Neu im Männerschwarm Verlag

Noch immer aktuell: Hirschfelds „Berlins Drittes Geschlecht“ neu aufgelegt

12. Mai 2026 Hermine Jirkowsky
Bild: Männerschwarm Verlag / Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e. V.

Pünktlich zum Magnus-Hirschfeld-Tag am 14. Mai ist sein Klassiker „Berlins Drittes Geschlecht“ neu erschienen. Doch was sagt das Werk über das queere Leben im Kaiserreich (nicht nur) jungen Menschen heute? Die 16-jährige Schülerin Hermine Jirkowsky hat den Klassiker für die SIEGESSÄULE gelesen und eingeordnet

Natürlich fragt man sich: Wieso hat sich der Männerschwarm Verlag ausgerechnet jetzt entschieden, dieses Buch wieder aufzulegen? Historiker Dino Heicker, der die Neuausgabe betreut hat, teilt mir dazu auf Anfrage mit: „Wann, wenn nicht jetzt? Magnus Hirschfeld hat als Gründervater der ersten Schwulenbewegung doch immer Konjunktur. Eines seiner populärsten, an ein großes Publikum gerichtetes Werk neu herauszugeben, erschließt ihm hoffentlich wieder neue Leser*innen.“

„Magnus Hirschfeld hat als Gründervater der ersten Schwulenbewegung doch immer Konjunktur.“

Wer vielleicht noch eine alte Auflage aus dem Jahr 1991 im Schrank zu stehen hat (ebenfalls bei Männerschwarm erschienen), dem mag das veränderte Cover auffallen, denn was früher ein stark sexualisiertes Bild des historischen Travestiekünstlers Voo Doo war, ist heute das ursprüngliche Cover von 1904. „Die alten und oft grafisch sehr ansprechend gestalteten Titelseiten historischer Werke wieder abzudrucken, gehört in der Bibliothek Rosa Winkel einfach dazu“, sagt Heicker. Mit diesem Cover kehrt der Band gestalterisch dorthin zurück, wo er herkommt: in die Reihe der „Großstadt-Dokumente“, die einst vom Journalisten Hans Ostwald betreut wurden und sich „gesellschaftlichen Randgruppen“ widmete.

Wie war also das Leben der homosexuellen „Randgruppe“ in Berlin 1904? Homosexuelle Handlungen zwischen Männern waren nach Paragrag 175 strafbar und wurden gesellschaftlich verachtet. Genau hier setzt Hirschfeld an. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist er 36 Jahre alt, promovierter Mediziner und als Sexualwissenschaftler tätig. Er ist noch nicht die Legende, die wir heute kennen, eher unbekannt. Allerdings hatte er 1897 in Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) gegründet, die weltweit erste Organisation, die sich dafür einsetzte, sexuelle Handlungen zwischen Männern zu entkriminalisieren und Verständnis in der Mehrheitsgesellschaft zu fördern. Genau das tut er mit „Berlins Drittes Geschlecht“ auch.

„Berlins Drittes Geschlecht“ war damit eines der ersten Bücher überhaupt, das homosexuelle Menschen nicht stigmatisiert, sondern menschlich und respektvoll darstellt.

Mit dem Werk wagt er etwas, das für die damalige Zeit revolutionär ist: Er beschreibt offen und detailliert das Leben homosexueller Männer in Berlin und gibt Einblicke in ihre Treffpunkte, ihre Sprache, ihre Kultur und ihren Alltag – kurz gesagt, er macht eine unsichtbare Welt für alle sichtbar. Hirschfeld wollte zeigen, dass Homosexualität keine moralische Verfehlung oder Krankheit ist, sondern ein natürlicher Teil menschlicher Vielfalt. „Berlins Drittes Geschlecht“ war damit eines der ersten Bücher überhaupt, das homosexuelle Menschen nicht stigmatisiert, sondern menschlich und respektvoll darstellt.

Berlin meets Bridgerton

Es ist ein nahbares Buch, weil es echte Lebensszenen beschreibt – vom Jungen, der eine nicht deutbare Eifersucht spürt, wenn er seinen besten Freund mit seiner Freundin sieht, bis zum Weihnachtsessen zwischen homosexuellen Männern dieser Zeit, das wie ein frühes Community-Treffen wirkt.

Natürlich ist das historisch spannend, aber warum sollte man gerade als junger Queer über hundert Jahre später dieses Buch noch lesen? Darauf gibt es viele Antworten. Die herausstechendste mag sein, dass das Buch uns erinnert, das Queerness schon immer da war. Denn Hirschfeld redet in seinem Buch auch über Lesben und trans* Menschen. Der Fokus liegt aber bei den schwulen Männern. Und es spannt sich ein Bogen zum Heute. Nicht umsonst wird die queere Repräsentation in pseudo-historischen Serien wie „Bridgerton“ so gefeiert. Sie vermitteln dieses wichtige Gefühl: „Ich bin nicht allein, und Menschen wie mich gab es schon immer.“ Genau dieses Gefühl vermittelt auch „Berlins Drittes Geschlecht“. Es liest sich wie ein Roman, ist aber eben keine Fiktion. Man fühlt sich mit den beschriebenen Menschen verbunden und merkt das manche „Canon Events“ auch damals schon passiert sind. Ich muss gestehen: das hat mich beeindruckt.


Magnus Hirschfeld: „Berlins drittes Geschlecht“
herausgegeben von Dino Heicker,
Bibliothek rosa Winkel/Männerschwarm Verlag,
160 Seiten, 20 Euro

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