DIY-Blogs gegen Zensur

Retro-Trend zurück zum Web 1.0: „Als das Internet noch quirky war“

16. März 2026 Selina Hellfritsch
Bild: Ivan Kuleshov
Der „Webcore“-Stil ist der Internetästhetik der späten 90er- und frühen 2000er nachempfunden

Algorithmen, KI und Plattformkapitalismus verdrängen queere Inhalte aus Meta, weshalb immer mehr Menschen – auch aus der Berliner Szene – die Plattform verlassen. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach selbstbestimmten digitalen Räumen. Wie könnten diese aussehen?

„Jump off Instagram 2026“, fordert die Berliner Punk-Dragqueen Bleach Ende letzten Jahres. Dazu verlinkt sie die Website instajump2026.com, auf der mittlerweile ein Countdown auf null steht und Namen aufgeführt werden, die sich angeschlossen haben. Unter ihnen sind Projekte wie das Queer Club Culture Archive, das Kunst aus der Clubkultur archiviert, der Berliner Nightlife-Guide q.bpm und die sexpositive Partyreihe Gegen Berlin.

Der Aufruf ist simpel: Verlasst Instagram, boykottiert Plattformkapitalismus und interagiert mit Menschen im realen Leben. Gleichzeitig erleben alternative soziale Netzwerke, DIY-Blogs und Mailinglisten ein Revival. Das erinnert an die frühen Tage des Internets, an das unpolierte Web 1.0 und wirft die Frage auf, ob die Community nun endgültig genug von Zensur und Shadowbanning auf Social Media hat?

„Meta wird zu einem zunehmend zensierten und überwachten Raum. Was wir posten und wie wir diese Online-Räume nutzen, wird gegen uns eingesetzt.“

„Meta wird zu einem zunehmend zensierten und überwachten Raum. Was wir posten und wie wir diese Online-Räume nutzen, wird gegen uns eingesetzt. Das möchte ich nicht mehr unterstützen“, sagt eine*r Performer*in des Berliner Drag-Kollektivs „the rasc4ls“ gegenüber SIEGESSÄULE. Sie wollen hier lieber nicht mit einzelnen Namen gelistet werden, sondern als Kollektiv sprechen. Während einige von ihnen aktiv auf Social Media sind und Zensur durch Meta erfahren haben, blieben andere bislang eher verschont „aber wir haben gesehen, wie es Leute aus der Community betrifft“. Bleach habe das Kollektiv inspiriert nun endgültig Instagram zu verlassen. „Stattdessen wollen wir auf andere Weise mit unserer Community connecten.“ Zum Beispiel über einen Newsletter auf Substack. Sie seien sich bewusst, dass sie diesen Schritt leichter gehen können und aus einer privilegierten Position sprechen. Denn sie können erst einmal auf große Follower*innenzahlen verzichten, da sie mit Drag nicht ihren Lebensunterhalt verdienen.

Anders sieht es beim Partykollektiv Gegen aus, das im letzten Jahr mehrmals seinen Instagram-Account mit rund 90.000 Follower*innen verloren hat, da Meta ihm „Ausbeutung und Handel mit Menschen“ vorgeworfen hatte. Auch wenn die Reichweite des Contents davor schon stagnierte, so war und ist Instagram noch immer ein einflussreiches Tool, um die eigene Zielgruppe zu erreichen und Veranstaltungen zu promoten. Im Dezember sprach Gegen bereits mit SIEGESSÄULE: „Einen Account zu verlieren bedeutet nicht nur den Verlust von Follower*innen, sondern auch weniger Sichtbarkeit, weniger Tickets und weniger Geld für Künstler*innen.“ Mittlerweile versuchen sie vermehrt alternative Kommunikationswege auszubauen – die Frage ist, ob sie die Berliner Szene dort genauso erreichen.

Innerhalb der letzten Jahre wurde Meta immer restriktiver gegenüber vermeintlich „politischen Posts“: Die Reichweite wurde eingeschränkt, Nutzer*innen mussten aktiv ihre Einstellungen ändern, um sie weiterhin zu sehen, und Anzeigen, die als „politisch“ galten, wurden gedrosselt oder gesperrt. Dabei suchen Nutzer*innen bis heute vergeblich nach einer konkreten Antwort auf die Frage: Was gilt als „politischer Content“? Aber spätestens als sich die Tech-Giganten öffentlich hinter Donald Trump versammelten, war klar: Diversität wurde zum Feindbild erklärt.

