Holger Klotzbach – ein Mann, viele Zelte
Am 23. Januar starb Holger Klotzbach, Gründer und Direktor der Bar jeder Vernunft und des Tipi am Kanzleramt. Mit ihm verliert Berlin eine prägende Figur der Kulturszene. SIEGESSÄULE-Autor Frank Hermann verabschiedet sich mit einem letzten Gruß vom „Grüßonkel“
Was für ein Mann! Was für ein Mensch! Mit nicht ganz 80 Jahren ist der Gründer von der Bar jeder Vernunft und des Tipi am Kanzleramt, Holger Klotzbach, eine Woche vor seinem runden Geburtstag am 23. Januar verstorben. Ein großer Verlust für die Berlins Theaterszene und den Kulturbetrieb!
Holger Klotzbach, 1946 in Duisburg geboren, war studierter Pädagoge mit Berufsverbot aufgrund des „Radikalenerlasses“. Er kommentierte das so: „Gott sei Dank, muss man heute rückblickend sagen. Man durfte ja als Radikaler nicht in den Öffentlichen Dienst.“ Gott sei Dank sagte er, denn so verlief sein Leben wohl wesentlich bunter als im Schuldienst. Das Leben führte ihn zum Zirkus: Er arbeitete zunächst als Hilfskraft, später als Pressesprecher beim Circus Busch-Roland.
Die Bar jeder Vernunft war in aller Munde
Klotzbach lernt 1975 Bernhard Paul kennen und wird Gründungsmitglied des Zirkus Roncalli. Dann macht er mit Partner*innen das Schwarze Café auf, organisiert 1979 das „Festival of Fools“ in der Hasenheide. Ein Bekannter bringt Klotzbach später mit Irene Mössinger zusammen und er gründet das legendäre Tempodrom mit. Dann geht er selbst auf die Bühne und tourt erfolgreich von 1981 bis 1988 als einer von dreien des anarchistischen Kabarett-Trios „Die 3 Tornados“.
In den 1990er-Jahren eröffnet er das Varieté Quartier, den heutigen Wintergarten. 1992 das Wagnis: Mit seinem damaligen Geschäftspartner und Lebensgefährten Lutz Deisinger eröffnet er die Bar jeder Vernunft in einem historischen Spiegelzelt. Die beiden machen nach holprigem Start das Haus zu einem Magneten für Theater-, Chanson- und Kleinkunstpublikum als auch Künstler*innen jeder Couleur.
Holger Klotzbach und Lutz Deisinger machen nach holprigem Start das Haus zu einem Magneten für Theater-, Chanson- und Kleinkunstpublikum als auch Künstler*innen jeder Couleur.
Der entscheidende Coup gelingt 1994 mit der Operetteninszenierung „Im weißen Rössl“ mit einem Allstar-Cast: Geschwister Pfister, Gerd Wameling, Meret Becker, Max Raabe, Otto Sander, Walter Schmidinger ... Damit war die Bar in aller Munde. „Die Leute kampierten schon nachts um vier mit Thermoskannen bewaffnet vor der Kasse“, freute sich Klotzbach noch Jahre später. Zehn Jahre später eröffnete das Tipi am Kanzleramt.
Beide Zelte sind nicht mehr wegzudenken aus dem hauptstädtischen Kulturleben. Georgette Dee, Maren Kroymann, Katharine Mehrling, Tim Fischer, Cora Frost, Gayle Tufts, Sven Ratzke und so viele mehr sind hier regelmäßig zu Gast. Nicht zu vergessen die Erfolgsinszenierung „Cabaret" im Tipi seit mehr als 20 Jahren.
Immer war der queere Anteil unübersehbar
So viele Künstler*innen hat Klotzbach als Impresario gefördert und entdeckt. Dabei immer klug die Balance gehalten zwischen kommerziellen Programmen als sichere Nummer – ohne Subventionen! – und den noch Unbekannten mit überraschend neuen Farben. Und immer war und ist der queere Anteil im Programm unübersehbar. Klotzbachs Ehemann Eric Schmidt-Mohan, auch als Hausdame Marlene Deluxe in Erscheinung tretend, wird mit dem Team die Zelte in Klotzbachs Sinn weiterführen.
Der selbst so benannte „Grüßonkel“ – denn Direktorenattitüde war nicht sein Ding –, wird fehlen mit seiner liebenswerten, unaufdringlichen Präsenz vor und nach den Vorstellungen, die er früher selbst kabarettistisch anmoderiert hat. In seiner unvergleichlichen Art, die fast schon Teil der Aufführung war und all seine Nachfolger*innen inspiriert und geprägt hat. Dieser Spirit wird nicht nur bei den Begrüßungen des Publikums für immer Teil der Zelte bleiben.
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