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Interview mit Tugay Saraç

Schließung der Ibn Rushd-Goethe Moschee: „Wir geben nicht auf“

5. Jan. 2024 Muri Darida
Bild: privat
Tugay Saraç, LGBTIQ*-Koordinator der Ibn Rushd-Goethe Moschee

Nachdem die liberale und queerfreundliche Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin im Visier von Terroristen stand, gab sie im Oktober ihre vorläufige Schließung bekannt, SIEGESSÄULE berichtete. Muri Darida sprach mit Tugay Saraç, dem Ko-Projektleiter der dortigen Anlaufstelle Islam und Diversity, über die Hintergründe und weiteren Schritte

Tugay, warum wird die Ibn Rushd-Goethe Moschee bedroht? Wir machen eine Arbeit, die vielen Menschen nicht gefällt. In unserer Moschee beten die Geschlechter nicht getrennt voneinander, die meisten Frauen tragen während des Gebets kein Kopftuch, und wir sind eine offen queerfreundliche Moschee, die sich für Rechte queerer Menschen im Islam einsetzt. Somit waren wir schon immer einer gewissen Bedrohungslage ausgesetzt. Deren Dimension ist aber über die Jahre immer größer geworden, je mehr wir uns im queeren Bereich eingesetzt haben.

Seit wann genau? Eine Gründerin, Seyran Ateş, stand schon vor der Moscheegründung im Jahr 2017 unter Polizeischutz. Die Moschee und wir Mitarbeiter*innen sind vor allem seit 2021 immer wieder Ziel von Drohungen. Damals haben wir zum ersten Mal die Regenbogenflagge zum Pride Month gehisst. Besonders krass war es für mich während der Kampagne „Liebe ist halal.” Halal bedeutet „rein” oder „erlaubt”. Die Plakate der Kampagne hingen überall in der Stadt und ich war auch auf vielen davon abgebildet. In der Zeit konnte ich nur noch mit FFP2-Maske und Käppi durch die Stadt gehen. Manchmal haben die Menschen mich erkannt und dann teilweise angefangen, mich massiv zu beleidigen. Sie sagten: „Du Hurensohn, du dreckiger Bastard, du gehörst getötet.” Als offen schwuler und muslimischer Mann habe ich sehr viel Hass abbekommen. Sicher gefühlt habe ich mich in der Zeit nur noch zu Hause in meiner Wohnung – allerdings war ich in einer konstanten Stresssituation. Aufs Telefon zu schauen bedeutete, die nächste beleidigende oder bedrohende Nachricht zu sehen. Also habe ich versucht, so wenig wie möglich am Handy zu sein. Auf Social Media haben mir Menschen gedroht, mich zu köpfen. Aber damals konnten wir uns – im Gegensatz zu jetzt – nicht vorstellen, die Moschee zu schließen.

„Oft kommen Menschen zu uns, die an eine Community andocken möchten und andere Menschen treffen wollen, die auch queer und muslimisch sind.“

Was hat euch die Kraft gegeben, weiterzumachen? Das Projekt und unsere Moschee wurden gut angenommen und wir haben auch sehr viel positives Feedback bekommen. Oft kommen Menschen zu uns, die an eine Community andocken möchten und andere Menschen treffen wollen, die auch queer und muslimisch sind. Die Nachfrage nach unserem Beratungsangebot ist sehr hoch. Die Personen, die unseren Rat suchen, haben Schwierigkeiten, ihre Queerness und ihr Muslimischsein zu vereinen. Vielen Menschen fällt es sehr schwer, beide Aspekte in sich zusammenzubringen.

Welche Bedrohung hat euch nun dazu gezwungen, die Moschee zu schließen? Nachdem wir 2021 und 2023 die Regenbogenflagge gehisst haben, wurden wir international bekannter. Unsere Einrichtung tauchte in den türkischen Staatsmedien auf, aber auch in Russland, Tschetschenien, Ägypten und Indonesien. Vergangenes Jahr wurden wir auch in IS-Medien bekannt. Als wir jetzt im Sommer die Flagge gezeigt hatten, kam ein Mann in die Moschee und hat meine Kollegin angeschrien und bedroht. Wir haben die Flagge dann abgenommen. Im Oktober hat uns ein Journalist von t-online angeschrieben. Erst in seinem Artikel haben wir gelesen, dass wir in IS-Magazinen aufgetaucht sind und dass Terroristen nach Deutschland gekommen sind – mit Anschlagsplänen gegen uns und jüdische Einrichtungen. Der Grund, warum es nicht dazu kam, war, dass sie kein Geld für Waffen hatten.

