Kino

Highlights des queerfilmfestival 2021

30. Aug. 2021 Anja Kümmel
Bild: Salzgeber
Szene aus "Boy Meets Boy"

Unter dem Motto „Jede*r hat ein Recht auf Liebe!“ zeigt der Salzgeber-Filmverleih im Berliner Delphi Lux vom 01. bis 05. September queere Kinoperlen

Wer im letzten Jahr coronabedingt weitgehend aufs Reisen verzichten musste, kann sich beim diesjährigen „queerfilmfestival“ gemütlich vom Kinosessel aus einmal rund um den Globus tragen lassen: Von einem sowjetischen Luftwaffenstützpunkt mitten im Kalten Krieg an eine australische Highschool der Jetztzeit, von Argentinien über Barcelona bis zur griechischen Küste, von einem verschlafenen Südtiroler Bergdorf bis in die brodelnden Clubs von New York und Berlin.

In diesem Jahr vorrangig Filme mit schwulen Charakteren

In puncto Gender und Sexualität ist das Programm der dritten Ausgabe des Festivals weniger divers als im letzten Jahr: Elf Filme von insgesamt 15 thematisieren schwule Liebes- und Selbstfindungsgeschichten. Es mag der Zufall des Jahrgangs sein: Das Festival präsentiert vor allem deutsche Erstaufführungen, darunter die queere Crème de la Crème aus Cannes, San Francisco, Rotterdam, London und von der „Berlinale“.

Eine Indie-Perle ist etwa die hinreißende Berlin-Hommage „Boy meets Boy“, in der sich zwei Jungs auf der Tanzfläche eines Technoclubs kennenlernen und dann die nächsten 15 Stunden miteinander abhängen, bis einer von ihnen zurück nach Großbritannien muss. Eine Liebeserklärung ans sommerliche Berlin, die flirrend-leicht daherkommt und gegen Ende dann doch noch ernste Töne anschlägt.

Dramatischer und düsterer geht es in „Young Hunter“ zu, dem mittlerweile sechsten Spielfilm des argentinischen Regisseurs Marco Berger. Wie schon in seinem zweiten Langfilm „Ausente“, der 2011 den Teddy-Award gewann, wagt er sich mit seinem jüngsten Werk erneut auf kontroverses Terrain: das sexuelle Erwachen Pubertierender und die moralischen Ambivalenzen der Verführung. Während der 15-jährige Ezequiel einen Monat lang sturmfreie Bude in seinem Elternhaus genießt, kommt er dem attraktiven Skater Mono näher. Als der seine Avancen erwidert, scheint Ezequiel am Ziel seiner Wünsche angelangt und merkt lange nicht, dass Mono ein doppeltes Spiel spielt. „Young Hunter“ ist nicht nur eine so präzise wie sinnliche Studie über schwules Begehren und komplexe Männlichkeitsrituale, sondern fesselt auch als Thriller mit unterkühlter Bildsprache und einem schön-schaurigen Soundtrack.

Dass unter den „besten queeren Filmen des Jahres“ nur drei mit lesbischen Inhalten zu finden sind, ist schade – die allerdings haben es in sich. Eine echte Entdeckung ist „Borderline“, der Debütfilm der italienischen Regisseurin Anna Alfieri, in dem sie schonungslos autofiktional und zugleich voller Poesie und Leidenschaft vom Scheitern ihrer ersten Beziehung erzählt, konsequent von ihrem Ende her: Das Zerbrechen der Liebe setzt eine Spirale der Erinnerungen, Sehnsüchte und Träume in Gang, in der Vergangenheit, Gegenwart und die Fantasiewelten der Protagonistin zu einem rauschhaften Kaleidoskop verschmelzen.

Konventioneller erzählt, aber ähnlich emotional aufgeladen und bildstark ist das berührende Biopic „Tove“ über die finnland-schwedische Autorin und Künstlerin Tove Jansson, international bekannt geworden als Erfinderin der knuffigen Trollwesen „Mumins“. In den prüden 1950er-Jahren lebte Jansson die freie Liebe mit Männern und Frauen gleichermaßen, wobei insbesondere zwei Frauen in ihrem Leben Bedeutung erlangten: der „schöne Drachen“ Vivica Bandler, mit der sie einige Jahre lang eine stürmische On-and-Off-Affäre pflegte, sowie ihre spätere Lebensgefährtin Tuulikki Pietilä. Ein ehrliches, brüchiges Porträt, das keine geradlinige Erfolgsgeschichte erzählen will und seine Hauptfiguren auch nicht in glatte Hollywood-Schönheiten verwandelt.

Queerer Filmklassiker

Das Thema Trans* – 2020 mit immerhin vier starken Titeln vertreten – bildet diesmal nur in einem Film den Schwerpunkt. Dieser allerdings ist ein absolutes Highlight, auf das Monika-Treut-Fans schon lange gewartet haben dürften: In „Genderation“ sucht Treut über zwanzig Jahre später einige der Protagonist*innen ihres queeren Filmklassikers „Gendernauts“ (1999) auf – wir dürfen uns also auf ein Wiedersehen mit Susan Stryker, Max Wolf Valerio, Annie Sprinkle und anderen freuen. Es geht aber nicht nur darum, was aus den Pionier*innen der Trans*-Bewegung geworden ist, sondern auch um die zunehmende Kommerzialisierung der Queermetropole San Francisco und den rechtskonservativen Backlash in den USA, mit denen die Aktivist*innen zu kämpfen haben.

Diese und weitere queere Highlights des letzten Jahres sind vom 1. bis 5. September in Berlin und zehn anderen deutschen Städten zu sehen – live und vor Ort in ausgewählten Kinos.

queerfilmfestival, 01.–05.09., Delphi Lux

queerfilmfestival.net

yorck.de

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