Bewegungsmelder

Schweigen brechen: Schwule und sexualisierte Gewalt

7. Mai 2021 Dirk Ludigs
Bild: Marcus Witte
Dirk Ludigs

Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt ist für schwule Männer oft noch ein Tabu. Das zeigen auch die Reaktionen auf den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch eines Berliner Arztes an mehreren Patienten. Dirk Ludigs fordert die schwule Community auf, dem Thema nicht länger aus dem Weg zu gehen

Die schwule Welt hat ein grundlegendes Problem mit sexualisierter Gewalt.

Ich finde, den Satz kann man ruhig mal so hinschreiben und auf sich wirken lassen.

Und dann einen zweiten gleich hinterher: Die schwule Welt geht ihrem Problem mit sexualisierter Gewalt konsequent aus dem Weg. Und zwar nicht erst, seit ein in der schwulen Welt namhafter „Arzt ohne Namen“ in Moabit vor Gericht steht, weil ihn fünf Patient*innen angezeigt haben. Sie werfen ihm vor, er habe sie während der Behandlung missbraucht.

Vor Prozessbeginn schilderte die Anwältin einer der Kläger*innen, ihr Mandant werde seit über fünf Jahre so oft der Lüge beschuldigt, mittlerweile glaube er, sexueller Missbrauch zwischen Männern werde einfach nicht so ernstgenommen.

Ganz ehrlich: Man muss nicht selbst Opfer sexualisierter Gewalt unter Schwulen gewesen sein, um zum gleichen Schluss zu kommen. Es reicht völlig, 40 Jahre in der schwulen Welt gelebt zu haben.

Deshalb ist es auch sicher kein Zufall, dass es eine Journalistin war, die den Fall des Arztes 2019 in einem Mainstream-Medium publik machte. Und es ist auch meines Erachtens kein Zufall, dass es dem Beschuldigten gelang, den sorgsam recherchierten Artikel für zwei Jahre vom Netz nehmen zu lassen. Gewalt gegen Schwule hat eben grundsätzlich keinen hohen Stellenwert. Erst seit Prozessbeginn steht der Artikel wieder online.

Unter Schwulen normal?

Die Reaktionen in meinem Umfeld auf den Artikel hinterließen mich damals, wie soll ich sagen – sprachlos. Ansonsten flutet jeder schwule Fliegenschiss meine Timeline, doch dieser Artikel war offensichtlich eine Art digitale Büchse der Pandora. Fast niemand in meiner schwulen Welt wollte ihn öffentlich teilen.

Dafür brummte es hinter den Kulissen umso lauter. Ein Bekannter erzählte von angeblichen Zungenküssen zum Abschied beim #arztohnenamen. Und was er gemacht habe, fragte ein anderer Bekannter. „Nichts“, erwiderte der, „ich dachte, sowas ist doch unter uns Schwulen normal.“

Unter uns Schwulen ist vieles normal. Eine Darkroom-Kultur zum Beispiel, die das ungefragte Zulangen an die Geschlechtsteile zu einem Akt degradiert hat, der dem Griff ins Obstregal entspricht, um herauszufinden, ob die Avocado reif ist. Persönlichkeitsrechte sind an der Garderobe abzugeben.

Normal ist auch eine Online-Dating-Kultur, die kein Problem damit hat, Alte, Dicke, Dünne, Schwarze, Asiaten, Inder, Tunten, Feminine, Transmänner, kurz: wen und was auch immer öffentlich auszuschließen, als gehe es um den Erwerb eines Gebrauchtwagens.

Normal ist auch eine SM-Kultur, die kein Problem damit hat, den Missbrauch in Internaten und Heimen, die Schinderei in Boot Camps, die Sklaverei auf den Plantagen, ja: selbst die Verbrechen des Holocaust unhinterfragt als Blaupause für den eigenen Lustgewinn zu nutzen. Natürlich lohnt bei diesem Thema hin und wieder ein differenzierterer Blick: SM geht von Einvernehmen aus, spielt mit Fantasien, kann womöglich sogar dazu dienen, Traumata zu überwinden.

Und natürlich höre ich auch den empörten Widerspruch schwuler Männer, wenn ich Kritik an ihrer Sex-Kultur übe. Das sei eben Begehren, dafür könne man nix, das habe doch mit der Realität nix zu tun. Womöglich ist das so. Womöglich aber auch nicht. Und dann?

Wir werden es nicht herausfinden, wenn wir nicht anfangen, darüber zu reden.

Ein Exotenthema im schwulen Diskurs

Zweimal habe ich in meinem Leben von ihren schwulen Partnern zusammengeschlagene Männer aus ihren zusammengeschlagenen Wohnungen geholt. Es gibt Frauenhäuser, gibt es Schwule-Männer-Häuser?

Das schwule Anti-Gewaltprojekt Maneo hat in einem Dossier zur häuslichen Gewalt in schwulen Beziehungen deutlich auf das Spannungsfeld zwischen klassischen Rollenvorstellungen über Stärke, Dominanz und „hegemonialer Männlichkeit“, mit denen die Tabuisierung von Gewalt einhergeht, und dem gleichzeitig erlebten Diskriminierungsstress hingewiesen. Das Thema bleibt im öffentlichen schwulen Diskurs bestenfalls ein Exotenthema, schlimmstenfalls und bei den meisten schwulen Männern bis heute ein Tabu.

Genauso wie es der mutmaßliche Missbrauch durch den „Arzt ohne Namen“ war. Was mich am meisten verstörte, als die Story 2019 erstmals öffentlich wurde: Wie viele offensichtlich in Berlins schwuler Welt davon wussten. Nicht nur einzelne Personen, ganze Institutionen, die nun eilfertig erklärten, man habe ja schon vor soundso viel Jahren die Zusammenarbeit eingestellt.

Das erinnert auf absurde Art und Weise an den Umgang der katholischen Kirche mit sexueller Gewalt in ihren Reihen: Wir regeln das unter uns. Keine Polizei, keine Justiz, keine peinlichen Fragen, kein Hinterfragen der Strukturen.

Aber wahrscheinlich ist der Vergleich zwischen der Katholischen Kirche und der Schwulen Welt auch nur auf den ersten Blick absurd.

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