Schluss mit Wegschauen: Wie geht es obdachlosen Queers?
Bis zu 10.000 LGBTIQ*-Personen leben laut Schätzungen in Berlin ohne eigene Wohnung. Das Hilfesystem ist meist auf heterosexuelle cis Männer zugeschnitten. Viele queere Wohnungslose verbergen aus Angst vor Diskriminierung ihre Identität oder meiden Notunterkünfte. Ein Blick auf die unsichtbare Krise auf Berlins Straßen
Über Obdachlosigkeit wird in internationalen LGBTIQ*-Medien gerade viel gesprochen – wegen des Erfolgs des Romans „Fruit Fly“, der jetzt auch verfilmt werden soll. Darin geht es um einen schwulen 24-Jährigen in London, der unter Brücken lebt, sich mit Chemsex versucht von der Realität zu verabschieden und krasse Situationen mit Dealern erlebt. Aber wie ist die Lage in Berlin, besonders jetzt, wenn es draußen kälter wird?
„Ausgerechnet die SIEGESSÄULE hat mir oft einen Schlafplatz ermöglicht“, sagt Marc. Der 34-Jährige sitzt in einem Café in Mitte und erzählt von seiner schlimmsten Zeit in Berlin. „Die Zeitschrift liegt an vielen queeren Orten aus, manchmal habe ich sie in den Spalt einer Hintertür geschoben, damit ich abends wieder hineinkam und mich dort kurz hinlegen konnte.“ Mal war es ein Hostel, mal eine Lobby, in der er sich im Winter aufwärmte. „Die Leute dort waren meistens nett zu mir, wenn sie mich morgens gefunden haben.“ Marc hat ein freundliches Gesicht und ein breites Lächeln. „Das hat geholfen.“ Manchmal durfte er sogar duschen.
Marc kam im Sommer 2021 aus Irland nach Berlin. Als zwei Jahre später seine Beziehung zerbrach, verlor er auch seine Wohnung. Zunächst zog er in ein Hostel, das außerhalb der Saison manchmal nur zehn oder 20 Euro pro Nacht kostete. Dort lebten viele Menschen, die „nirgendwo so richtig hinpassten“, erzählt Marc. „Misfits“ nennt er sie – und sich selbst. Damals arbeitete er noch in einem Restaurant und konnte sich seinen Alltag einigermaßen leisten. Dann schloss das Hostel, Marc hatte keine Freund*innen, die er um eine Couch bitten konnte, und begann auf der Straße zu schlafen. „Das fühlte sich irgendwie auch cool an“, erinnert er sich: „I was a gutter twink on a death spiral.“
Über Wohnungslosigkeit aus queerer Perspektive erzählt auch Josh Silvers neuer Roman „Fruit Fly“. Darin lebt der junge schwule Leo zeitweise auf der Straße, kämpft mit einer Abhängigkeit und verdient Geld mit Sexarbeit. In Berlin taucht zu diesem Thema immer eine Zahl auf: Mehr als 50.000 Menschen leben in der Stadt ohne eigene Wohnung. Zwischen 6.000 und 10.000 Menschen leben Schätzungen zufolge tatsächlich auf der Straße. Doch auch diese Zahlen erfassen die Realität nur teilweise. Viele leben in einem „Dazwischen“: bei Freund*innen oder Bekannten, in Hostels oder Notunterkünften.
„Manche verbergen ihre queere Identität bewusst“
Belastbare Zahlen gibt es kaum. Laut einer Studie der Senatsverwaltung von 2024 leben in der Hauptstadt zwischen 7.000 und 10.000 LGBTIQ*, die wohnungs- oder obdachlos sind. Der Arbeitskreis Queer*Wohnen schätzt die Dunkelziffer weitaus höher. „Nach unserer Erfahrung ist dieser Teil der Identität häufig zumindest ein Baustein, der zur Wohnungslosigkeit geführt hat“, sagt Kathrin Schultz von Queerhome*. „Oder er ist ein Grund, warum Ratsuchende da nicht mehr herauskommen.“ Manche verbergen ihre queere Identität bewusst aufgrund der Angst vor weiteren Nachteilen. „Sie outen sich einfach nicht“, sagt Schultz.
