Let‘s talk about … Cruising & Consent
In vielen Debatten um „Consent Culture“ scheint oft nur ein Ansatz als richtig zu gelten: Explizite Kommunikation über sexuelle Wünsche und Grenzen. Doch gerade schwule Cruising-Kultur lebt von nonverbalen Codes und Risiko. Wie passt das zusammen? SIEGESSÄULE-Autor Jeff Mannes reflektiert unterschiedliche Umgangsweisen mit Konsens und (Selbst-)Verantwortung beim Cruising
Vor ein paar Jahren war ich im Jaxx in der Motzstraße: Sexkino. Cruising-Gänge. Offene Kabinen. Dieses typische Halbdunkel, in dem man mehr ahnt als sieht – und genau das irgendwie geil findet. Ich lief also durch die Gänge, scannte Körper, Gesichter, Vibes. Cruising halt.
Dann eine offene Kabine. Drinnen ein großer, beefy Typ, wirklich hot. Leider war er nicht allein: Ein anderer Typ hing ihm gerade am Schwanz. Ich wollte schon weitergehen, dieses kurze innere „Schade, falscher Moment“. Doch dann stand der Beefy plötzlich auf, ließ den Bläser zurück und kam mir entgegen. Ich hatte kurz Mitleid mit dem Typen, der jetzt allein in der Kabine saß – Cruising ist manchmal gnadenlos. Aber mein Mitleid hielt exakt so lange, bis der Beefy mich küsste. Yay.
Er zog mich in eine andere Kabine, legte mich auf die Bank, Hose runter, Arsch frei. Er fing an, mich zu rimmen. Gut. Sehr gut sogar. Klassische Cruising-Choreografie: kein großes Reden, alles nonverbal, Körper kommunizieren, man tastet sich vor. Ich war dabei, ich war horny, ich war einverstanden.
Und dann spürte ich plötzlich etwas in meinem Arsch. Zuerst dachte ich: Okay, Zunge. Aber nein. Das war keine Zunge. Dafür war es zu … luftig. Und dann wurde mir klar, was da gerade passierte: Er blies mir den Arsch auf. Nicht metaphorisch. Ganz real, mit Luft. Mein Arsch wurde aufgepumpt wie ein Luftballon. Was für ein Fetisch war denn das?
„Mein erster Gedanke war überraschend offen: Könnte das vielleicht … interessant sein? Ich war neugierig und experimentierfreudig. Aber dann stellte sich heraus: Nein, ist es nicht.“
Mein erster Gedanke war überraschend offen: Hm, unerwartet. Könnte das vielleicht … interessant sein? Ich war neugierig und experimentierfreudig. Aber dann stellte sich heraus: Nein, ist es nicht. Es fühlte sich nicht nach geiler Grenzerfahrung an, sondern nach sehr, sehr unangenehmen Blähungen. Diese Art Druck, bei der der Körper ganz klar sagt: Bitte nicht.
Ich stand auf, ließ ihn zurück – jetzt war ich der Cruising-Typ, der einfach geht – und rannte aufs Klo. Dort furzte ich und furzte und furzte. Der Tag war gelaufen. Die Horniness war weg. Komplett. Ich zog mich an, verließ das Jaxx und lief 20 Minuten nach Hause. Und furzte dabei weiter. Als ich zuhause ankam, furzte ich immer noch. Selten hat mich ein sexuelles Erlebnis nachher so stark begleitet.
„Konsens ist ein Prozess“
Diese Geschichte ist keine über einen Übergriff. Nach den ungeschriebenen Regeln schwuler Cruising-Spaces hat dieser Mann nichts „falsch“ gemacht. Ich gab Konsens zum Küssen, zum Rimmen. Er fing vorsichtig an, ich wirkte interessiert. Es gab kein klares Nein. Ich ließ ihn bewusst weitermachen. In diesem System des schwulen Cruisings funktioniert Konsens nonverbal: Blickkontakt, Nähe, vorsichtiges Anfassen, Abwarten von Reaktionen. Wenn niemand stoppt, geht es weiter.
Und genau hier wird es interessant: Konsens ist kein Zustand. Konsens ist ein Prozess. Und Prozesse können holpern. Besonders dann, wenn Horniness schneller ist als Körperwahrnehmung. Ich habe erst gemerkt, dass ich etwas nicht mag, als es schon zu spät war. Nicht, weil ich übergangen wurde, sondern weil mein Körper langsamer war als meine Neugier.
In anderen sexpositiven Räumen wird Konsens ganz anders ausgehandelt. In vielen Kink- oder Fetisch-Kontexten wird geredet. Da fragt man: „Ist das okay?“, „Magst du das?“, „Wie weit darf ich gehen?“ Das hat Vorteile – Klarheit, Sicherheit – aber auch Nachteile: Es kann den Flow unterbrechen, Lust rationalisieren, Momente kaputtdenken.
Cruising-Kultur ist ein anderes Modell. Sie lebt von Codes, von Andeutung, von Risiko. Von der Möglichkeit, dass etwas passiert, ohne, dass es ausgesprochen wird. Das ist ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche.
Luft nach oben
Die ARD-Dokumentation „#MeToo – unter Schwulen?“ hat gezeigt, dass es in schwulen Räumen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Grenzüberschreitungen gibt. Die Doku wurde letztes Jahr stark und kontrovers in den Kommentarspalten diskutiert. Mein aufgeblasener Arsch gehört nicht in dieselbe Kategorie wie das, was dort thematisiert wird. Und trotzdem bewegt sich alles im selben Spannungsfeld: Wo beginnt Konsens? Wann endet er? Und wie merken wir das eigentlich und wie kommunizieren wir darüber?
„Vielleicht reicht es schon, offener über Konsens zu sprechen, auch über Konsens in Cruising-Räumen. Unsere Lustkulturen funktionieren oft, sind aber nicht immer fehlerfrei.“
Es geht nicht darum, Cruising-Spaces umzuerziehen oder mit Regeln zu überfrachten. Schwule Cruising-Orte haben eine lange Historie und waren in der Vergangenheit manchmal die einzigen Orte, in denen schwule, bisexuelle und queere Männer ihre Sexualität leben können. Auch in meiner schwulen Sozialisation – als junger Mann, der in einer ländlichen Region aufgewachsen ist – sind diese Orte wichtig gewesen. Aber wie immer, wenn Menschen zusammenkommen, kann es auch mal messy werden.
Vielleicht reicht es deswegen schon, offener über Konsens zu sprechen, auch über Konsens in Cruising-Räumen. Unsere Lustkulturen funktionieren oft, sind aber nicht immer fehlerfrei. Neugier kann manchmal Körperwarnungen übertönen – und es ist okay, das erst im Nachhinein zu erkennen.
Ich habe aus dieser Nacht gelernt, dass mein Körper manchmal klüger ist als mein Kopf und, dass ich ihm schneller zuhören sollte. Ich habe gelernt, dass Konsens auch Selbstwahrnehmung braucht. Nicht nur das Lesen der anderen, sondern auch das Lesen von sich selbst. Und ich habe gelernt, dass ich im Zweifel lieber früher gehe. Bevor ich noch 20 Minuten durch Berlin laufe und dabei furzend über Konsens nachdenke.
Luft nach oben gibt es jedenfalls immer. Auch (oder gerade) in unseren Lustkulturen.
Jeff Mannes ist Soziologe, Geschlechterwissenschaftler, Sexualpädagoge und bietet in Berlin Stadtführungen zu Sexualgeschichte, Clubkultur sowie queerer Geschichte an.
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