„Wir waren immer da“

„Das Internet wurde nicht für uns gebaut — aber wir waren immer da. Von den ersten Messageboards bis zu den queeren Ecken sozialer Medien. Aber diese Orte sind fragil: abhängig von Plattformen, die wir nicht kontrollieren, zensuranfällig oder zu teuer“, schreibt die queer betriebene dotMeow Stiftung auf ihrer Website. Janis König ist Teil des Projekts und arbeitet im Bereich Software-Sicherheit und IT-Forschung.

Im Gespräch mit SIEGESSÄULE sagt sie: „Wir wollen den Trend befeuern, dezentrale Internetinfrastruktur zu bauen und dabei die Kontrolle wieder in die Hände der Community zu geben.“ Konkret möchte die Stiftung eine generische Top-Level-Domain (TLD) anlegen, deren Teil nach dem Punkt nicht .de oder .com lauten soll, sondern .meow. Was man damit machen kann? Sich eine eigene Domain zulegen, einen Blog starten, seine Katze live streamen oder sich ein witziges Fediverse-Handle kreieren und dabei dem Internet wieder mit Spaß begegnen.

„Wir wollen den Trend befeuern, dezentrale Internetinfrastruktur zu bauen und dabei die Kontrolle wieder in die Hände der Community zu geben.“

Gerade sind sie noch im Bewerbungsprozess für die neue TLD – ein besonderer Moment, denn das letzte Zeitfenster gab es dafür 2012. „Wir hatten zum richtigen Zeitpunkt eine Schnapsidee, die wir jetzt umsetzen können“, erzählt Janis und verweist dabei stolz auf die erfolreiche Kickstarter-Kampagne, die bereits über 80.000 Euro einbringen konnte. Sobald sie die TLD registrieren können und live gehen, werden sie alle Einnahmen, die über die Betriebskosten hinausgehen, in queere Projekte zurückinvestieren. Somit sind nicht nur die Domains der Nutzer*innen durchgängig in queeren Händen, sondern auch ihr Geld.

„Wir vermissen die Zeit, als das Internet noch quirky war“, so Janis. „Wenn ich an das Web 1.0 denke, erinnere ich mich das daran, dass Leute einfach Spaß hatten und sich vernetzten. Heute sind soziale Medien weniger ein Netzwerk als vielmehr eine Plattform.“ Der Unterschied: Ein Netzwerk sei auf Austausch ausgelegt, während eine Plattform – wie Instagram – mehr als eine mediale Bühne funktioniere, auf der sich jede*r inszeniere. Eine*r der Performer*innen von „the rasc4ls“ stimmt zu: „Instagram gibt mir das Gefühl, gefangen zu sein. Wir haben uns zu sehr auf eine Plattform verlassen. Jetzt fällt es uns schwer, sie zu verlassen, obwohl Meta so offensichtlich Machtmissbrauch betreibt.“

Unzensiert und authentisch

Es sei wichtig, sich daran zu erinnern, dass Nutzer*innen Kontrolle über ihre technischen Anwendungen haben sollten und nicht anders herum, betont Janis. Das sei der eigentliche Grundgedanke. Aus dieser Gegenbewegung heraus gewinnen nun eingestaubte Anwendungen, wie eigene Blogs, die auch mal Rechtschreibfehler haben, oder Mailinglisten, die mit einem verpixelten Bild beginnen, wieder an Bedeutung. Das Besondere an ihnen: Sie sind unzensiert, authentisch und von Menschen gemacht. Das Drag-Kollektiv „the rasc4ls“ ist sich einig: „Noch ist es ungewohnt, wieder Mailinglisten und Blogs zu nutzen, aber wir sehen diese Bewegung in unserem Umfeld – eine aufflammende Konsumkritik, die daran glaubt, dass unser Handeln etwas bewirkt.“  

Hinweis

Trotz der berechtigten Kritik an Meta haben wir uns entschieden, zunächst auf Instagram und Facebook zu bleiben. Als unabhängiges Medium wollen wir hier weiterhin Falschinformationen etwas entgegensetzen und die Berliner LGBTIQ*-Community sichtbar machen. Dennoch werden wir die Entwicklungen beobachten und sind nun zusätzlich auf der dezentralen Social-Media-Plattform Bluesky präsent.

Folge uns auf Bluesky unter: @siegessaeule.bsky.social

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