„Nach unserer Erfahrung ist dieser Teil der Identität häufig zumindest ein Baustein, der zur Wohnungslosigkeit geführt hat.“
Marc lebte sein Queersein zunächst weiter offen aus, auch als er rund um den Helmholtzplatz auf der Straße schlief. „Ich habe meine Fingernägel lackiert und mich manchmal auffällig gekleidet.“ Häufig trug er Sachen aus den „Zu verschenken“-Kisten im Prenzlauer Berg. „Wenn da ein Crop-Top dabei war, habe ich das eben ein paar Tage getragen.“ Manchmal legten ihm Passant*innen eine Bioschokolade neben den Schlafsack. Darüber habe er sich immer gefreut. Doch es gab auch homophobe Kommentare von anderen Wohnungslosen. Als Marc später in einer Unterkunft ein Zimmer mit einem anderen Mann teilen musste, veränderte er sein Auftreten. „Ich wollte niemanden provozieren.“
Auf weiße Männer zugeschnitten
Wie sensibel queere Wohnungslose untergebracht werden, hängt in Berlin auch davon ab, in welchem Bezirk sie Hilfe suchen. „Manche Bezirke haben bereits bessere Strategien, das Problem anzugehen, anderen fehlt vor allem noch sehr viel Regenbogenwissen“, sagt Schultz. Vieles sei vom Einzelfall abhängig. Queerhome* rät Betroffenen, ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität gegenüber Fachkräften anzusprechen, wenn sie sich damit sicher fühlen. „Wir schulen auch Fachkräfte aus Behörden und Verwaltung zum Beispiel zu gendergerechter Sprache“, sagt Schultz. „Das macht für viele Ratsuchende bereits einen großen Unterschied.“
Denn auch die Wohnungslosenhilfe ist historisch vor allem auf alleinstehende Männer zugeschnitten und bis heute stark weiß geprägt. Andere Lebensrealitäten werden erst nach und nach mitgedacht. Das zeigt sich auch bei den vom Senat reservierten Notfallwohnungen, dem „Geschützten Marktsegment“: Viele der dort angebotenen Wohnungen haben nur ein oder zwei Zimmer.
Der Verein ASAP vermittelt Menschen aus dem Anti-Gewalt-Hilfesystem in langfristigen Wohnraum, allein im Jahr 2025 waren das rund 300 Wohnungen. „Alle unsere Klient*innen sind aufgrund von häuslicher Gewalt von Wohnungslosigkeit bedroht“, sagt eine Mitarbeiterin des Vereins. Häusliche Gewalt gebe es auch in queeren Beziehungen, darüber werde öffentlich jedoch wenig gesprochen. „Besonders trans* Personen sind in einer ganz besonders vulnerablen Situation.“ Sie haben es schwerer als andere, Wohnraum zu finden. Das bestätigt auch eine Feldstudie aus dem Jahr 2025, die mit über 2.200 fingierten WG-Bewerbungen zeigte, dass trans* und nicht binäre Bewerber*innen seltener Zusagen erhielten als cis Personen.
„Alle unsere Klient*innen sind aufgrund von häuslicher Gewalt von Wohnungslosigkeit bedroht.“
Die schwarz-rote Regierung unter Kai Wegner hatte sich ein großes Ziel gesetzt: Bis 2030 soll Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Berlin überwunden sein. Housing First wurde ausgebaut und wird 2026 mit rund 3,65 Millionen Euro finanziert, im Juni beschloss der Senat zudem neue Leitlinien für die Wohnungsnotfallhilfe. Doch vom Ziel ist Berlin weit entfernt: Anfang 2023 waren rund 40.000 wohnungslose Menschen behördlich untergebracht, Anfang 2025 fast 54.000. Vor allem fehlt es weiterhin an Wohnungen, in die Betroffene überhaupt vermittelt werden können. Über das Geschützte Marktsegment sollen derzeit jährlich 1.350 Wohnungen bereitgestellt werden, viel zu wenig für den Bedarf.
Marc hat auf der Straße auch Gewalt erlebt. Ein anderer Wohnungsloser versuchte, ihm eine Flasche über den Kopf zu schlagen. Andere Männer boten ihm Hilfe an, bei denen er schnell den Eindruck bekam, dass es ihnen um etwas anderes ging. „Die Regel ist: niemals mit jemandem mitgehen“, sagt er. An die Ratten habe er sich dagegen gewöhnt: „Die laufen meistens weiter, nur manche wollen kuscheln.“
Heute hat Marc wieder einen Job und zumindest ein Bett. Er lebt in einer Einrichtung für Wohnungslose und hofft, innerhalb der nächsten Monate eine eigene Wohnung zu bekommen. Eine Sache ist aus der Zeit auf der Straße geblieben: „Ich schlafe immer noch sehr leicht, weil ich immer denke, es könnte etwas passieren.“ Aber einen Vorteil hat er auch: „Ich kann jetzt wirklich überall schlafen.“
Arbeitskreis Queer*Wohnen
ak-queer-wohnen.de
Queerhome*
queerhome.de
ASAP e. V.
asap-ev.de
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