Nachruf auf Sabine Balke Estremadoyro – Bewahrerin des Gedächtnisses
Sabine Balke Estremadoyro ist tot. Sie war bundesweit unter Archivar*innen, insbesondere in der lesbischen und queerfeministischen Szene, bekannt und geschätzt. Über 25 Jahre lang war sie als Leiterin, Geschäftsführerin und zuletzt im Vorstand eine prägende Wegweiserin für das Spinnboden-Lesbenarchiv. L-MAG-Chefredakteurin Sonya Winterberg findet anerkennende Worte zum Abschied
Sie glaubte an die Kraft der Erinnerung. Sabine Balke, die im März nach schwerer Krankheit verstarb, war weit mehr als eine Archivarin. Sie war eine Hüterin von Geschichten, von einzigartigen Dokumenten, Bildern und Stimmen, die sonst leicht verloren gegangen wären. Wer sie kannte, wusste: Für Sabine war Geschichte nie bloß Vergangenheit, sondern immer auch Gegenwart und Auftrag.
Für Sabine war Geschichte nie bloß Vergangenheit, sondern immer auch Gegenwart und Auftrag.
Neben ihrer Rolle als Geschäftsführerin des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) war sie bis 2023 auch Vorsitzende von i.d.a., dem Dachverband der deutschsprachigen Lesben- und Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Luxemburg und Italien. Über 25 Jahre gestaltete sie den Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e. V. mit, das älteste und größte Lesbenarchiv der Welt neben dem Archiv Herstory in New York.
Die Soziologin und Politologin war in dieser Zeit als Archivleitung, Geschäftsführung und zuletzt im Vorstand tätig. Ihr berufliches Wirken prägte die ihr anvertrauten Archive ebenso wie die Menschen, mit denen sie zu tun hatte. Jahrzehntelang setzte sie sich nicht nur für die Bewahrung kulturhistorischer Bestände ein und kämpfte mit Herz und Verstand dafür, dass vor allem Frauen in der Geschichtsschreibung sichtbar werden.
Sabine Balke gehörte zu jenen, die Archive öffnete, nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn: Sie glaubte daran, dass Wissen frei zugänglich sein sollte, dass Erinnerung demokratisch gedacht werden muss. Mit Akribie, Neugier und unerschütterlicher Geduld brachte sie Ordnung in das Chaos der Geschichte, ohne dessen lebendige Unruhe zu unterdrücken. Zugleich war sie eine warmherzige Kollegin, die jüngere Forschende ermutigte, eigene Wege zu gehen. Wer mit ihr arbeitete, erinnert sich an ihr Lachen, ihre scharfe Beobachtungsgabe und an die Sorgfalt, mit der sie jede Quelle, jedes Blatt Papier behandelte, als erzählte es eine Geschichte, die gehört werden wollte.
Wer mit ihr arbeitete, erinnert sich an die Sorgfalt, mit der sie jedes Blatt Papier behandelte, als erzählte es eine Geschichte, die gehört werden wollte.
Sabines Interesse an Menschen war authentisch, ihr Blick klar, ihr Humor fein. In einer Welt, die so oft im Jetzt verharrt, war sie eine, die das Vergangene lebendig hielt – und gerade damit Zukunft schuf. Sie hat uns gelehrt, hinzuschauen, festzuhalten, weiterzugeben. Ihr Wirken bleibt – in Archiven, in Erinnerungen und in den Strukturen, die sie mitaufgebaut hat.
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