Lesen jenseits der Norm: Von Hirschfeld bis „Heated Rivalry"
Pünktlich zur Leipziger Buchmesse haben die Blogger Tobias Schiller und Marlon Brand („Books are gay as fuck“) mit Bianca-Maria Braunshofer eine persönliche und locker lesbare Überblicksdarstellung zu den neusten Entwicklungen im Bereich queerer Literatur verfasst
Ihr konstatiert in eurer Einleitung, dass LGBTIQ*-Literatur im Mainstream angekommen sei. Aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wo seht ihr die Grenze? Tobi Schiller: Wir beziehen uns auf eine Buchempfehlung der InStyle Men, in der es heißt, der Protagonist sei „beiläufig queer“. Diese Info wird sogar grafisch hervorgehoben. Eine klare Grenze, ab wann ein Buch „zu queer“ für den Mainstream ist, ist schwer zu definieren, da der Mainstream heute sehr individuell ist. Auffällig ist aber, dass es – mit Ausnahmen – Bücher, die sich direkter mit queerspezifischen Erfahrungen, etwa queerem Sex, Nonbinarität, Transition etc. auseinandersetzen, schwerer haben, außerhalb der Community medial wahrgenommen zu werden.
Marlon Brand: Mein Eindruck ist, dass queere Figuren für ein heterosexuelles Publikum besonders dann als „zumutbar“ gelten, wenn ihre Geschichten von Scham, Traumata oder dem Wunsch nach einem heteronormativen Leben erzählen. Nicht umsonst ist „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara so erfolgreich.
Spielt „Berlin“ in eurer Literaturgeschichte eine besondere Rolle? MB: Berlin gilt ja dank Personen wie Karl Heinrich Ulrichs und Magnus Hirschfeld als eine der Geburtsstätten von moderner queerer Identität und Kultur. Im Kontext ihrer Schriften sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele literarische Texte und auch queere Klassiker entstanden. Von diesen Texten erzählen wir selbstverständlich in „Und jetzt queer!“.
TS: Spätestens seit der Weimarer Republik spielt Berlin dann eine besondere Rolle in der queeren Literatur. Neben den genannten Namen nimmt Christopher Isherwood einen zentralen Platz ein, weil sein Buch „Leb wohl, Berlin“ und die Verfilmung „Cabaret“ die Stadt zu einem Sehnsuchtsort stilisierten, an dem queere Sexualität freier gelebt werden konnte. Selbst wenn die Realität heute eine andere ist, haftet Berlin noch immer das Phantasma des Anything Goes an.
Wo informieren sich Interessierte heute über LGBTIQ*-Neuerscheinungen? TS: Die klassische Literaturkritik verliert für viele immer mehr an Relevanz. Stattdessen bauen Lesende Vertrauensverhältnisse zu bestimmten Blogger*innen auf und tauschen sich untereinander aus. Das lässt sich auf BookTok und Instagram stark beobachten, wo sich Communitys zu bestimmten Themen gebildet haben und heftig diskutieren, auf Augenhöhe.
„Die klassische Literaturkritik verliert für viele immer mehr an Relevanz. Stattdessen bauen Lesende Vertrauensverhältnisse zu bestimmten Blogger*innen auf und tauschen sich untereinander aus.“
Ist Queer Literature inzwischen Popkultur? TS: Sicherlich ist queere Literatur immer wieder Teil der Popkultur. Die Frage ist dann aber, welche Stoffe das sind, welche Narrative erzählt werden und wer sie erzählt. Hier gibt es auch strukturell oft ein starkes Ungleichgewicht. Zudem handelt es sich primär um weiße, able bodied cis Charaktere. Da stellt sich schon die Frage, welche Perspektive auf Queerness mainstreamtauglich scheint und welche nicht.
MB: Ich würde behaupten, dass gewisse Bücher und ihre Verfilmungen Teil der Popkultur sind – wie beispielsweise „Heated Rivalry“ oder auch „Heartstopper“. Es stimmt also schon, dass vor allem schwule Figuren oder solche in einer mann-männlichen Beziehung sich als massenkompatibel erweisen. Aber auch hier darf mensch nicht vergessen, dass es vor allem der Blick von außen ist, der weiterhin fasziniert. Wir behandeln das im Buch, suchen aber vor allem „Innen“-Perspektiven.
Erwartet ihr, dass euer Buch als Lehrmaterial an Schulen und Unis eingesetzt wird? MB: Uns war es wichtig, keinen akademischen Titel zu schreiben. „Und jetzt queer!“ gäbe es nicht, ohne die zahllosen queeren Menschen, die zu queerer Literatur forschen und publizieren. Im deutschsprachigen Raum gibt es aber vergleichsweise wenig bis gar keine populärwissenschaftlichen Bücher, die eine Art Überblick geben. Die meisten Texte fokussieren sich auf schwule oder lesbische Literatur. „Die Bibliothek von Sodom: Das Buch der schwulen Bücher“ von Axel Schock und „A History of Gay Literature“ von Gregory Woods beispielsweise. Da schließen wir an und gehen lustvoll auf eigene Weise weiter.
Tobi Schiller, Marlon Brand und Bianca-Maria Braunshofer: „Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm“, Leykam, 240 Seiten, 25 Euro
Buchpremiere:
14.03., ab 19:30,
Buchladen Ocelot (Brunnenstr. 181)
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