aus, als wäre sie von einem Rasenmäher überfahren worden.

Eine einfache Erklärung gibt es für einen Suizid selten. Trans* Personen führen ein komplexes Leben. Öffentliche Selbstverbrennungen sind aber meistens politisch motiviert. Die Dichterin Semra Ertan verbrannte sich 1982 in Hamburg aus Protest gegen den Rassismus in Deutschland.

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, um diesen Schritt zu gehen. In den Sozialen Medien wurde die Selbstverbrennung in Berlin zum Teil als rücksichtslos beanstandet. Denn andere Menschen haben die brennbare Flüssigkeit gerochen, die Flammen gespürt, Schreie gehört, mussten mit ansehen, wie ein Mensch vor ihnen verbrennt. Ja, das Leid und die Schmerzen anderer hinterlassen Spuren in uns. Umgekehrt heißt es: die staatliche Gewalt gegen trans* Personen, die strukturelle Gewalt, die zwischenmenschliche Gewalt, die mediale Gewalt, die rassistische Gewalt, die intersektional verstärkte Gewalt – kerben sich in die Gesamtgesellschaft ein. Konnexionen und Querverbindungen sind kontinuierlich. Besonders schutzbedürftige Personen müssen besonders geschützt werden. Und der nächste Bundestag muss das Selbstbestimmungsgesetz für trans- und intergeschlechtliche Menschen verabschieden. Wir bestehen aus Wasser, können aber verbrennen. Wir brauchen das Wasser der anderen. Schutz und Solidarität bieten die Möglichkeit einer gerechteren und glücklicheren Welt für uns alle.

Mahnwache am Alexanderplatz

In Gedenken an die trans Frau, die sich am 14. September selbst anzündete und kurze Zeit später an den Folgen verstarb, soll am Sonntag um 15 Uhr am Alexanderplatz vor der Galeria Kaufhof eine Trauermahnwache stattfinden. Organisiert wird sie von Transrefugees.

Mahnwache, 19.09., 15:00, Alexanderplatz

Bild: Ali Ghandtschi
Jayrôme C. Robinet

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