Wie habt ihr reagiert? Wir haben entschieden, den öffentlichen Betrieb erst mal zu schließen. Wir wissen nicht, wie wir wieder ein Sicherheitsgefühl herstellen sollen. Unser Gebäude in Moabit teilen wir mit Nachbar*innen, mit einer Arztpraxis, mit einer Kita – sowohl ihre als auch unsere eigene Unversehrtheit wollen wir schützen. Selbst wenn wir umziehen würden, wären wir immer auffindbar. Schließlich lebt eine Moschee davon, dass sie begehbar ist.

Wie soll es jetzt mit der Moschee weitergehen? Aktuell beraten wir fast nur noch online. Auch das Freitagsgebet findet online statt. Als es noch in Präsenz stattfinden konnte, stand freitags immer die Polizei bei uns vor der Tür. Wir haben auch einen eigenen Sicherheitsdienst, den wir selbst bezahlen. Aber das ist kein bewaffneter Sicherheitsdienst und er schützt uns im Falle eines Terroranschlags nicht ausreichend. Wir gehen weiter in Schulen, machen Bildungsarbeit und Seelsorge und überlegen, wie wir unsere Angebote am Leben halten können. Ideal wäre es, ein ganzes Gebäude zu mieten, für das wir ein eigenes Sicherheitskonzept erarbeiten könnten. Aber wo findet man so was in Berlin, das bezahlbar und nicht marode ist?

„Generell werden liberale Muslim*innen oft nicht für voll genommen. Es wird behauptet, wir seien nur ganz wenige.“

Bekommt ihr genug Unterstützung aus der Politik? Die letzte Landesregierung und die Bundesregierung haben uns stark ignoriert. Gerade die letzte rot-grün-rote Regierung in Berlin zeigte wenig Interesse, mit uns ins Gespräch zu kommen. Im Zusammenhang mit der Bundesregierung ist unser Problem, dass sie sich stark an der Islamkonferenz orientiert und diese eher konservativ ist. Auf den Kongressen sind wir zwar anwesend und dürfen zuhören, aber nicht auf Panels sprechen. Queere muslimische Menschen sind da kein Thema. Generell werden liberale Muslim*innen oft nicht für voll genommen. Es wird behauptet, wir seien nur ganz wenige. Die großen Verbände kriegen Geld aus dem Ausland und von der Bundesregierung. Da können wir nicht mithalten.

Und wie steht es um Solidarität aus der Community? In der queeren Szene werden wir oft komisch behandelt. Dieses Jahr waren wir zum ersten Mal beim LesBiSchwulen Stadtfest und bekamen rassistische Sprüche wie: „Ihr würdet uns doch auch am liebsten vom nächsten Hochhaus werfen!” Mit vielen Menschen haben wir einen wunderbaren Austausch. Aber sobald ich mich außerhalb des aktivistischen Bereichs bewege und Leute auch noch angetüdelt und in der Äußerung ihrer Ressentiments enthemmt sind, fühle ich mich einsam in der Mainstream-Community.

Welche Unterstützung wünscht ihr euch? Solidarität und Sichtbarkeit sind extrem wichtig für uns. Wir haben eine Petition auf AllOut gestartet mit dem Namen „Liebe bleibt halal: Rettet die Ibn Rushd-Goethe Moschee“. Eine Petition gibt uns Zahlen und mit ihnen das Signal: Die Menschen wünschen, dass die Moschee offen bleibt. Die Landes- und Bundesregierung könnten für mehr Sicherheit für uns sorgen. Dafür brauchen wir mehr Aufmerksamkeit.

„Die Landes- und Bundesregierung könnten für mehr Sicherheit für uns sorgen. Dafür brauchen wir mehr Aufmerksamkeit.“

Was würde eine dauerhafte Schließung bedeuten? Die radikalen Islamisten hätten erreicht, was sie seit unserer Gründung wollen: dass es keine einzige solche Moschee in Deutschland mehr gibt. Das wäre ein riesiger Verlust. Wir wären sicherlich nicht die einzige liberale Moschee in diesem Land, wenn es sicher wäre. Klar, wir werden online weitermachen. Aber die physischen Begegnungen sind so wichtig. Da entstehen Verbindungen, die einen liberalen, queerfreundlichen Islam möglich machen. Genau deshalb wollen wir nicht aufhören. Wir werden nicht aufgeben.

„Liebe bleibt halal: Rettet die Ibn Rushd-Goethe Moschee“,
Petition auf action.allout.org,
Infos: ibn-rushd-goethe-moschee.de

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