Bühne

Lesbisches Regiepaar: „Wir müssen mehr queere Geschichten erzählen“

25. Jan. 2021 Eckhard Weber
Bild: Adrian Campean
Marina Prados (li.) und Paula Knüpling (re.)

Das Regieduo Marina Prados und Paula Knüpling lebt und arbeitet zusammen. Am 28. Januar startet online ihr Stück „Family of the Year“ über queere Lebensentwürfe. Wir trafen die beiden zum Gespräch

Richtig romantisch. Eine Theaterliebe, praktisch auf den ersten Blick. Das sind die Anfänge des Regieduos cmd+c, Marina Prados und Paula Knüpling. Beide sind Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Autorinnen und Stückeentwicklerinnen. Kennengelernt haben sie sich 2016 an der Volksbühne bei einem Austauschprojekt für junge Schauspieler*innen. Paula, damals bei P14 engagiert, schwärmt: „Wir haben uns kennengelernt, verliebt und sind ganz schnell ein Paar geworden.“ Marina zog nach Berlin, zwei Jahre später haben sie cmd+c gegründet.

Gegen die Heteronorm

Davor fühlten sich beide fremdbestimmt in ihrem kreativen Prozess. „Wir wollten nicht mehr Teil des Geschichtenerzählens einer heteronormativen Idee sein“, betont Paula. Zudem hätten sie genug davon gehabt, wie der weibliche Körper dargestellt werde. Ein flüchtiger Blick auf das Gros heutiger Produktionen in Kino, TV und Schauspiel, die von hetero Männern produziert wurden, zeigt, was sie damit meinen. „Wir haben uns gesagt: Wir müssen anfangen, viel mehr queere Geschichten zu erzählen“, erklärt Marina. „Geschichten, die ich mir als junges lesbisches Mädchen zu sehen gewünscht hätte“, pflichtet ihr Paula bei.

Der Name cmd+c bezieht sich auf die CMD-Taste, die „Apfel-Taste“ der Mac-Tastatur, und die Buchstabentaste „c“, die Kombination für den Befehl „Kopieren“: Ein Hinweis auf den Einfluss des Dokumentartheaters in ihren Stückentwicklungen. Marina und Paula „kopieren“ Elemente aus der Realität ihres Umfeldes sowie ihrer Performer*innen und entwickeln sie künstlerisch weiter. Sie sind praktisch Erforscherinnen des Alltags – aus queerer Perspektive. In Dramaturgien, die mit der Medienvielfalt unserer Zeit umgehen: Bei der cmd+c-Produktion „Here“, einer Kooperation von 2018 zwischen „P14“, dem Jugendtheater der Volksbühne, und der Gruppe für junges Schauspiel „Els Malnascuts“ aus Barcelona, ging es um Parallelwelten, die sich mittels Live-Videoschaltungen gegenseitig beeinflussten. Im Jahr darauf hatte an der Schaubude Berlin das Stück „Single lives as Single wants“ Premiere: Hier ging es um gefakte Realität und Selbstinszenierung in Dating-Apps.

Raus aus der queeren Blase

In ihren Produktionen arbeiten Marina und Paula mit diversen Performer*innen, gleichzeitig ist es ihnen wichtig, nicht in einer queeren Blase zu operieren. Ausdrücklich sollen auch Heteros angesprochen werden. Dies ist die gesellschaftspolitische Dimension ihrer Theaterarbeit. Es geht ihnen darum, allgemein zugängliche queere Geschichten zu erzählen, um so Vorurteilen entgegenzuwirken. „In der queeren Szene gibt es zum Beispiel eigene Sprachcodes. Ich glaube, für Leute, die wenig mit der queeren Kultur zu tun haben, ist das schwer zugänglich“, erklärt Paula. „Ich habe kürzlich zum Beispiel ,RuPaul‘s Drag Race‘ mit meinem Vater angeschaut, der mit der Hälfte der Jargon-Ausdrücke überhaupt nichts anfangen konnte.“ Marina fügt hinzu: „Viele Theaterproduktionen, die sich mit Queerness befassen, sind zudem sehr theorielastig. Wir wollen Geschichten entwickeln, die auch Leute, die nicht Judith Butler gelesen haben, verstehen.“

„Wir wollen Geschichten entwickeln, die auch Leute, die nicht Judith Butler gelesen haben, verstehen.“

Praktisch heißt das, Queerness auf Alltagserfahrungen herunterbrechen. Bestes Beispiel: ihre aktuelle Produktion „Family of the Year“, die danach fragt, wie queere Lebensentwürfe in einem heteronormativen Umfeld gelingen und wie sich traditionelle Familienstrukturen queer öffnen können. Ursprünglich als Aufführung am Ballhaus Ost geplant, jetzt bedingt durch die Pandemie neu konzipiert als gestreamte Doku-Fiction. In „Family of the Year“ geht es um vier Generationen einer Berliner Familie. Alles scheint zeitgemäß und aufgeschlossen: Es gibt ein lesbisches Paar, gespielt von Marina und Paula, Regenbogenfamilienplanung, verständnisvolle Heteros, linksliberales Milieu, den rüstigen Urgroßvater Volker mit entspannter Weltsicht. Und doch verlässt bei einer Familienfeier die Großmutter Friedericke unerwartet die Runde, hinterlässt eine rätselhafte Nachricht und bleibt verschwunden. Als die Enkelin Anja, die das alles am meisten überrascht, Fragen stellt, zeigt sich, was Hetero-Schein und queeres Sein ist. Oder umgekehrt …

Family of the Year, 28.–30.01., 20:00, ballhausost.de

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