Reportage

Sexarbeit in der Corona-Krise

3. Sept. 2020 Jeff Mannes
Bild: Ivan Kuleshov
„Aus dem Verkehr gezogen“: In manchen Bundesländern ist ein Ende des Verbots noch nicht in Sicht

Seit August hat das Land Berlin die Sexarbeit wieder schrittweise ermöglicht – viel zu spät, finden Aktivist*innen. Besonders Sexarbeiter*innen in prekären Verhältnissen hat das monatelange Verbot schwer zugesetzt. Derweil werden in der Politik wieder Forderungen nach einem generellen Sexkaufverbot laut und im Zuge der Corona-Pandemie wird die Branche erneut stigmatisiert. Jeff Mannes hat bei Sexarbeiter*innen nachgefragt, wie sie die angespannte Situation zurzeit erleben

Mit dem Corona-bedingten Lockdown im März wurde das „nicht-systemrelevante” öffentliche Leben über Nacht quasi stillgelegt. Weniger als zwei Monate später durften langsam die ersten Geschäfte und Betriebe wieder öffnen – Prostitutionsstätten zählten nicht dazu. Drei weitere Monate mussten diese in Berlin warten, bis der Senat Anfang August beschloss, das Prostitutionsverbot zu kippen.

Seit dem 8. August sind sexuelle Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr erlaubt, ab Anfang September soll auch Geschlechtsverkehr unter bestimmten Voraussetzungen wieder möglich sein. In anderen Bundesländern ist ein Ende des Verbots hingegen noch nicht in Sicht. Und das, obwohl Hygienekonzepte seit längerer Zeit vorliegen.

„Es macht keinen Sinn, dass Physiotherapie und Massagen schon lange erlaubt waren, Sexarbeit aber nicht. Man ist sich bei der Sexarbeit nicht zwingend näher und kann Körperkontakt so gestalten, dass er den Hygieneregeln entspricht.”

„Es macht keinen Sinn, dass Physiotherapie und Massagen schon lange erlaubt waren, Sexarbeit aber nicht”, erklärt Domina und Sex Educator Kristina Marlen. „Man ist sich bei der Sexarbeit nicht zwingend näher und kann Körperkontakt so gestalten, dass er den Hygieneregeln entspricht.” Noch deutlicher wird BDSM-Sexarbeiter Dominus.Berlin: „Es ist eine unzumutbare Frechheit gewesen, dass wir so lange aus dem Verkehr gezogen wurden bzw. in anderen Bundesländern noch immer sind.”

Warum wird Sexarbeit anders behandelt?

SIEGESSÄULE fragte beim zuständigen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nach den Gründen, warum andere körpernahe Dienstleistungen erlaubt sind, während das Arbeitsverbot für Sexarbeiter*innen teilweise immer noch gilt. Von einer Pressesprecherin wird uns mitgeteilt, dass für die Anordnungen der Schließungen und für die Wiedereröffnung der Prostitutionsstätten die Bundesländer bzw. Kommunen zuständig seien. Ohne konkret auf unsere Fragen einzugehen betont das Ministerium, die „besonders ge- fährdeten unter den Prostituierten in dieser schwierigen Situation der Corona-Pandemie“ schützen zu wollen.

Kritik an dem zu langen Verbot der Sexarbeit kam von der Deutschen Aids-Hilfe (DAH). Deren Pressemitteilung Ende Juli zitiert Vorstand Ulf Kristal: „Sexarbeit darf nicht anders behandelt werden als andere Tätigkeiten mit engem Körperkontakt. Der Gleichheitsgrundsatz gilt unabhängig von moralischen Bewertungen. Niemand hat darüber zu urteilen, ob für jemand anderen ein Friseurbesuch oder ein sexuelles Erlebnis wichtiger ist.”

Das Verbot habe Sexarbeiter*innen in Notlagen gebracht, insbesondere jene, die auch zuvor schon in prekären Situationen arbeiten mussten, die keine Krankenversicherung haben, deren Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist oder die obdachlos sind.

„Sprecht mit uns, nicht über uns!”

Begrüßt wurde diese Kritik vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD), zu dem auch Dominus.Berlin gehört: „Je näher die Instanzen, die sich mit dem Thema der Sexarbeit auseinandersetzen, an diesen Menschen dran sind, desto eher teilen sie unseren Standpunkt. Wir wünschen uns deshalb auch von der Politik: Sprecht mit uns, nicht über uns!”, sagt er.

