Paragraf 175

Gottesdienst für rehabilitierten schwulen Pfarrer

31. Aug. 2020 as, fs
Bild: Wiki Commons/Jcornelius CC BY-SA 3.0 CC BY-SA 3.0 Quelle
Berlin, Prenzlauer Berg, Immanuelkirche an der Prenzlauer Allee © Jcornelius / Wiki Commons

Zum ersten Mal wird ein in der Nazi-Zeit verurteilter und aus dem Kirchendienst entlassener Pfarrer von der evangelischen Kirche offiziell rehabilitiert. In Berlin findet am Montag ein Gedenkgottesdienst zu seinen Ehren statt

Es ist ein weiterer, wichtiger Durchbruch zur Anerkennung der Opfer des Unrechtsparagrafen 175, der in Deutschland sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte: Zum ersten Mal wird ein von der NS-Justiz nach diesem Paragrafen verurteilter Pfarrer von der evangelischen Kirche offiziell rehabilitiert.

Dabei handelt es sich um Pfarrer Friedrich Klein: 1942 erhielt er wegen „widernatürlicher Unzucht“ drei Jahre Gefängnis und wurde aus dem Kirchendienst „entfernt“. 1944 wurde ihm die Möglichkeit der „Bewährung im Fronteinsatz“ angeboten, die er annahm. Nur wenige Tage nach seiner Verlegung an die Front in der Nähe des damaligen Leningrad starb er unter nicht bekannten Umständen.

„Unser Anspruch ist, dass die Kirche sich dem stellt und mal genauer in ihre Archive guckt. Da muss jetzt deutlich mehr passieren.“

Mit der Aufarbeitung des Falls will der Kirchenrat der Immanuel-Gemeinde eine größere Debatte anstoßen. Das langfristige Ziel: alle wegen ihrer sexuellen Orientierung aus dem Kirchendienst Entlassenen sollen rehabilitiert werden.

„Die Forderung unserer Gemeinde ist, dass diesem Thema jetzt mehr Aufmerksamkeit geschenkt und nachgeforscht wird, welche anderen Fälle es gegeben hat“, erklärt Mathias Brüggmann vom Kirchenrat gegenüber SIEGESSÄULE. Kleins Fall sei ein „Zufallsfund“ gewesen. „Auch ob es noch Überlebende gibt, die das betrifft, weiß derzeit niemand. Unser Anspruch ist, dass die Kirche sich dem stellt und mal genauer in ihre Archive guckt. Da muss jetzt deutlich mehr passieren.“

Gedenken in der Immanuelkirche

Am 1. September wird es in Berlin einen Gottesdienst zu Ehren des Pfarrers geben: ab 19:30 in der Immanuelkirche, mit dem Berliner Landesbischof Christian Stäblein.

Wie Uta Motschmann, Vorsitzende des Gemeindekirchenrats, in einer Pressemitteilung erklärt, sei es angesichts aktueller homophober und rassistischer Ressentiments dringend erforderlich, dass „unsere Kirche ein unmissverständliches und klares Zeichen setzt“.

Langsame Aufarbeitung

Ein Zeichen, das jedoch, wie so vieles rund um den §175, viel zu spät erfolgt: Der Paragraf wurde erst 1994 vom Bundestag gänzlich gestrichen, 2002 wurden die Verurteilungen, die in der Zeit des Nationalsozialismus erfolgten, für nichtig erklärt. Es dauerte bis 2017, bis auch die Urteile nach 1945 aufgehoben und Entschädigungen für die noch lebenden Opfer beschlossen wurden.

Im September will das Verteidigungsministerium nun endlich ein Gesetz zur Rehabilitierung von Soldat*innen vorlegen, die wegen ihrer Homosexualität bei der Bundeswehr diskriminiert wurden. Das betrifft auch truppendienstgerichtliche Urteile auf Basis des §175.

Gottesdienst zum Gedenken an Pfarrer Friedrich Klein, 01.09., 19:00, Immanuelkirche Berlin

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#EvangelischeKirche#§175#Rehabilitierung