Queeres Landleben im Schwulen Museum: „Cruising the Countryside“
Vom 1. Mai bis 2. November zeigt das Schwule Museum mit „Cruising the Countryside“, dass queeres Leben auf dem Land weit facettenreicher ist als häufig angenommen. Die Ausstellung rückt vergessene Geschichten und spannende Zukunftsbilder vom Dorf ins Rampenlicht
Queeres Landleben – ein Oxymoron? Die Darstellung und Wahrnehmung von Kleinstadt, Bauernhof und Dorf als traditionell und heteronormativ ist tief im kulturellen Gedächtnis verankert. Ländliche Regionen existieren so als scheinbar gesellschaftlich bereinigter Ort, den die Diversität des Stadtlebens noch nicht erreicht hat. Dass diese Auffassung trügt und nicht zwingend der Realität entspricht, zeigt die Ausstellung „Cruising the Countryside – Queeres Leben auf dem Land” im Schwulen Museum. In fünf Kapiteln werden verschiedene ländliche Lebenserfahrungen beleuchtet.
„Viele der Ausstellungen hier im Schwulen Museum fokussieren sich oft auf urbane Lebensrealitäten. Dabei tut sich auch unglaublich viel im ländlichen Raum.“
„Viele der Ausstellungen hier im Schwulen Museum fokussieren sich oft auf urbane Lebensrealitäten. Dabei tut sich auch unglaublich viel im ländlichen Raum, gerade innerhalb der letzten zwei Jahre. Und wir fangen an, das auch mehr wahrzunehmen – beispielsweise was die Reihe an neu entstehenden CSDs in Brandenburg betrifft”, erklärt Kurator*in Collin Klugbauer.
„Cruising the Countryside“ skizziert primär eine Bewegungsgeschichte, die sich über 100 Jahre und zahlreiche Gegenstände erstreckt. Zwischen Bildern queerer Landwirt*innen des Fotografen Pancho Assoluto und Filmpostern von „Brokeback Mountain“, finden sich Kleidungsstücke, Kontaktanzeigen der lesbischen Zeitschrift Die Freundin sowie Video- und Audioarbeiten – oft verknüpft mit persönlichen Anekdoten. „Mal traurig und mal unglaublich schön. Die eine queere Landerfahrung gibt es eben nicht”, so Klugbauer. Viele Gegenstände stammen aus dem Museumsarchiv, andere sind Leihgaben von Archiven und Privatpersonen.
Von Einsamkeit bis Aktivismus
Das Resultat: ein umfassendes Bild des queeren Landlebens in all seinen Facetten, als Ort der Vernetzung, der Einsamkeit, der Sehnsüchte und des lokalen Aktivismus. Auch die anhaltende Dichotomie von Stadt und Land ist Thema. „Wenn man von Städten wie Berlin auf das Land schaut, geschieht dies oft mit abwertendem Blick. In der Recherche kam mir immer wieder die Auffassung unter, dass sich nur in der Stadt ein bestimmtes, emanzipatorisches Bewusstsein für die queere Szene herausbilden könnte”, meint Klugbauer. „Da wollte ich gegen anschreiben. Schließlich erfüllt sich dies der Stadt zugeordnete Freiheitsversprechen auch nicht immer. Und das queere Land hat einiges zu bieten.”
„Das queere Land hat einiges zu bieten.“
Auch die Arbeit der*des Künstler*in Alizé Rose-May ist als eine solche Objektgeschichte zu verstehen. Aufgewachsen in einem Bergdorf der Schweiz haben in Kindheit und Jugend sämtliche queere Figuren zur Identifikation gefehlt. „Lesbische Lebensrealitäten gehörten für mich nicht zu den denkbaren Zukünften”, so Alizé. „Meine künstlerische Arbeit versucht, diese Erfahrung zu korrigieren.”
Dabei taucht das Werk „Did You Know That The Edelweiss Isn‘t A Flower ...?“ immer wieder von Realität in Fiktion ab und lässt die Grenzen verschwimmen. Unter Verwendung queerer Ästhetiken wird mittels Hanky Code, Briefen und Liedtexten von Begegnungen und Alltagsmomenten erzählt. Wie die Ausstellung selbst ist Alizés Arbeit der Versuch, ein eigenes Archiv zu kuratieren und diesen Aspekt queerer Geschichte und Lebensrealität sichtbar zu machen.
„Cruising the Countryside“
01.05.–02.11.
Schwules Museum, Lützowstraße 73, Tiergarten
schwulesmuseum.de
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