Kontroverse um Ralf Dose: Queeres Archivzentrum vor dem Aus?
Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft soll ihren Trägerstatus verlieren und die Fördergelder in Höhe von rund 30.000 Euro jährlich sollen eingestellt werden. Grund dafür ist die pädoaktivistische Haltung der Gesellschaft. Das gemeinsam geplante queere Archivzentrum mit dem FFBIZ und dem Spinnboden Lesbenarchiv steht nun vor Schwierigkeiten
Die Planungen für das Archivzentrum für lesbisch-queere, feministische und sexualwissenschaftliche Geschichte auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln stehen vor dem Aus. Initiiert wurde das Vorhaben vom Feministischen Archiv FFBIZ, der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (MHG) sowie dem Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek. Der Initiative, die vor rund zwei Jahren mit viel Optimismus aus der Taufe gehoben wurde (SIEGESSÄULE berichtete), wird die pädoaktivistische Haltung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft zum Verhängnis. Wie SIEGESSÄULE aus Senatskreisen erfuhr, wird daher auch die bisherige Förderung der MHG in Höhe von jährlich rund 30.000 Euro mit sofortiger Wirkung eingestellt.
Verstrickungen in pädoaktivistische Kreise
Im Mittelpunkt der Kontroverse steht der ehemalige Geschäftsführer der MHG, Ralf Dose. Sein Engagement in der Arbeitsgemeinschaft humane Sexualität (ahs) und deren Verstrickungen in pädoaktivistische Kreise seit Anfang der 1980er Jahre führte 2025 zu seinem Rücktritt. Anfang dieses Jahres trat er schließlich aus der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft aus. Ungeachtet dessen sieht der Berliner Senat keinen Willen zur Aufarbeitung der gemachten Vorwürfe. Im Gegenteil: Mitglieder der MHG betonen gegenüber SIEGESSÄULE, Ralf Dose zöge weiterhin im Hintergrund „die Strippen“.
In einer E-Mail an die Mitglieder, die SIEGESSÄULE vorliegt, schreibt Ralf Dose nach der Mitgliederversammlung vergangene Woche: „[…] für vielen freundlichen Worte, die Ihr über meine Arbeit für die MHG gesagt habt, danke ich Euch herzlich. Es ist gut zu wissen, dass wir für die weitere Arbeit so einen starken Rückhalt bei den Mitgliedern haben.“ Im weiteren Verlauf der Mail deutet Dose „einen Neuanfang“ an, bei dem er offenbar wieder eine Rolle spielen wird.
Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung wurde darüber hinaus bekannt, dass das Land Berlin der MHG angekündigt habe, ihr den Trägerstatus abzuerkennen. Dies geht mit dem Verlust ihrer Förderfähigkeit einher.
„Die aktuellen Entwicklungen innerhalb der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft markieren einen neuen Tiefpunkt.“
Auf Anfrage bestätigte der Queerbeauftragte des Berliner Senats, Alfonso Pantisano, SIEGESSÄULE gegenüber einen Vertrauensverlust in die MHG: „Die aktuellen Entwicklungen innerhalb der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft markieren einen neuen Tiefpunkt in der seit über einem Jahr andauernden Auseinandersetzung um ihre historische und politische Verantwortung auf die pro-pädoaktivistischen Verstrickungen der Gesellschaft.“
Nach der Mitgliederversammlung zeigt er sich fassungslos. Wer im Jahr 2026 noch darüber diskutiere, ob solche Positionen historisch „einzuordnen“ seien, verkenne die Verantwortung gegenüber Betroffenen und gegenüber der gesamten Gesellschaft. Zuwendungen seien unter diesen Voraussetzungen nicht im Interesse des Landes Berlin und würden daher gestoppt. Es entstehe der Eindruck, dass notwendige Aufklärung vermieden werden solle, indem man sich öffentlicher Verantwortung entziehe, so Pantisano weiter.
Fehlende Aufarbeitung von Sexualisierter Gewalt
Zwei Mitglieder des Vorstandes waren kurz nach der Mitgliederversammlung zurückgetreten beziehungsweise aus der MHG ausgetreten. Das ehemalige Vorstandsmitglied Michael Taylor schrieb in einem offenen Brief dazu: „Auf der Mitgliederversammlung musste ich feststellen, dass die Mitglieder Auffassungen zu sexualisierter Gewalt sowie zu den Folgen der Diskurse vertreten, die diese Gewalt legitimiert haben und zum Teil noch immer legitimieren. Ebenso betrifft das die Aufarbeitung der offensichtlichen Verbindungen in der Vergangenheit zwischen Mitgliedern der MHG und der pro-pädosexuellen Bewegung.“ Betroffene würden nicht gehört, sexualisierte Gewalt vertuscht oder bewusst ignoriert, so Taylor weiter.
Alfonso Pantisano sieht die MHG auch in einer historischen Verantwortung: Magnus Hirschfeld habe sich immer klar gegen pädosexuelle Neigungen positioniert.
Alfonso Pantisano sieht die MHG auch in einer historischen Verantwortung: Magnus Hirschfeld habe sich immer klar gegen pädosexuelle Neigungen positioniert. Sein Name dürfe nicht länger in einem Kontext stehen, der diesem Erbe widerspreche. Nicht zuletzt habe der Schutz der queeren Community für ihn oberste Priorität. „Dazu gehört auch, sie klar von Ideologien und Diskursen abzugrenzen, die sexualisierte Gewalt relativieren oder legitimieren.“ Für die beiden Partnerarchive FFBIZ und Spinnboden dürfte das kein Trost sein. Denn ob sich die neuen Räumlichkeiten unter diesen Voraussetzungen trotzdem noch realisieren lassen, ist inzwischen mehr als zweifelhaft.
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