Gedenktag am 27. Januar

Bundestag: Gedenken an queere NS-Opfer

12. Jan. 2023 Muri Darida, as
Bild: A. Scholz
Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus am U-Bahnhof Nollendorfplatz

Am 27. Januar wird erstmals in einer Gedenkstunde im Bundestag der queeren Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Ein später Erfolg, für den der Historiker Lutz van Dijk viele Jahre gekämpft hat

Seit fast 30 Jahren ist der 27. Januar in Deutschland ein Gedenktag. An diesem Tag wurde 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Neben jüdischen Menschen, politischen Oppositionellen, Rom*nja, behinderten Personen und vielen anderen wurden auch LGBTIQ* von den Nazis verfolgt. 2018 initiierte der Historiker Lutz van Dijk mit weiteren Unterstützer*innen die Petition „Aufruf zum Erinnern an sexuelle Minderheiten am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus”. Dieses Jahr sollen sie zum ersten Mal nicht nur erwähnt, sondern es soll ihrer auch gesondert gedacht werden.

Lutz van Dijk wurde 1955 in Westberlin geboren. „Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, als der Paragraf 175 in seiner verschärften Fassung aus der NS-Zeit noch in Kraft war”, sagt er. „Es gab damals keine Sprache für nicht normative Sexualität. Das Einzige, was ich als Junge über einen Onkel erfuhr, der ,so‘ war, wie es damals hieß, war, dass er sich aufgehängt hatte.” Der Paragraf 175, der schwule Sexualität kriminalisierte, wurde erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch entfernt.

Der Kampf um die Anerkennung von Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität von den Nazis verfolgt wurden, dauerte Jahrzehnte. Immer wieder lehnte das Bundestagspräsidium die von van Dijk initiierte Petition ab. Eine Begründung war, dass lieber aller Opfergruppen gleichzeitig gedacht werden sollte. „Wir können jedoch besser voneinander lernen, wenn wir genaue Details der Verfolgung der verschiedenen Opfergruppen kennen und achten, statt einfach nur Gruppen aufzuzählen”, erklärt van Dijk.

Selbstbezeichnungen statt Nazidefinitionen nutzen

Das Problem ist auch, dass einige Politiker*innen oder Historiker*innen annehmen, dass nur wer damals strafrechtlich verfolgt wurde, heute als Opfer anerkannt werden könne – also etwa homosexuelle Männer nach dem Paragraf 175. „Das heißt, die Definition der Opfergruppen richtet sich oft immer noch nach dem, was im NS-Staat im Strafgesetzbuch stand”, kritisiert van Dijk. Er plädiert dafür, mit den Selbstbezeichnungen der Leidtragenden zu arbeiten, anstatt allein auf die Definitionen der Nazis zurückzugreifen.

Aber genau das ist bei bestimmten Opfergruppen schwierig: So gab es etwa kaum korrekte Begrifflichkeiten für trans* Personen, die von den Nazis als „Transvestiten” oder auch schlicht als Schwule kategorisiert wurden. Hinzu kommt, dass einige lesbische Frauen von den Nazis unter der Kategorie „Asoziale“ geführt wurden, womit de facto aber auch ihr Lesbischsein gemeint war. Und selbstverständlich gab es unter den Verfolgten und Ermordeten auch viele Personen, welche die Nazis aufgrund mehrerer Kriterien als „nicht lebenswert“ erachteten – also zum Beispiel behindert und queer, Rom*nja und trans* oder jüdisch und kommunistisch.

Programm der Gedenkstunde

„Ein Signal der Gedenkstunde ist auch, dass wir uns gegenseitig stärken und ermutigen können”, sagt van Dijk. „Ich bin dankbar, dass auch unsere Petition mit dazu geführt hat, dass Bundestagspräsidentin Bas und ihr Präsidium es sich zu ihrem Anliegen gemacht haben, auf der höchsten staatlichen Ebene Deutschlands dieses Unrecht anzuerkennen.”

So sei es bedeutsam, dass von Bundestagspräsidentin Bas die niederländische Holocaustüberlebende Rozette Kats eingeladen wurde, die zu Beginn davon spricht, was ihr das Erinnern an sexuelle und geschlechtliche Minderheiten bedeutet. Im weiteren Verlauf der Gedenkstunde wird die nationalsozialistische Verfolgung sexueller Minderheiten anhand zweier Lebensgeschichten vorgestellt.

Der Schauspieler Jannik Schümann wird einen Text über Karl Gorath (1912-2003) lesen. Gorath wurde im nationalsozialistischen Deutschland nach §175 verurteilt. Er verbrachte mehrere Jahre im Zuchthaus und wurde in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Nach seiner Befreiung wurde er 1946 in  Bremen von demselben Richter verurteilt, der ihn bereits 1938 bestraft hatte. Die Schauspielerin Maren Kroymann wird über Mary Pünjer (1904-1942) sprechen. Sie entstammte einer jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie und wurde als verheiratete Frau unter dem Vorwand der „Asozialität“ als „Lesbierin“ verhaftet. In der als Gasmordanstalt genutzten „Landes-Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg (Saale) wurde sie im Frühjahr 1942 ermordet.

Ebenfalls dabei: Klaus Schirdewahn, der 1964 nach dem §175 verhaftet wurde. Musikalisch begleitet wird die Gedenkstunde von der Sängerin Georgette Dee und dem Pianisten Tobias Bartholmeß.

Die Gedenkstunde wird am 27. Januar um 10 Uhr live im ZDF und bei phoenix übertragen. Sie ist auch im Internet auf bundestag.de mit deutscher, englischer und russischer Tonspur zu sehen. Auf bundestag.de/gebaerdensprache findet darüber hinaus eine Übertragung mit Gebärdensprachdolmetschung statt.

Podiumsdiskussion im SchwuZ

Zwei Tage vor dem offiziellen Gedenktag, am 25. Januar, findet im SchwuZ in der Rollbergstraße 26 um 18:00 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Gedenken der queeren Opfer des Nationalsozialismus statt. Sprechen werden die Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, Andrea Genest, Lutz van Dijk und der Medizinhistoriker Rainer Herrn.

Die Veranstaltung wird vom Helle Panke e. V., der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, dem Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, dem August-Bebel-Institut und dem Zentrum für Antisemitismusforschung in Kooperation mit dem SchwuZ ausgerichtet.

Die queeren Opfer der NS-Zeit – ein schwieriges Gedenken?, 25.01., 18:00, SchwuZ

Im Anschluss an die Veranstaltung besteht um 20:30 die Möglichkeit, den Dokumentarfilm „Nelly & Nadine“ von Magnus Gertten zu sehen, veranstaltet vom Katte e. V. u. a.

Stilles Gedenken am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, mit Kranzniederlegung, 27.01., 12:00, Ebertstraße

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