Kommentar zum Fall Fernandes

Sexualisierte Gewalt und Misogynie dürfen keine Normalität sein

22. Apr. 2026 Selina Hellfritsch
Bild: Picture Alliance | Wolfgang Maria Weber
Eine der deutschlandweiten Demonstrationen in Solidarität mit Collien Fernandes und gegen sexualisierte (digitale) Gewalt

Der Fall Fernandes zeigt: Misogynie und sexualisierte Gewalt sind kein Ausnahmezustand, sondern tief in unserer Gesellschaft verankert. Gerade jetzt braucht es die Bereitschaft, hinzusehen statt zu schweigen – auch in der LGBTIQ*-Community. SIEGESSÄULE-Redakteurin Selina Hellfritsch kommentiert

Seit gut einem Monat diskutiert Deutschland über den Fall Fernandes/Ulmen. Und das ist auch gut so. Wir sollten das Momentum nutzen, um dem Thema sexualisierte Gewalt und Misogynie die Aufmerksamkeit zu geben, die benötigt wird. Denn geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen steigt seit Jahren an – und das sowohl im analogen als auch digitalen Raum – und wir sind noch weit davon entfernt, Betroffenen umfassenden Schutz zu gewährleisten.

Eine von ihnen ist Collien Fernandes. Seit Jahren versucht sie herauszufinden, wer in ihrem Namen Fakeprofile auf sozialen Plattformen erstellt und damit Männer in ihrem Umfeld kontaktiert. Dabei wurden nicht nur pornografische Videos verschickt, die Fernandes ähnlich sehen, sondern auch KI generierte Deepfake-Aufnahmen. Nun beschuldigt Fernandes ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen, sie „digital vergewaltigt“ zu haben. Auch eine Anzeige wegen Körperverletzung liegt seit letztem Jahr vor. Ulmen bestreitet einige der Anschuldigungen, hat sich aber bis jetzt noch nicht öffentlich geäußert. Dafür aber zahlreiche andere Menschen, die auf den Straßen und im Internet laut geworden sind, sich mit Fernandes solidarisieren und sexualisierte (digitale) Gewalt sowie Misogynie anprangern.

Auch jetzt bleibt die Frage, wie das Zusammenleben der Geschlechter überhaupt noch funktionieren soll.

Schnell war die Rede vom deutschen „Pelicot-Fall“. Verständlich, denn es scheint ein ähnliches Beben durch die Gesellschaft zu gehen – eines das einen Funken Hoffnung darauf gibt, dass sich etwas verändern könnte. Beide Vorfälle sind Extrembeispiele, in denen Frauen über Jahre hinweg systematisch missbraucht und gegaslightet wurden. Vor allem der Fall Pelicot hat einmal mehr gezeigt, dass der gefährlichste Ort für eine Frau weiterhin das eigene Zuhause ist. Je tiefer man in diese Fälle eintaucht, desto größer scheint der Abgrund. Und da ist es wenig überraschend, dass immer mehr Frauen auf ironische oder ernste Weise sich von Männern distanzieren und nicht mehr mit ihnen intim sein wollen. Das erinnert an das feministische 4B-Movement (Nein zu hetero Ehen, Schwangerschaft, Geburt, Dating und Sex) aus Südkorea, bei dem Frauen aus politischen Gründen Männern abschworen. Auch jetzt bleibt die Frage, wie das Zusammenleben der Geschlechter überhaupt noch funktionieren soll.

Dabei ist es wichtig anzuerkennen, dass sich diese Probleme nicht nur auf Hetero-Kontexte beschränken, denn misogynes Handeln zieht sich durch alle Geschlechter, Orientierungen und macht auch vor queeren Räumen keinen Halt. Gerade schwule Männer können leicht in Kreisen landen, in denen sie kaum Kontakte zu Frauen pflegen (müssen), wodurch das eigene sexistische Verhalten noch seltener konfrontiert wird. Queerness schützt nicht vor misogynem Verhalten, im Gegenteil können auch hier Machtstrukturen reproduziert und verfestigt werden.