Negative Folgen des Verbots

Während die Sexarbeit Anfang August u. a. in Brandenburg und Hamburg noch verboten war, gibt es zum Beispiel in Bayern und Berlin Lockerungen. Dominus.Berlin freut sich, dass in der Pressemitteilung des Berliner Senats klar herauszulesen war, dass dieser Schritt sowohl aus sozialer wie auch aus epidemiologischer Sicht Sinn macht. „Wir sind dem Senat dankbar, dass er hier die Initiative ergriffen hat.“

Kristina Marlen hofft, dass andere Bundesländer nachziehen werden: „Denn sonst kann das zu einer Art Sexarbeit-Tourismus führen, weil Sexarbeitende gezwungen sind, in andere Bundesländer zu reisen, um ihrer Arbeit legal nachgehen zu können”, erklärt sie. „Schon jetzt sind viele in die Schweiz gegangen, um dort arbeiten zu können.”

„In Prostitutionsstätten hast du Desinfektionsmittel, es wird regelmäßig sauber gemacht und gelüftet, Auflagen können bestimmen, dass nur zwei Personen sich in einem Raum aufhalten dürfen. All das wird in der Illegalität erschwert oder unmöglich gemacht.“

Doch warum macht die Legalisierung der Sexarbeit auch aus epidemiologischer Sicht Sinn? „Wenn Menschen illegal arbeiten, kannst du das nicht mehr regulieren”, betont Dominus.Berlin. „In Prostitutionsstätten hast du Desinfektionsmittel, Gäste können Kontaktdaten zur Rückverfolgung der Infektionskette hinterlassen, es wird regelmäßig sauber gemacht und gelüftet, Auflagen können bestimmen, dass nur zwei Personen sich in einem Raum aufhalten dürfen. All das wird in der Illegalität aber erschwert oder unmöglich gemacht. Das Verbot war also ein Riesenfehler.”

Erneute Stigmatisierung

Ein Fehler, der wohl auch mit einer sich wieder im Aufwind befindenden Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen zusammenhängt. Im Mai bezeichnete SPD-Politiker Karl Lauterbach Sexarbeitende und ihre Kund*innen als potenzielle „Superspreader” des Coronavirus, was an negative Stereotype wie das Bild der „dreckigen Hure“ erinnert. Doch Massenübertragungen in Deutschland hat es bisher durch ausbeuterische Arbeitsbedingungen, in beengten Wohnverhältnissen und in Gottesdiensten gegeben, betonte die DAH. Bei der Sexarbeit hätten nur wenige Leute engen Kontakt miteinander.

„Die Leute glauben, sobald Sex im Spiel ist, gäbe es Zustände wie in Sodom und Gomorrha”

Derweilen setzt sich Lauterbach mit anderen Bundespolitiker*innen für ein generelles Sexkaufverbot ein – auch nach der Corona-Pandemie. „Die Leute glauben, sobald Sex im Spiel ist, gäbe es Zustände wie in Sodom und Gomorrha”, bedauert Kristina Marlen. Sexarbeiter*innen würden nicht ernst genommen und ihnen werde unterstellt, sie würden die Schutzmaßnahmen nicht umsetzen. „Das ist eine Unverschämtheit und ein politischer Versuch, die Corona-Pandemie dafür zu benutzen, die eigene reaktionäre Agenda zu untermauern.”

Bordelle seien aber keine Großveranstaltungen, im Gegenteil: Es werde immer darauf geachtet, dass die Kund*innen einander nicht sehen. „Und ich selbst sehe vielleicht drei bis vier Kund*innen die Woche. Ich habe viel weniger Kontakt mit wechselnden Menschen als mein Frisör oder ein*e Busfahrer*in. Und ich kann diese Kontakte nachvollziehen und informieren, weil meine Kundschaft vorher mit mir über E-Mail Kontakt aufgenommen hat.”

Profis im Infektionsschutz

Sobald aber Sex gegen Geld getauscht werde, stünde man unter Verdacht, hochgefährlich zu sein. „Das gilt aber nur für bezahlten Sex, Datingportale sind ja weiterhin erlaubt”, bemerkt Kristina Marlen ironisch. „Wir haben Herrn Lauterbach schon so oft ein Gespräch mit dem BesD angeboten”, sagt Dominus.Berlin. „Er hat zwar einen Termin gemacht, ihn danach aber wieder abgesagt. Seit nun fast zwei Monaten findet er keine Zeit für uns.”

Dabei könnte er vielleicht noch etwas von Sexarbeitenden lernen. In ihrer Pressemitteilung bekräftigte die DAH: „Sexarbeiter*innen sind seit jeher Profis, wenn es darum geht, sich vor Infektionen zu schützen. Sie könnten vielleicht sogar Vorbilder werden für einen unaufgeregten und vernünftigen Umgang mit dem Corona-Risiko.“

Auch deswegen organisiert die Sex Work Action Group vom 31. August bis zum 7. September eine Aktionswoche in Berlin, die mit einer Demonstration für die Rechte von Sexarbeiter*innen endet.

Sex Work Action Week, 31.08.–07.09., Berlin

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