Auf die Frage, wie man dem Problem begegnen könnte, sollte man sich kein Beispiel an unserem Bundeskanzler Friedrich Merz nehmen. Dieser versucht sich aus der Affäre zu ziehen, indem er das Problem – mal wieder – auf Migrant*innen abwälzt. Aber weder sexualisierte Gewalt noch Misogynie sind ein „importiertes Problem“ noch stammen sie aus „fremden Kulturkreisen“. Diese Denkweise ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Wir müssen verstehen, dass geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist und dementsprechend genauso von den deutschen Ulrichs, Markus und Christians verübt wird.

Sexualisierte Gewalt beginnt bereits im Kleinen

Aber treten wir einen Schritt zurück: Sexualisierte Gewalt beginnt nicht erst dann, wenn Frauen auf der Straße gecatcalled werden, wenn eine Frau ungefragt angefasst, wenn sie jahrelang vergewaltigt oder wenn ein harter Deepfake-Porno mit ihrem Gesicht erstellt wird. Misogynie fängt bereits in dem Moment an, in dem sich ein Mann wegen seines Geschlechts über eine Frau stellt. Es zeigt sich in Momenten, in denen Frauen kleingehalten werden, oft mit vermeintlichen Scherzen, Rhetoriken, in denen sie gedemütigt werden und der Wunsch besteht, sie zu kontrollieren. Diese Debatten und Erkenntnisse sind weder neu noch überraschend, verdeutlichen uns aber umso mehr, an welchem Punkt wir stehen – auch fast zehn Jahre nach der großen #MeToo-Welle.

Klischeehafte Bilder wie „Frauen können nicht gut mit Geld umgehen“, „Frauen sind weniger belastbar“ oder sie seien „zu emotional, um eine gute Führungskraft zu sein“ sind nur einige Beispiele, die sich weiterhin hartnäckig halten. Und es zeigt sich auch immer dann, wenn Männer Anspruch auf Frauenkörper erheben – ein Blick in die Kommentarspalten von Influencerinnen oder unter die Posts zum Fall Fernandes/Ulmen reichen dafür schon aus.

Nur ein Klima, in dem solch ein Verhalten toleriert wird, legt überhaupt erst die Grundlage für sexualisierte Gewalt in seinen extremsten Formen bis hin zum Femizid.

All diese vermeintlich kleinen Gesten und Taten passieren tagtäglich in unser aller Umfeld. Sie sind kein Randphänomen, sondern Teil einer gesellschaftlichen Normalität. Und nur ein Klima, in dem solch ein Verhalten toleriert wird, legt überhaupt erst die Grundlage für sexualisierte Gewalt in seinen extremsten Formen bis hin zum Femizid. Deshalb sagt eurem schwulen Freund, dass der sexistische Witz daneben war. Reflektiert Impulse, die euch dazu verleiten, Betroffenen sexualisierter Gewalt nicht zu glauben. Sprecht mit eurer hetero Freundin darüber, dass sich ihr Boyfriend in ihrer Abwesenheit misogyn verhält. Hört zu, wenn marginalisierte Frauen – die queer, trans oder BIPoC sind – über Sexismuserfahrungen sprechen. Wir alle, aber allen voran Männer, müssen besser darin werden misogynes Verhalten im Alltag zu erkennen und anzukreiden.

Gerade der Fall Fernandes verdeutlicht, wie wenig das passiert ist: Zahlreiche Männer in ihrem direkten Umfeld wurden von den Fakeprofilen kontaktiert, aber es dauerte Jahre, bis ihr jemand davon erzählte. Schweigen ist keine Option. Die Scham muss wirklich die Seite wechseln: Nicht Betroffene sollten sich schämen müssen, während sie um ihre Glaubwürdigkeit ringen, sondern (potenzielle) Täter und zwar so sehr, dass sie bestenfalls erst gar nicht die Tat begehen.

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